vignette_nosseck_bockWer in der Jungen Union an Profil gewinnen möchte, muss offenbar unbedingt etwas zum Renteneintrittsalter sagen. So scheint es jedenfalls. Denn nach dem mächtigen Vorsitzenden der Jungen Union Philipp Mißfelder, der im Juli 2015 mit nur 35 Jahren starb, ist nun sein Nachfolger in die Schlagzeilen geraten. Paul Ziemiak war zuvor ein unbeschriebenes Blatt. Mit seiner Forderung, das Renteneinstiegsalter über 67 hinaus zu verlängern, wird er nun ein Ticket für etliche Talkrunden erworben haben und bald sehr bekannt sein.

Sein Vorgänger äußerte sich laut Wikipedia übrigens folgendermaßen zu diesem Thema: Mißfelder äußerte 2007, wegen des demografischen Wandels sei das Renteneintrittsalter von 67 Jahren zu niedrig; ein Eintrittsalter von 70 Jahren sei realistisch. In der Diskussion um die zukünftige Finanzierbarkeit des deutschen Gesundheitssystems fiel Mißfelder 2003 durch einen Vorschlag zur Verbesserung der finanziellen Basis des Gesundheitssystems auf: „Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen.“ Früher seien die Leute schließlich auch auf Krücken gelaufen. Mit dieser Äußerung sorgte Mißfelder für heftige gesellschaftliche und politische Diskussionen, nicht nur fachlich, sondern auch um seine eigene Person sowie politische Zukunft kreisend.

Sein 30-jährige Nachfolger schlägt in dieselbe Kerbe. Dass es für die meisten Menschen mit dem Lebensalter immer weiter bergauf geht, ist die eine Seite. Doch Krankheiten wie Krebs, häufig schon in jüngeren Jahren weit verbreitet, die Belastung durch die ständige Verfügbarkeit in der Internet basierten Welt, die Verdichtung von Aufgaben im Berufsleben – all das hat seinen Preis. Von der Doppelbelastung Familienarbeit-Berufsleben spricht schon länger keiner mehr. Alle müssen alles schaffen. Für Mißfelder war es das nicht.

Ich finde seit langem, dass die Politik aufhören sollte, die Menschen per Gesetz arm zu machen. Die Absenkung der Rente durch die Agenda 2010 ist ein solches Instrument. Hier könnte sich Ziemiak doch einmal engagieren, zumal diese Regelung doch von der SPD stammte. Als zynisch empfinde ich es übrigens, dass der Jungpolitiker damit argumientiert, dass er die Altersarmut mindern möchte und sie mit seinen Forderungen verschärft. Schon heute werden diejenigen in unzulässiger Weise abgestraft, die einige Jahre früher in den Ruehstand gehen möchten. Das ist eine Zumutung und trifft keinesfalls den Wählerwillen. Niemand braucht nur noch die Hälfte von allem, wenn er in den Ruhestand geht. Ein Rentner zahlt die Miete in unverminderter Höhe, isst genauso viel wie immer und möchte sich anständig kleiden. Er muss meistens mehr Geld für seine gesundheitliche Versorgung aufbringen, weil die Politiker immer mehr Leistungen auf den Bürger abwälzen.
Alle eben genannten Punkte wären ein dankbares Feld, auf dem sich Ziemiak bewegen könnte. Aber das bringt weder Schlagzeilen noch Talkshow-Präsenz.