Mit 80 den Watzmann besteigen, mit 90 einen Triathlon absolvieren und mit 100 die Viertklässler bei den Bundesjugendspielen deklassieren: Welche Perspektive! Und all das ist möglich. Sofern man konsequent auf »Longevity« setzt, einen famosen Trend aus den USA.
Der Begriff »Longschivedie« (so die Aussprache) entstammt der Immobilienbranche. Übersetzt bedeutet er »Langlebigkeit«. Aber mit so einem deutschen Wort von kühler Langweiligkeit kannst du keinen Trend setzen. Wer begrüßt jemand schon noch mit »Na, altes Haus«? Englisch klingt besser.
Zumal sich Milliardäre und potenzielle Mars-Besiedler wie Elon Musk, Jeff Bezos, Peter Thiel oder Mark Zuckerberg zu Longevity bekennen. Was man verstehen kann. Denn solche Menschen schwimmen dermaßen im Geld, dass sie ihr Erspartes innerhalb einer normalen Lebensspanne niemals ausgeben können. Sie brauchen mehr Zeit. Weshalb unter Einsatz vieler Forschungs-Milliarden versucht wird, Sterblichkeit als behebbaren Betriebsunfall der Natur zu entlarven.
Als Guru der Szene gilt der Tech-Milliardär und Social-Media-Star Bryan Johnson. 48 Jahre alt ist er auf dem Papier, biologisch aber nach eigenen Angaben erheblich jünger. Bis auf 18 Jahre will er seine Körperuhr zurückdrehen. Mehr nicht, vermutlich fürchtet er den zweiten Stimmbruch. Johnson schluckt viele Pillen, lässt seinen Körper und dessen Funktionen rund um die Uhr überwachen und lässt Experimente mit seinem Körper zu.
Aber was jucken uns die Hirngespinste irgendwelcher Superreicher? Viel, denn die Verjüngungsindustrie ist ein riesiger Markt von geschätzt 28 bis 46 Milliarden US-Dollar pro Jahr weltweit. Tendenz steigend. Und »die Märkte« entscheiden immer.
Dabei könnten wir es uns einfach machen. Wir könnten auf unsere Ärztinnen und Ärzte hören, uns gesünder ernähren, Alkohol und anderes Zuckerwasser weglassen, uns mehr bewegen und folglich Gewicht reduzieren. Wir könnten Griffkraft, Rumpf und Beinmuskulatur kostensparend trainieren, indem wir mit zwei vollen Einkaufstaschen längere Wege gehen – Fachbegriff: Loaded Carry. Schon Müll wegbringen schüttet das Glückshormon Dopamin aus und heilt so unsere Seelen.
Doch Jungbleiben nach Milliardärsart muss schick sein. Ein Luxus-Hantelset für 800 Euro macht was her. Zudem ermahnt uns Longevity dazu, uns auch in unseren späten Jahren kontinuierlich selbst zu optimieren und beim Altwerden besser als die Konkurrenz zu sein. Faulheit ist unanständig. Und sollte sich der Trend durchsetzen, wird es heißen, dass kranke Menschen Versager sind.
Was aber wäre das für eine Gesellschaft, in der alle 150 Jahre alt oder gar unsterblich werden? Der Triathlon mit 90 müsste abgesagt werden, weil wegen der beruflichen Belastung die Zeit fürs Training fehlt. Bei wem stoppt die Alterung in welchem Lebensjahr? Bleiben Milliardäre immer durchtrainierte 35-Jährige? Was wird aus jungen Menschen, die ein ewiges Leben lang in der Pubertät stecken bleiben?
Die große Vision der Superreichen würde massenhafte Depression und Stillstand bedeuten. Daher mein Tipp für alle Longevity-Jünger: Kein Stress! Das ewige Leben ist längst im Angebot und gar nicht so teuer. Jeder Priester berät Sie gerne.
Text: Klaus Schrage
Cartoon: Sebastian Haug




