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Schreiben wie man spricht

vignette_mielenzUnser Enkelsohn geht in die Grundschule und ist sehr stolz, dass er in der zweiten Klasse nicht mehr zu den Schulanfängern gehört. Da er hin und wieder bei uns zu Hause Schularbeiten macht, kann ich als Oma seine Schulfortschritte beobachten und einschätzen. Das macht mir auch Spaß, denn schließlich frischt man sein eigenes Wissen auf und gewinnt Einblick in neue oder ganz andere Lernmethoden.
Um so erschrockener war ich, als ich sah, wie unser Enkelsohn schreibt, nämlich genauso wie er spricht, d.h. „nach Gehör“, ohne im geringsten die Rechtschreibung der Sprache zu berücksichtigen….. und das sieht nicht komisch, sondern einfach nur fürchterlich aus. Angeblich sei das eine neue Methode zum Spracherwerb in den ersten zwei Jahren der Grundschule, damit die Kinder lernen, aus den gehörten Lauten Wörter zu bilden, die sie offenbar wie Vokabeln lernen.
Nun ist ja unsere Alltagssprache schon reichlich „verschludert“. Da heißt es „Schüla, wida, solln, wolln und ärste“ und wenn noch Dialekteinflüsse dazu kommen, dann sind manche Buchstaben schier unaussprechlich: z.B. aus Papa wird Baba, aus Tür Dür, aus Tag Dag, aus spielen spiln usw.
Wenn ich in meiner Grundschulzeit so geschrieben hätte wie mein Enkel, hätte ich wohl kaum das Klassenziel erreicht. Selbstverständlich habe ich mit dem Erlernen des ABC lesen und schreiben gelernt. Allzu gut erinnere ich mich an das „I“, da sprangen Ingrid und Ingolf in eine Pfütze und alle riefen laut: iiiiiii!
Ich frage mich, wie unser Enkelsohn, der sich bestimmt an die (von der Lehrerin unkorrigierte) Schreibmethode „nach Gehör“ gewöhnt hat, lernen soll, orthografisch richtig zu schreiben? Das ist, wenn man sich erst einmal die falschen Schreibweisen gemerkt hat, mit großem Lernaufwand verbunden. Nicht umsonst wird immer wieder geklagt, dass sich die Rechtschreibung der Schüler in den weiterführenden Schulen arg verschlechtert hat.
Was nützt die (erhoffte) Freude am Schreiben, wenn die Kinder das selbst Geschriebene oft nicht einmal lesen können? Nicht jede neue wissenschaftlich entwickelte Lehr- und Lernmethode ist eben überzeugend?

2 Antworten

  1. und dann gibt es eben Eltern und Großeltern, die sich darum bemühen, dass ihr Kind/Enkelkind trotz dieses Irrweges richtig zu schreiben lernt – was so wichtig für die Zukunft ist – und andere machen das nicht, weil sie es nicht richtigi können, nicht wollen, nicht daran interessiert sind oder keine Zeit dafür haben, das auszubügeln, was die Schule ihnen mit diesen ‚Neuerermethoden‘ (so sagte man einst zu etwas völlig Neuem in der DDR – wenn die Leser noch wissen, was das mal war) anrichtet. Nicht nur unterschiedliche Einkommen spalten die Gesellschaft, natürlich auch die unterschiedlichen Kenntnisse der wichtigen Kulturtechnik ‚Schreiben‘. Einfach unerhört, so mit Kindern zu experimentieren – wo haben Sie das eigentlich gefunden?

  2. Dafür gibt es ja jetzt in etlichen der ansonsten unterversorgten Schulen die nicht ganz billigen Smartboards. Vielleicht korrigieren die dann demnächst automatisch, was die Kinder so alles (falsch) schreiben. Nur zu dumm, dass das später beim Schreiben von (Bewerbungs-)Briefen auch nicht weiterhilft.

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