Manfred Baumüller kennt seine Schützlinge sogar mit Vornamen. Doch leider melden sich immer weniger Senioren als Schulweghelfer. Foto: Mile Cindric

Freitag, halb acht Uhr in der Früh. Die tägliche Blechlawine des Berufsverkehrs rollt durch die Poppenreuther Straße in Fürth. Kurz vor der Einfahrt Laubenweg mahnt ein ausgebleichtes Hinweisschild »Achtung Schule«. Gleich um die Ecke liegt die »Pesta«, die Grund- und Mittelschule an der Pestalozzistraße mit 490 Schülern. Und viele dieser Kinder müssen die vierspurige Fahrbahn überqueren, auf der die Pendler in die Stadt hinein- oder aus ihr herausfahren. Schon für einen erwachsenen Fußgänger ist der Weg über diese Straße ein aufregendes Unterfangen, für die kleinen ABC-Schützen und ihre etwas älteren Freunde ein gefährlicher Abschnitt auf dem Schulweg. Ohne Schulweghelfer geht hier gar nichts, doch es wird immer schwieriger, Freiwillige für diese Aufgabe zu finden.
Immer die Übersicht behalten
Manfred Baumüller (66) und Walter Rohler (69) haben jeweils schon weit über 1000 Einsätze hinter sich. Die beiden Fürther kennen nicht nur alle 70 Kinder, die morgens die Straßenseite wechseln, beim Namen. Sie wissen oft auch um die Probleme in Schule und Umfeld und haben schon so manchen über eine schlechte Note hinweggetröstet. Dafür erhalten sie dann auch mal Muffins vom letzten Kindergeburtstag als kleines Dankeschön.
Zudem – und da ist Manfred Baumüller ganz besonders stolz – »wird an unserer Kreuzung gegrüßt«. Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, üben die beiden Lotsen ganz bewusst mit ihren Schützlingen. Sie ermahnen, wenn beim kleinen Trödler der Morgenmuffel wieder durchkommt und der Blick nicht auf den Verkehr, sondern in die Wolken gerichtet ist.
Der Einsatzort von Manfred Baumüller und Walter Rohler ist einer der neuralgischen Punkte im Großraum. Über 5000 Fahrzeuge werden allein am Laubenweg täglich gezählt. Ein Stück weiter vorne, an der großen Kreuzung, sind es erheblich mehr. Immer wieder kracht es, und viele Autofahrer versuchen, mit einem kräftigen Tritt aufs Gaspedal die Grünphasen der Ampeln noch zu erreichen. Erst vor kurzem hat es wieder einen tödlichen Fahrradunfall gegeben, »Beinahe-Ereignisse«, bei denen noch mal alles gut gegangen ist, sind an der Tagesordnung.
Besonders aufmerksame Schulweghelfer sind an solchen Stellen gefragt, die auch ein Stück Lebenserfahrung mitbringen. Man darf sich nicht ablenken lassen, braucht eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und ordentlich Durchsetzungsvermögen gegenüber Schülern und erwachsenen Verkehrsteilnehmern. Auch unter Stress muss man versuchen, Ruhe und absolute Übersicht zu bewahren. Als Aufwandsentschädigung gibt es zwei Euro pro Einsatz. Bisher kamen die Lotsen meist aus Familie oder Bekanntenkreis der Jungen und Mädchen. So mancher Großvater hat da ganze Schüler-Generationen sicher über die Straße geleitet, und auch die eine oder andere Mutter konnte sich ihren Tag so einteilen, dass der frühe Dienst an der Ampel drin war.
Doch in immer mehr Familien hat sich der Arbeitsalltag geändert. Da müssen die Eltern oft vor den Kindern aus dem Haus, die Großeltern leben nicht mehr im Familienverbund oder sind anderweitig aktiv. An sinnvollen Angeboten für die ältere Generation fehlt es bekanntlich nicht. Und da will der eine oder andere Ältere lieber ausschlafen statt in aller Früh an der Kreuzung zu stehen, wenn der Konzertbesuch länger gedauert hat, die Diskussionen im Literaturkreis sich am Abend vorher hinzogen oder die Mehrgenerationen-Kartelrunde erst weit nach Mitternacht endete.
Acht Ehrenamtliche haben gekündigt
Bisher konnte die Schule an der Pestalozzistraße auf insgesamt 40 eingewiesene Schulweghelfer zählen, die einmal und meist sogar mehrmals in der Woche ihren Dienst tun oder als Springer da sind, wenn jemand krank wird.
Fürs neue Schuljahr haben nun bereits acht dieser Helfer angekündigt, dass sie spätestens ab den Herbstferien ihren Dienst beenden wollen. Anderswo sieht es nicht viel besser aus: Im Landkreis Fürth zum Beispiel gibt es derzeit etwa 240 aktive Schulweglotsen. »Das ist zwar eine große Zahl, sie verteilt sich jedoch auf viele Schulen. Zudem sind die Helfer auch an den Schulbushaltestellen in den einzelnen Orten eingesetzt«, sagt Markus Dieret, der bei der Polizeiinspektion Zirndorf als Verkehrserzieher arbeitet und als stellvertretender Vorsitzender der Verkehrswacht Fürth diesen Bereich mit betreut. Er vermutet, dass diese Situation auch für Nürnberg und den Rest der Region gilt, denn die sinkenden Schülerzahlen führen automatisch dazu, dass sich der Personenkreis, aus dem man Schulweghelfer bisher rekrutierte, verkleinert. Es werden also dringendst neue Freiwillige gesucht, die diese Lücken füllen.
An der Pestalozzischule könnte der Mangel an Schulweghelfern bald zu einer Einschränkung des Dienstes führen. Denn eine der fünf Einsatzstellen rund um die Schule müsste demnächst aufgelöst werden, fände sich kein Ersatz für die ausgeschiedenen Ehrenamtlichen. Eine Folge, an die Schulleiter Thomas Bauer gar nicht denken mag. Die Lotsen seien »ein ganz besonderes Kapital«, sagt er. Deshalb bittet Bauer alle erwachsenen Frühaufsteher, die sich vorstellen können, diese Aufgabe zu meistern, sich zu melden. Die Pestalozzischule, aber auch alle anderen Schulen in der Region, freuen sich über jeden Interessenten.
Karin Jungkunz
Fotos: Mile Cindric