Karl Weitner half, die Post in Dresden und Umgebung zu modernisieren.

Berlin, Brandenburger Tor, jubelnde Menschen: Damit verbinden viele in Deutschland den Mauerfall vor 30 Jahren und die Wiedervereinigung. Was danach folgte, war eine gewaltige Anstrengung: der Aufbau Ost. Ein kompletter Umbau der ehemaligen DDR nach dem Muster des im Westen etablierten Systems. Im Gegensatz zur Grenzöffnung und von den Wiedervereinigungsfeiern sind vom Einsatz der Justiz-, Post- oder Polizeibeamten keine spektakulären Fotoaufnahmen erhalten. Doch die Arbeit, die sie Anfang der 1990er Jahre geleistet haben, ist bis heute Grundlage für eine funktionierende Staatsordnung. Für diejenigen, die beim Abenteuer Ost mit »Buschzulage« und »W-Ossis« mitmachten, ist auch fast 30 Jahre danach die Erinnerung an diese Zeit noch sehr lebendig.

Wolfgang Träg. Der Jurist meldete sich freiwillig.

Der kürzlich pensionierte Oberstaatsanwalt Wolfgang Träg aus Nürnberg zögert keine Sekunde mit derAntwort auf die Frage nach seinem Motiv. »Neue Erfahrungen, neue Leute, ein gewisses Interesse im Osten, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, und ein finanzieller Anreiz« lockten ihn nach Chemnitz. Als 39-Jähriger hatte er sich freiwillig gemeldet. Von September 1991 bis zum Jahresende 1995 half der Jurist, das Rechtssystem zu ändern und an den westlichen Standard anzupassen. »Im Osten waren die Aufstiegschancen größer, denn gerade die höheren Positionen wurden wegen ihrer Stasi-Vergangenheit ›gegauckt‹ und waren damit weg«, erzählt Träg. Etwa zehn Kollegen aus Nürnberg waren als Pioniere des demokratischen Rechtssystems in Chemnitz mit der Umstellung beschäftigt. Allein etwa 700 Verwaltungsangestellte, überwiegend aus Bayern und Baden-Württemberg, kamen 1991 für den Aufbau Ost nach Sachsen.

Berge offener Fälle

An die »meterhohen Aktenstapel in den Büros mancher Richter«, erinnert sich Träg sehr lebhaft. Manche hatten mehr als 100 offene Fälle dort liegen. Häufig ging es um Führerscheinentzug, ergänzt der Experte für Verkehrsrecht. Diese Berge abzuarbeiten, »ging anfangs zäh und ohne System«. Später wurden bayerische Formblätter mit sächsischem Briefkopf fotokopiert und verwendet, um handlungsfähig zu sein.

Flexibilität musste der Postbeamte Karl Weitner an den Tag legen, als er zunächst zur kurzen Bestandsaufnahme kam. Später krempelte er im Auftrag des Bundespostministeriums mehr als ein Jahr lang das Postamt Dresden 6 um. Damit sich die Ostneulinge aus dem Westen im Alltag schneller zurechtfinden, hatten sie einiges an Informationsmaterial erhalten, etwa eine Liste, die die wichtigsten, in der DDR gebräuchlichen Fachbezeichnungen erklärte. Die Liste enthielt aber auch den »Broiler«. Das so genannte Brathähnchen gab es häufiger in der Dresdner Postkantine.

Zwar sei die Post auf der ganzen Welt ähnlich organisiert, berichtet Weitner, was das Zusammengehörigkeitsgefühl über Ländergrenzen hinweg stärkt. Aber natürlich sind die Organisationsformen häufig im Detail unterschiedlich. In der DDR gab es beispielsweise »Zustellfachanlagen am Stadtrand«, erklärt der Fachmann. Das waren »Postfächer für jedermann«, die zum Teil drei Kilometer vom Wohnort entfernt lagen. Dort musste man sich die Briefe und andere Post selber abholen – darunter nach dem Mauerfall etliche Versandhauskataloge und andere Warenwerbung.

Die fliegenden Dimido-Mitarbeiter

Das sollte sich bald ändern, denn auch dieser spezielle Ost-Service wurde dem West-Standard angeglichen.Zu seinem ersten Einsatz war Weitner noch mit dem Zug gefahren, aber in der Regel flog er mit dem Nürnberger Flugdienst (NFD) nach Dresden, erinnert er sich. Montags hin und freitags zurück. Eine Gewohnheit, die den Wessis die spöttische Bezeichnung des Dimido-Mitarbeiters einbrachte, also für Dienstag, Mittwoch, Donnerstag.

Den damals 53-Jährigen störten solche Sticheleien nicht. Mit den meisten Kolleginnen sei er gut zurechtgekommen, erinnert er sich. Es seien vor allem Frauen im Postdienst geblieben. Wie sie in ihren »blauen Staubmänteln zum Dienst kamen«, ist dem inzwischen längst pensionierten Postler im Gedächtnis geblieben. »Die Männer waren überwiegend weg, da sie wohl häufiger Parteiposten hatten«, vermutet Weitner. Schließlich gab es jede Menge Aufgaben, die nach dem Ende der DDR sinnlos geworden waren, wie das Öffnen eines jeden Päckchens zur Kontrolle, ob Zeitschriften oder andere unerlaubte Waren aus dem Westen darin lagen.

Hans Blendinger wechselte für zwölf Jahre zum Polizeipräsidium Thüringen.

Gegen alte DDR-Gewohnheiten musste Hans Blendinger oft ankämpfen. Der erfahrene Mitarbeiter im Polizeipräsidium Mittelfranken ging nach Thüringen und blieb fast zwölf Jahre. Das hätte er sich auch nicht vorstellen können, als er am 30. Dezember 1991 zum Dienstantritt in der Polizeidirektion Suhl erschien. Von dort aus führte ihn sein beruflicher Weg bis ins thüringische Innenministerium nach Erfurt, seinem neuen Dienstherren. Blendinger hatte, als er mit 44 Jahren begann, beim Aufbau Ost mitzuwirken, die historische Dimension der Aktivitäten sofort erkannt. »Es reizte mich, den neuen Staat auf meinem fachlichem Gebiet mitzugestalten«, sagt er rückblickend.

Sein Sendungsbewusstsein konnten nicht alle Kollegen in Nürnberg nachvollziehen. Häufig hieß es hinter vorgehaltener Hand, die Kollegen im Osteinsatz kassierten Prämien und finanzielle Vergünstigungen und machten sich ansonsten einen schönen Lenz. Aber alle Zeitzeugen berichten ganz unaufgeregt von langen Arbeitstagen, die schon mal zwölf und 14 Stunden dauern konnten. Außerdem erlebten sie »viel menschliches Leid«, sagt Blendinger.

Bei der Aufarbeitung der Stasivergangenheit etwa sei so manche Ungerechtigkeit passiert. »Da hätte man viel sensibler herangehen sollen«, meint der erfahrene Polizist heute. Die Führungskräfte im alten DDR-System seien oft deutlich besser über die Verfahrensweisen informiert gewesen als mancher Mitarbeiter von niedrigerem Rang – und haben mit diesem Wissen zum Teil ihre eigenen Akten »bearbeitet«. So hat es Blendinger zumindest erlebt. Dennoch: Wer geblieben ist, sei »wissbegierig und motiviert gewesen, Neuland zu betreten«, erinnert sich der Polizeibeamte. Das war auch notwendig, denn die Volkspolizei (VoPo) war in der DDR militärisch organisiert, was nicht zuletzt noch längere Zeit am schnarrenden Tonfall zu erkennen war. Diesen zu ändern, sei eine echte Herausforderung gewesen, räumt der Oberfranke ein. Aber 30 Jahren später fällt Blendingers persönliche Bilanz komplett positiv aus. »Ich würde es auf jeden Fall wieder tun«, meint er.

Flut neuer Medikamente

Carmen Dittrich, selbstständige Architektin, möbelte Apotheken auf.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt die Innenarchitektin Carmen Dittrich. Sie ist nach der Wende gleich zu ihrer Thüringer Verwandtschaft aufgebrochen und hat dort Beruf und Privatleben kombiniert. Anfang der 1990er Jahre baute sie etliche Apotheken um. Auf dieses Arbeitsgebiet hatte sich die selbstständige Architektin spezialisiert. Denn auch die Anforderungen an Apotheken hatten sich mit der Wende drastisch verändert. Während früher nur relativ wenige Medikamente verfügbar waren, kam mit der Westöffnung eine Flut neuer Arzneimittel hinzu. Auf der anderen Seite wurde die oft üppige Personalausstattung reduziert.

In den Anfangsjahren kam zunächst noch alles aus dem Westen: das Material, die Leute, das Wissen, erinnert sich die in Nürnberg lebende Carmen Dittrich. Das ist freilich schon lange nicht mehr so. Bei einer kürzlich unternommenen Fahrt durch Nordhausen in Thüringen war sie von der Verwandlung fasziniert. »Es sieht dort alles so schön aus, die Häuser renoviert, die Straßen in gutem Zustand«, registriert sie erfreut.

Auch Oberstaatsanwalt a.D. Wolfgang Träg möchte seinen Ruhestand nutzen, um nach vielen Jahren wieder an der alten Wirkungsstätte vorbeizuschauen. Diesen Wunsch haben sich Karl Weitner und seine Frau Bärbel – eine gebürtige Dresdnerin – bereits erfüllt. Sie pflegen ihre Kontakte nach Sachsen regelmäßig. Ebenso wie Hans Blendinger, der immer wieder zum Sommerfest nach Suhl fährt.

Petra Nossek-Bock