Wenn Papa im Rollstuhl sitzt, ist das für Kinder oft sehr belastend. Bei “Superhands” stoßen sie auf Verständnis und offene Ohren für ihre Probleme. Foto: Nadine Studeny

Die Idee stammt aus Österreich und richtet sich an eine Gesellschaftsgruppe, die leise ist, keine Lobby hat und unbemerkt bleibt: Kinder und Jugendliche, die kranke Familienmitglieder zu Hause haben und diese über einen langen Zeitraum hinweg intensiv pflegen. Das Projekt »Superhands« bietet den belasteten jungen Menschen Hilfe an. Für ihr bundesweites Angebot wurde die Johanniter-Unfall-Hilfe Würzburg kürzlich bei der Berliner Pflegekonferenz mit dem Marie-Simon-Pflegepreis ausgezeichnet.

»Das Problem wird grob unterschätzt«, sagt Christoph Fleschutz von der Johanniter-Unfall-Hilfe, die das Projekt in Deutschland installiert hat und pflegt. »Denn das sind gar nicht so wenige Fälle, wie man vielleicht denkt. Da gibt es großen Handlungsbedarf, aber wir finden kein Gehör. Die Politik wacht gerade erst auf.« Rund 3,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen fünf und 18 Jahren, so eine Studie der Universität Wien aus dem Jahr 2012, pflegen regelmäßig chronisch kranke Familienmitglieder. In ganz Österreich sind das rund 43.000 Minderjährige.

»In Deutschland geht man aktuell von 480.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen aus«, sagt Christoph Fleschutz und erzählt von einem typischen Fall in Berlin: Dort fielen Geschwister auf, die mit einem Mal ungern in die Schule gingen und immer häufiger gar nicht mehr im Unterricht erschienen. Hintergrund: Der Vater lag krank zu Hause, die Kinder hatten Angst, dass ihm etwas passiert, während sie weg sind. Weil aufmerksame Lehrer nachhakten, kam der Fall ans Licht. Auf sich alleine gestellt, waren die Kinder jedoch hilflos, wussten nicht, was da gerade mit ihnen geschieht und was zu tun ist.

Fachbegriffe leicht erklärt

Genau hier setzt das Projekt »Superhands« an. Auf ihrer Homepage erklären die Johanniter das Problem kindgerecht – auch medizinische Fachbegriffe wie z.B. Demenz oder Schlaganfall. Die Internetseite wendet sich aber nicht nur an betroffene Jugendliche, sondern auch an Erwachsene: Lehrer, Verwandte, Freunde und Nachbarn – oder auch die Eltern selbst. Über das Internetportal kann jeder jederzeit eine E-Mail mit Fragen losschicken. Außerdem gibt es zweimal in der Woche eine Telefonhotline, über die ebenfalls schnell und unbürokratisch Kontakt aufgenommen werden kann.

Ob E-Mail oder Telefonat – alle Kontaktanfragen landen bei einem Team von Pflegefachkräften. Die sehen sich als Vermittler, machen sich ein schnelles erstes Bild von der Situation und bieten dann eine individuelle Beratung an. Sie wissen, was nun die nächsten Schritte und Maßnahmen sind, wer helfen kann, wo man fachliche Anleitung und konkrete Unterstützung bekommt und wie das finanziell läuft. Superhands.de gibt es seit 2018 mit Sitz in Würzburg, das Angebot gilt jedoch bundesweit und ist erst einmal kostenlos. Das Projekt wird mit Spenden finanziert, die Pflegefachkräfte arbeiten ehrenamtlich in ihrer Freizeit.

Zahl der Betroffenen steigt

»Es gibt in Deutschland kein vergleichbares Angebot«, sagt Christoph Fleschutz, der das Projekt von Beginn an mitentwickelte, und verweist darauf, dass die Johanniter nicht nur eine Unfall-Hilfe betreiben, sondern seit vielen Jahren auch sehr engagiert sind in Sachen Pflege und Kinderbetreuung – nachgerade perfekte Voraussetzungen für »Superhands«.

Wie bei vielen Schicksalen, so gilt auch bei diesem Thema: In der Regel wird man erst darauf aufmerksam, wenn man selbst betroffen ist oder einen Fall in seinem Umfeld kennt. »Das wird aber nicht weniger werden«, wagt Christoph Fleschutz einen pessimistischen Blick in die Zukunft. »Im Gegenteil: Es werden künftig noch mehr Kinder davon betroffen sein. Das Thema ist akut: Der Pflegesektor befindet sich in einem starken Wandel, die Familie wird peu à peu mehr Aufgaben übernehmen müssen.«

Text: Stefan Gnad
Foto: Nadine Studeny

Weitere Informationen: www.superhands.de. Kostenlose Telefonhotline jeden Dienstag und Donnerstag jeweils von 15 bis 17 Uhr unter 0800 / 78 73 74 2. E-Mail: superhands@johanniter.de