Das ist doch bezeichnend für mich: Da sitze ich bei meinem Lieblingsitaliener vor einer fabelhaften Pizza Napoli und kann kein Selfie machen und versenden. So erfährt bedauerlicherweise niemand von diesem kulinarischen Highlight, das ich mir gönne. Mein altes Nokia-Handy, Jahrgang 1998, kann leider nix als telefonieren und simsen. Wenn ich es gelegentlich in der U-Bahn aus der Tasche krame, bemerke ich rundum staunende Gesichter. Ich warte nur noch auf den Tag, an dem es mir jemand spontan abkaufen möchte – angeblich werden die Dinger inzwischen im Netz hoch gehandelt, als Antiquitäten, vermute ich mal.

Eine Antiquität bin ich längst selber. So richtig klar wurde es mir, als die Grünen bei der Europa-Wahl die meisten Stimmen bekamen. Von »unserer jungen Generation«, spricht jetzt nahezu jeder, dem man ein Mikrofon unter die Nase hält. »Unsere junge Generation«, die ab sofort alles besser machen wird. »Ihr Alten seid sowieso bald tot, die Zukunft gehört uns« war wortwörtlich zu vernehmen, und ich beschloss, so kurz vor meinem Ableben lieber leise zu sein. Irgendwie war ich ja auch schuld an der ganzen Misere. Zwar hatte ich niemals Aktien von einem großen Ölkonzern besessen, dem das dicke Geschäft mit Plastik-Produkten prima in den Plan gepasst hatte, war aber einmal im Jahr in den Urlaub geflogen, Kohlendioxid hin oder her. Einfach nicht nachgedacht.

Dass es die Über-Sechzig-Jährigen waren, die den Alt-Parteien ihre Stimmen gegeben hatten, statt »unserer jungen Generation«, alias den Grünen, wen wundert`s? Es reichte bekanntlich nicht für die Mehrheit. »Das kommt davon, CDU und SPD, wenn man jahrelang Klientelpolitik macht für Menschen in der Kompostierungsphase«, kommentierte selbstsicher der Moderator einer ZDF-Satireshow. Von ihm kennt man diese Töne schon: Die Alten kassieren das ganze Geld vom Staat, die Jungen gehen leer aus. 

Aber zurück zu »unserer jungen Generation«: Frage eines jungen Reporters an eine noch jüngere Besucherin einer CDU-Veranstaltung, ob sie denn diese Partei gewählt hätte. »Um Gottes willen NEIIIN, ich find’s total fake, was die machen!«

Na dann, wir demnächst zu Kompost Werdenden! Klappe halten und lieber im stillen Kämmerlein ein gutes Buch lesen. Ich hätte da was: Sophie Passman, »Alte weiße Männer«. Die Autorin, Mitte zwanzig, erkundet in fünfzehn Gesprächen mit wichtigen älteren Herren, was diese zu Sexismus, Feminismus und Chancengleichheit zu sagen haben. Sie geht dabei ungemein lustig und unbeschwert zu Werke und klärt echt jetzt total geil die Fronten. Ihr Lieblings-Interviewpartner ist offenkundig Kevin Kühnert, Juso-Vorsitzender, zwar noch in jugendlichem Alter wie die Autorin selbst und somit nicht der Generation der verknöcherten alten Herren angehörend, doch darf er sich trotzdem ausgiebig zum Thema äußern. »Er erzählt vom alten weißen Mann, als würde er ihn als ulkigen Umstand wahrnehmen«, freut sich Frau Passmann. 

Werden wir zum Schluss mal wieder ernst: Es ist noch nicht lange her, da ging »unsere junge Generation« massenhaft für die Flüchtlinge und gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße.Wenn es jetzt – » Hopp, hopp, hopp, Kohle sofort stopp!« – tatsächlich einen sofortigen Ausstieg gäbe, würden auf einen Schlag zig-tausende Menschen in den Braunkohlegebieten arbeits- und perspektivlos. Was die wohl wählen würden? 

Alles hängt mit allem zusammen. Da habt Ihr’s wieder, liebe junge Generation, genau dies ist so ein Einwand der alten Bedenkenträger(innen), die ewig hin und her überlegen, den ganzen Schlamassel auf dieser Erde verursacht haben und sich endlich mal zurückziehen müssten. Das tue ich jetzt, hiermit und auf der Stelle.

Text: Brigitte Lemberger
Cartoon: Sebastian Haug