
an Anregungen,« sagt Jürgen Brühl aus Erlangen.
Jahrzehntelang prägt und strukturiert Arbeit den Alltag, vielen beschert sie Erfolgserlebnisse und Gemeinschaft. Manche leiden auch unter der hohen Belastung des Jobs, unter schwierigen Kollegen und Hierarchien. Für alle aber gilt: Mit dem Erreichen des Rentenalters endet ein wichtiger Lebensabschnitt.
Die meisten freuen sich über die neue Freiheit: Endlich kann man wandern gehen, Museen besuchen, in Urlaub fahren oder sich mit Freunden und Familie treffen, wann und so oft man möchte. »Doch nach der ersten Euphorie fallen viele in ein Loch und empfinden eine Art Endzeitstimmung. Sie müssen erst herausfinden, wie sie die neue Freiheit nutzen wollen«, weiß Sabine Distler.
Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation »Curatorium Altern gestalten« in der Metropolregion Nürnberg. Als Psycho-Gerontologin entwickelt sie innovative Konzepte für eine langlebige Gesellschaft. In diesem Rahmen hat sie die »SeniorClass« ins Leben gerufen, eine neunmonatige, kostenfreie Orientierungszeit für Menschen in der »nachberuflichen Lebensphase« – mit Coaching, Workshops und dem Anstoß von Projekten. Ziel ist die aktive Gestaltung des Ruhestands. Denn der neue Abschnitt bringt oft auch Unsicherheiten mit sich: Die über Jahrzehnte erworbenen Fähigkeiten werden nicht mehr abgerufen, um Kontakte muss man sich jetzt aktiv bemühen – und auch finanziell wird der Spielraum kleiner.
Workshops und Vorträge
Das von EU und Bundesregierung geförderte Programm »Bildung und Engagement ein Leben lang« (BELL) soll Neuruheständler dabei unterstützen, eigene Potenziale wach zu halten oder zu entdecken, sich gegebenenfalls neu zu orientieren und eigene Zukunftsprojekte aktiv zu verwirklichen. Die erste »SeniorClass« wurde im Juli abgeschlossen, im Oktober startet die zweite.
Das Programm gliedert sich in drei Abschnitte mit Gesprächen, Vorträgen und Workshops. Im ersten Teil geht es um persönliche Themen, wie einen Lebensrückblick und das Entwickeln von Visionen für die Zukunft. Was hat Spaß gemacht im Beruf, was würde man gerne weitermachen oder für immer ablegen? Diese Fragen stehen im Vordergrund.
Eine Initiative gründen oder ein Ehrenamt übernehmen
In der zweiten Phase geht es um die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen. »Es ist ein breiter Strauß, der hier behandelt wird«, sagt Distler. Viele Teilnehmer wollen etwas an ihre Kinder und die Gesellschaft zurückgeben und sich demokratisch beteiligen – etwa indem sie beim Stadtseniorenrat mitmachen, einen gemeinnützigen Verein oder eine Initiative gründen oder ein Ehrenamt übernehmen. Fachleute erläutern in Vorträgen, wie und wo man sich einbringen kann. Um die Finanzkompetenz zu stärken, sind Referenten der Stiftung »Finanztest« und der Rentenversicherung eingeladen. Zudem gibt es Informationen zu Digitalisierung und Selbstständigkeit, Gesundheit, Sport, Longevity und Prävention.
In einer dritten Phase entwickeln und präsentieren die Teilnehmer eigene Ideen und Projekte sowie deren Umsetzung in die Praxis. »Heutige Rentner wollen nicht nur wandern und auf Kreuzfahrt gehen. Der Wunsch, weiterzuarbeiten und die eigene Erfahrung weiterzugeben, ist sehr präsent«, hat Distler festgestellt. Dabei sei die Ausgangslage nach dem Eintritt in den Ruhestand ganz anders als im Berufsleben: Die Neurentner suchen keinen Job auf Dauer, sie möchten ihr Wissen meist mit ein paar Stunden pro Woche oder in einem zeitlich begrenzten Projekt einbringen.
Zum Herzensprojekt ermutigt
Eine ganze Reihe der »SeniorClass«-Absolventen und -Absolventinnen haben in der im Juli abgeschlossenen Pionierveranstaltung tatsächlich ganz konkrete Ideen erarbeitet. Annette Kienzle hatte über die Medien von dem Bildungsprogramm gehört und ist extra aus Starnberg angereist, um dabei zu sein. Die Impulse, die sie hier bekommen hat, haben sie zu einem Herzensprojekt ermutigt: Sie will ihre Doktorarbeit über Frauen im ländlichen Bereich schreiben, die sich seit 1945 in der Kommunalpolitik engagiert haben. »Was hat sie daran fasziniert, in welchen Parteien waren sie aktiv, wo konnten sie Akzente setzen? Das möchte ich gerne wissenschaftlich untersuchen«, erzählt die 65-Jährige, die früher das Starnberger Kulturamt geleitet hat. Wo es Literatur und Quellen gibt, weiß sie schon, jetzt muss sie einen Doktorvater oder eine Doktormutter finden.
Auch Jürgen Brühl hat das Angebot »mit dem großen Kaleidoskop an Anregungen« als sehr bereichernd empfunden. Der Elektroingenieur, der früher bei einem Weltkonzern angestellt war, hat viel im Ausland gearbeitet und zum Beispiel mit Kunden in Indien zu tun gehabt. »Dieser Austausch war mir immer wichtig«, sagt er. Jetzt möchte er wieder dort ansetzen und Unternehmen als freiberuflicher Berater für elektronische Maschinen unterstützen. Der gebürtige Berliner, der seit 2015 in Erlangen lebt, entwirft gerade eine Website und Visitenkarten. Im September möchte er durchstarten. Sein erstes Projekt läuft bereits: die Modernisierung eines Wasserkraftwerks an der oberen Donau. Die Maschinen aus dem Jahr 1903 strotzen nur so vor Industriecharme, aber sie haben ihr Lebensende erreicht. Der 67-Jährige leitet den Umbau und die Neuausstattung des Kraftwerks.
Neue Freundschaften

Auch Gabi Barnickel aus Nürnberg hat eine reizvolle Aufgabe für sich gefunden. Die 68-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren in Rente und reist gerne in den Orient, zuletzt war sie im Irak. Sie habe trotzdem eine gewisse Leere empfunden und gedacht: »Ich würde gerne noch etwas tun.« Die Betreuung von Kindern und alten Menschen sei nicht ihre Welt. »Ich war auf der Suche nach etwas, wo meine Fähigkeiten gefragt sind und ich dazulernen kann«, sagt die Rentnerin, die als Softwareentwicklerin für Großrechner gearbeitet hat. Als sich während der Orientierungszeit verschiedene Start-ups vorgestellt haben, war sie gleich interessiert und hat Kontakte geknüpft. Jetzt macht sie ehrenamtlich als Programmiererin bei einem Projekt mit, bei dem es um die Beseitigung von Hürden auf Gehwegen geht.
Neben den Anregungen haben die Teilnehmer das innige Miteinander in der »SeniorClass« geschätzt, es sind Freundschaften, WhatsApp-Gruppen und Stammtische entstanden. »Ich habe hier eine echt coole Clique gefunden, das ist toll«, sagt eine Frau bei der Abschlussveranstaltung. Diese Kontakte wollen die Teilnehmer nicht mehr missen.
Das macht der auf dem Titelfoto abgebildeten Gudrun Kolb Mut, die sich für den nächsten Durchgang des Orientierungsprogramms interessiert. Sie lebt in Nürnberg, hat aber lange in München bei der Drogenhilfe gearbeitet. Seit sie in Rente ist, hat sie festgestellt, dass es mit ihren sozialen Kontakten nicht so gut bestellt ist. »Die früheren Kollegen sagen zwar: ›Komm uns doch besuchen.‹ Aber wenn man tatsächlich vorbeischaut, haben sie natürlich oft keine Zeit. Sie müssen ja arbeiten.« Als Alleinstehende sei es »echt schwierig« – zumal soziale Interaktion oft Geld kostet. Ständig ins Kino oder Essen gehen, könne man sich bei einer schmalen Rente nicht leisten.
Die 67-Jährige möchte ab Oktober die »SeniorClass« besuchen. Was ihr wichtig ist: die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, mit der sie etwas entwickeln kann. Ob gemeinsame Freizeitgestaltung, Ehrenamt oder Mitarbeit in einer Begegnungsstätte – Ideen hat sie viele. Und jede Menge Organisationstalent, das nur darauf wartet, zum Einsatz zu kommen.
Text: Alexandra Voigt
Fotos: Claus Felix
Information
Die nächste »SeniorClass« läuft von Oktober 2026 bis Juni 2027. Sie ist dank der Förderung des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des Europäischen Sozialfonds kostenfrei. Das Curriculum umfasst 180 Stunden. Die jeweils vierstündigen Treffen finden zweimal pro Woche statt – und zwar teils online, teils in Präsenz in der Kulturwerkstatt auf AEG (Fürther Straße 244) in Nürnberg.
Bei Interesse kann man einen Online-Termin unter www.warmstart-aktivesalter.de/seniorclass buchen oder sich direkt bei der Projektkoordinatorin Sabine Distler (0160/90949663) melden.




