Der Elisabeth Verein in Pottenstein kümmert sich um alte und kranke Menschen. Foto:Mile Cindric

Wer Pottenstein besucht, kann eine einzigartige Süßigkeit genießen: die Elisabeth-Schokolade. Dabei handelt es sich um einen handgeschöpften Leckerbissen aus der Manufaktur des österreichischen Chocolatiers Zotter. Auf der Banderole der Schokolade erkennt man den Elisabeth-Brunnen, der sich im Herzen des oberfränkischen Luftkurorts befindet. Der Text daneben beginnt mit Worten, die auf den ersten Blick gar nicht zu einer edlen Leckerei zu passen scheinen: »Wir wollen die Menschen froh machen.« Zu einem guten Zweck tragen tatsächlich 90 Cent von den drei Euro bei, die das Täfelchen Nobelbitterschokolade kostet. Der Erlös kommt dem Elisabeth-Verein Pottenstein zugute, der sich um alte, kranke, einsame und trauernde Menschen kümmert. Schon im ersten Jahr ist die süße soziale Idee offenbar gut angekommen: 1000 Schokoladentafeln wurden bereits vernascht.
Die Heilige Elisabeth und Pottenstein – das ist eine alte Verbindung. Die tausendjährige Burg wird auch als »Elisabeths Schutzburg in Franken« bezeichnet, denn 1228 hatte die Landgräfin hier Zuflucht gefunden. Später wurde Elisabeth von Thüringen zu einer Symbolfigur der tätigen Nächstenliebe – eine bessere Namenspatronin hätte ein sozialer Verein in Pottenstein also kaum wählen können.
Erste Vorsitzende des Vereins ist Andrea Eichenmüller. Das Ehrenamt hat die diplomierte Sozialpädagogin seit der Gründung im Jahr 2008 inne. »In meinem Wohnzimmer haben wir uns getroffen. Acht, neun Leute waren wir anfangs«, erinnert sich die 43-Jährige. Bei der Gründungsversammlung hatte Burgherrin Margit von Wintzingerode das Grußwort gesprochen. Sie sagte unter anderem: »Es ist eine schwierige Gratwanderung, angesichts wirtschaftlicher Zwänge Freiräume für eine liebevolle Zuwendung zu den einzelnen Menschen zu schaffen. Elisabeth führt uns den Maßstab von Würde und Recht des Menschen vor Augen, der nicht angetastet werden darf, um Kosten zu sparen oder maximale Gewinne zu machen.«
Andrea Eichenmüller weiß aus eigener, schmerzlicher Erfahrung: »Wenn es um Krankheiten und ums Sterben geht, fühlen wir uns oft ohnmächtig, hilflos und überfordert. Wir erleben Ängste und Unsicherheit.« Das gelte, wenn man selbst betroffen ist, aber auch, wenn man einen lieben Menschen begleite. Nicht selten würden die Anforderungen die Kräfte übersteigen. »›Was kommt danach? Wie kann ich mit meiner Trauer umgehen, wie mit dem Verlust?‹ Das waren Fragen, die uns bei der Gründung vor vier Jahren am Herzen lagen, und die uns auch heute noch beschäftigen.«
Mehr als 60 Mitglieder hat der Elisabeth-Verein inzwischen gewonnen, darunter auch Pottensteins Bürgermeister. »Viele unserer Aktiven, und das sind etwa 25 Frauen und Männer, sind in pflegenden Berufen tätig oder haben selbst schon Verluste erfahren«, berichtet Andrea Eichenmüller. Und sie ergänzt: »Konfessionen spielen keine Rolle, der Verein steht allen offen, die helfen möchten und die Hilfe in Anspruch nehmen wollen.«
Gerade mal 17 Jahre jung ist Rebecca Spörl; sie ist die Jüngste im Bunde. Im September 2011 fand ein großes Benefizkonzert in der Pottensteiner Teufelshöhle statt, das sie organisiert hatte. »Ich bekomme hautnah mit, was meine Mama im Verein unternimmt und was der Verein in der Seniorenarbeit bewegen kann«, sagt die Gymnasiastin. Zum Beispiel hat er die Seniorennachmittage ins Leben gerufen, die dreimal im Jahr zum Valentinstag oder an Fasching stattfinden, im Juni am Johannestag und natürlich zum Jahrestag der Heiligen Elisabeth am
19. November. »Der Bedarf war da, die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Wir wollen Räume der Begegnung schaffen«, sagt Andrea Eichenmüller.
Im Jahr 2010 beschlossen die Mitglieder des Elisabeth-Vereins zudem, das Bürgerhaus der Heimatstadt mit einem fest installierten Treppenlift aufzuwerten. Die bauliche Beschaffenheit des Gebäudes und der Kostenfaktor machten den Plan zunächst zunichte. Aber seit 2011 gibt es einen beweglichen Lift, das sogenannte Scalamobil. Das Geld dafür hat der Verein bei verschiedenen Veranstaltungen aufgetrieben, etwa am Tag der Vereine, bei zwei Benefizkonzerten oder beim Weihnachtsmarkt, wo Kartoffelsuppe, selbst gefertigte Postkarten und Kirschkernkissen verkauft wurden. Auch wer die Treppen nicht mehr alleine bewältigt, kann nun wieder an Veranstaltungen teilnehmen, Behördengänge erledigen oder den Arzt eigenständig aufsuchen.
Am Erfolg des Projekts war Karin Spörl maßgeblich beteiligt. Rebeccas Mama hatte kräftig die Werbetrommel gerührt. Die 48-jährige Bankkauffrau erklärt ihr Engagement: Sie war jahrelang bei den Pfadfindern. »Deren Gründer Lord Robert Baden Powell sagte: ›Hinterlasst die Welt ein Stückchen besser, als ihr sie vorgefunden habt.‹ Nach diesem Motto lebe ich. Ich setze mich gerne ein für Menschen, die Hilfe brauchen. Vor Ort Gutes zu tun und einen Verein zu unterstützen, ist für mich wichtig.«
Die Leiterin der Caritas-Pflegestation in Pegnitz, Monika Blechschmidt, weiß, dass es ohne Ehrenamtliche praktisch nicht geht: »Ich arbeite seit fast 30 Jahren im Pflegedienst und kenne das aus Erfahrung: Professionelle Arbeit kann nicht alles abdecken.« Sie selbst koordiniert im Verein die Einsätze einer Gruppe, die Demenzkranke zu Hause betreut. »Die pflegenden Angehörigen sollen einfach einmal verschnaufen können. Sie können unsere Helferinnen regelmäßig und bis zu zwei Mal in der Woche für jeweils zwei Stunden buchen. Ich empfinde das als sehr dankbare Aufgabe«, sagt die 48-Jährige. Und dann erzählt sie von einer alten Dame, die – außer an den Wochenenden – sogar täglich von Mitgliedern des Elisabeth-Vereins Besuch bekommt. »Die Angehörigen leben nicht in Pottenstein, aber die Seniorin kann in den vertrauten vier Wänden wohnen bleiben. Sie ist in guten Händen – Sozialstation, Zugehfrau und wir geben Fürsorge und Aufmerksamkeit.« Allein dieser Teil der Vereinsarbeit macht insgesamt 600 Einsatzstunden pro Jahr aus.
Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass der Elisabeth-Verein Pottenstein Andachten speziell für Trauernde anbietet. Beim allerersten Mal waren nur fünf oder sechs Gäste in die Friedhofskirche St. Kunigund gekommen. »Und wir hatten die Andacht zu sechst vorbereitet«, erinnert sich Andrea Eichenmüller. Ob sich da der Aufwand lohnt? »Für uns war allein die Vorbereitung berührend und heilsam.« Inzwischen nutzen zunehmend auch Auswärtige die seit 2010 bestehende Möglichkeit, Menschen in ähnlichen Lebenssituationen in einem geschützten Raum zu treffen.
An weiteren Ideen mangelt es Andrea Eichenmüller und ihren Mitstreitern nicht. »Gerade sind wir dabei, einen Besuchsdienst für alte einsame Menschen aufzubauen. Wir investieren Zeit, wir verschenken Zeit in der Begegnung mit Menschen. Das ist eine Zeit, die uns selbst so viel zurückgibt, weil sie mit Leben gefüllt ist.«
Ute Fürböter
Fotos: Mile Cindric

In Pottenstein wird Schokolade für einen guten Zweck verkauft. Foto: Mile Cindric