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Unsere Retter brauchen mehr Respekt

Die meisten Einsätze der Rettungsdienste verlaufen friedlich. Doch es gibt immer wieder Situationen, in denen Sanitäter und Notärzte mit Gewalt konfrontiert werden. Etwa fünf Mal pro Monat wird wegen Attacken Anzeige erstattet. Jens Vitzthum, Leiter des BRK-Rettungsdienstes im Kreisverband Nürnberg, war bereits selbst mit gefährlichen Situationen konfrontiert: Vor Jahren wartete hinter der Wohnungstür eine Frau in einer psychischen Ausnahmesituation mit einem Beil in der Hand. Ein andermal wurde der Notfallsanitäter mit einem Messer angegriffen. Vitzthum konnte nicht mehr aus der Wohnung fliehen: »Der Patient war zu nahe bei mir, ich musste ihn niederringen.«

Deeskalation gehört zur Ausbildung der Rettungskräfte. Aber in der konkreten Situation muss der Betroffene erst einmal das Überraschungsmoment überwinden und schnell reagieren. Schließlich kommt das Helfer-Team, um Menschen in einer gesundheitlichen Notsituation beizustehen und nicht, um Angriffe abzuwehren. Vitzthum unterstreicht, dass es sich bei den Gewalttätigkeiten zwar um Ausnahmen unter den rund 60.000 jährlichen Einsätzen im Nürnberger Stadtgebiet handelt. »Aber es nimmt bei den Rückmeldungen zum Einsatzgeschehen zu, und das beunruhigt uns«, merkt der 48-Jährige an. Beschimpfungen, Anspucken, Drohgebärden mit dem Arm, ganz nahes Heranrücken mit dem Kopf – dies komme leider immer häufiger vor. Seine Kolleginnen und Kollegen müssen darauf vorbereitet sein.

Die Eskalation vermeiden

In den meisten Fällen spielen Alkohol, Drogen oder Medikamente eine entscheidende Rolle. Für rationale Argumente oder beschwichtigende Worte sind aggressive Patienten dann kaum empfänglich. Dennoch nimmt das Kommunikationstraining der Notfallsanitäter während der dreijährigen Ausbildung einen wichtigen Raum ein: Mit einer beruhigenden, besonnenen Sprache versucht man, eine Eskalation zu vermeiden. Oft helfen das Bauchgefühl und Erfahrung, eine schwierige Situation richtig einzuschätzen. Wenn bereits bei der Alarmierung Stichworte wie »schwer alkoholisiert« oder »möglicherweise unter Drogeneinfluss« fallen, rückt zusätzlich zum Rettungsdienst auch eine Polizeistreife aus, um für den Fall des Falles gewappnet zu sein.

Mitunter ist es nämlich so, dass nicht Patienten, sondern Passanten den Rettungsdienst anrufen. Sie haben eine regungslose Person auf einer Parkbank entdeckt und vermuten eine Notsituation. Wenn dann die Sanitäter den Betroffenen wecken, ist dieser möglicherweise desorientiert und weiß gar nicht, was man von ihm will. Er will nur seine Ruhe haben. In solchen Momenten kommt es häufig zu ungehaltenen, gewalttätigen Reaktionen.

Im Jahr 2021 hatte das Deutsche Rote Kreuz eine Umfrage zur Gewalt gegen ihre Rettungskräfte veröffentlicht. Die DRK-Präsidentin und ehemalige Bundesgesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt äußerte damals: »Die Ergebnisse sind erschreckend. Wir müssen leider feststellen, dass Beleidigungen, Beschimpfungen und auch körperliche Übergriffe mittlerweile zum Alltag im Rettungsdienst gehören.« Rund 40 Prozent der 425 Teilnehmer hatten angegeben, von verbaler Gewalt betroffen gewesen zu sein, etwa ein Drittel beschrieb verbale und körperliche Angriffe und 14 Prozent hatten ausschließlich körperliche Gewalt erlitten.

Die Erfahrungen von Geringschätzung und fehlendem Respekt hinterlassen Spuren in der Psyche der Einsatzkräfte. Daher ist es wichtig, im Nachgang die Einsätze noch einmal aufzuarbeiten. Hat man selbst eventuell falsch reagiert? Was könnte man besser machen? Diese Fragen stellen sich die Rettungsteams. Jens Vitzthum vom Nürnberger BRK-Rettungsdienst gibt seinen 185 Mitarbeitern und den rund 100 Ehrenamtlichen konkrete Tipps für mehr Sicherheit mit. Nach dem Klingeln soll man nicht direkt vor der Wohnungstür stehen bleiben, sondern zur Seite treten: Es könnte schließlich sein, dass beim Öffnen ein Stuhl oder Blumentopf herausgeworfen wird. Grundsätzlich sind die Rettungskräfte immer zu zweit unterwegs, um sich gegenseitig zu Hilfe kommen zu können. Beim Betreten einer Wohnung sollen die Sanitäterinnen und Sanitäter immer auch das Umfeld scannen, ob ein Messer, eine Spritze oder ein Gegenstand herumliegt, der als Schlagwaffe genutzt werden kann. Besonders wichtig ist, dass die Rettungskräfte zwischen Patient und Wohnungstür stehen, um notfalls rasch den Rückzug antreten zu können. Eine Vorsichtsmaßnahme hat sich dagegen nicht bewährt. Angeschaffte Stichschutzwesten erwiesen sich im Einsatz als unpraktisch und zu schwer. Sie werden mittlerweile nicht mehr benutzt.

Trotz der negativen Begleiterscheinungen ist die Arbeit des Notfallsanitäters immer noch Vitzthums Wunschberuf. Er empfindet es als erfüllend, Menschen in Not zu helfen. Einzelne Kolleginnen und Kollegen haben dagegen nach Gewalterfahrungen den Job gekündigt. Das Nürnberger BRK wirbt nachdrücklich für die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter, die derzeit 16 junge Frauen und Männer absolvieren. Sie werden im Bildungszentrum des Kreisverbands im Stadtteil Langwasser intensiv auf ihre Tätigkeit vorbereitet, sind im Krankenhaus – dort meist in der Notaufnahme – im Einsatz und haben außerdem in der BRK-Rettungswache Dienst.

Doch nicht nur die hauptamtlichen Retter, auch die Ehrenamtlichen sind eine wichtige Stütze des BRK. Für ihre Tätigkeit wünscht sich Vitzthum mehr öffentliche Anerkennung – etwa durch eine gesetzlich geregelte Helferfreistellung bei Übungen und Training während der Arbeitszeit oder auch durch Anerkennung von Rentenpunkten.

Text: Hartmut Voigt/Foto: BRK

Talk auf der inviva

Messezentrum Nürnberg

sechs+sechzig-Aktionsbühne

24.2., 12–12.30 Uhr

Jens Vitzthum, Leiter des Nürnberger BRK-Rettungsdienstes, sowie ein Notfallsanitäter berichten über ihre Erfahrungen

 

 

 

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