Warten. Dieser Wochen scheint es zu einer meiner Hauptbeschäftigungen zu werden. Warten auf die Müllabfuhren von Gelb bis Grau, die aus dem Tritt geraten sind. Warten auf die Post, die unsichtbare Berge abzutragen scheint. Warten, bis es aufhört zu nieseln, regnen. Warten auf den Paketboten und das Streusalz, Hefe und frische Eier. Warten auf den letzten Schleudergang der Wachmaschine und Warten auf das Klingelzeichen des Mikrowellenherdes. Warten auf den Spaziergang mit Freunden, Warten auf Besuch von Kindern und Enkel ohne schlechtes Gewissen. Mit Blick auf die Ödnis im Terminkalender 2021: Warten auf lohnende Einträge, z.B. auf den Covid-19-Impftermin. Warten auf die nächste Möglichkeit, sich wieder zum Abendessen zu verabreden, sicher verreisen zu können.

Mit so vielseitigem Warten sollte ich restlos beschäftigt sein. Doch das Warten verklebt mir meine Vorhaben. Es erzeugt Leere; dehnt meine kleine Raumzeit; träufelt lähmendes Gift in mich. Warten fühlt sich albtraummäßig an, mit Gummibändern gefesselt, verleimt ohne Vorankommen. Selbst die Gedanken kriechen wie kaltes Öl, unwillig von Synapse zu Synapse. Warten vergeudet Minuten, Tage und Monate. Es entwertet die verbleibende Lebenszeit; nährt in mir den Selbstvorwurf, mit der verwarteten Zeit nichts Besseres anzufangen. Der Vorwurf lautet: Warten im Alter ist Zeitfrevel pur! Denk’ an die verschwendeten Chancen!

Die Lösung? Warten umwidmen in Geduld – eine sauschwere Übung. Ähnlich umständlich und schmerzhaft wie Yoga oder Bodenturnen für Anfänger.  Aber es befördert mich vom passiven Warteopfer zum aktiven Geduldstäter. Der Geduldige wirkt abgeklärt und selbstbeherrscht;  er handelt scheinbar kontrolliert. Warten und sich in Geduld üben dauert zwar chronologisch gleich lang, fühlt sich jedoch viel besser an: „Re-Framing“ heißt das auf Neudeutsch.  Damit gebe ich eine fast akzeptable Antwort auf die Frage am Telefon: “Was machst Du so den ganzen Tag?” “Ich gestalte diese Wochen mit großer Geduld.”   Oh, er gestaltet,: klingt nach Schaffenskraft, Initiative, Tätigkeit. Na, das geht doch, Alter, Respekt!

In diesem Sinne,

Ihr Global Oldie