Mit dem Simulationsanzug wird selbst das Einsteigen in den Bus beschwerlich.

Neulich in Erlangen: Auf dem Rathausplatz tobt ein Saharasturm, der die Szenerie in ein fahles Braungelb taucht. Menschen huschen schemenhaft vorbei. Dumpf ist das Brummen der Stadtbusse zu hören. Eine fast unheimliche Stille liegt über dem Platz. Von irgendwo her klingt ein Geräusch, das an ein leise plätscherndes Rinnsal erinnert. Jeder Schritt über den Platz strengt an und strapaziert den Gleichgewichtssinn. Eine Vision? Nein, die Eindrücke sind einem Ausflug mit GERT zu verdanken, der selbst junge Menschen schlagartig zu Senioren macht.
Das Rendezvous mit GERT beginnt in der vierten Etage des Erlanger Rathauses, in Zimmer Nr. 435. Auf dem Boden liegt ein Koffer, so groß, dass sein Inhalt für eine zwei- oder dreitägige Reise reichen dürfte. Doch um einen Kurzurlaub mit GERT geht es nicht. Sondern um einen Blick in die Zukunft. In eine Zukunft, die für viele schon Realität ist: das Alter.
Um 30 Jahre gealtert
GERT ist das Kürzel für “Gerontologischer Testanzug”. “Wer GERT anzieht, ist mit einem Schlag um 30 Jahre gealtert”, erläutert Helga Steeger vom Seniorenbeirat der Stadt Erlangen. Was im “richtigen Leben” als schleichender Prozess stattfindet, wird dank des Alterssimulationsanzugs innerhalb weniger Minuten erlebbar. Mit der Weste beginnt es. Mehrere Kilogramm schwer, sitzt sie fest und schwer auf den Schultern und zieht den Oberkörper sofort leicht nach vorne. Danach geht es an die Gelenke. Steife Manschetten an den Ellbogen und Knien schränken die Bewegungsfähigkeit deutlich ein. Zusätzliche Gewichte um die beiden Handgelenke herum lassen die Arme wie willenlos am Körper baumeln. “Wenn die Muskulatur und die Nerven abgebaut haben, ist es deutlich mühsamer, die Gliedmaßen zu bewegen. Sie werden als viel schwerer empfunden, die Bewegungen werden anstrengender”, sagt Helga Steeger. Um den Hals spannt sich fest eine Halskrause – der Kopf lässt sich nun nicht mehr wie gewohnt drehen.
Wer außerdem die fingerlosen verstärkten Handschuhe überstreift, dem wird schnell bewusst, wie es sich anfühlt, wenn die Sensibilität der Hände eingeschränkt ist. Als Krönung hilft Helga Steeger zum Schluss in spezielle Überschuhe. Kombiniert mit Gewichten an den Fußgelenken fällt nun jeder Schritt schwer. “Der Gang wird schwerfällig, die Fußsohlen haben kein Gespür mehr, und man hat weniger Bodenhaftung”, sagt Steeger. Flottes Abrollen des Fußes beim Laufen ist nun nicht mehr möglich. Stattdessen versucht man, sich vorsichtig und langsam schrittweise voranzutasten. Oft gleicht es einem roboterhaften, steifen Tapsen.
GERT wird gut nachgefragt
Im Frühjahr 2012 hat der Erlanger Seniorenbeirat den Alterssimulationsanzug für 2.000 Euro gekauft. Seitdem wird er kostenfrei und hauptsächlich in Erlangen verliehen, zum Beispiel an Mitarbeiter von Altenpflegeheimen, Stadtplaner, BRK, Verkehrsbetriebe oder Schulen und “an alle, die sich über Alterseinschränkungen informieren wollen”, sagt Helga Steeger. “GERT trägt zum Verständnis für altersbedingte Beeinträchtigungen bei – und dazu, dass diese Erfahrung im lebenspraktischen Alltag berücksichtigt wird.” Die Seniorenbeiratsvorsitzende berichtet: “Im Moment wird GERT gut nachgefragt. Für diejenigen, die sich auf GERT einlassen, ist es eine Bereicherung.” Einer Studie der Universität Würzburg zufolge gaben 90 Prozent der Teilnehmer, die GERT testeten, an, sich besser in die Situation von älteren Menschen hineinversetzen zu können.
Benutzt man mit GERT die Treppe, ist man für jeden Handlauf dankbar. Wer mit GERT im Rathaus-Lift nach unten fährt, muss sich ebenfalls konzentrieren. Zwar wird die erreichte Etage mittels Lautsprecherstimme angesagt, doch man hört sie nicht. Genauso wie die tobenden Kinder auf dem Rathausplatz oder einen Mann, der laut mit seiner Fahrradklingel protestiert, weil man nicht schnell genug die Bahn geräumt hat. Der Grund: Zu GERT gehört eine Art Kopfhörer, der viele Geräusche abschirmt und die sogenannte Hochtonschwerhörigkeit simuliert. “Die Geräusche können nicht mehr zugeordnet werden, dadurch kommt es zu Schreckmomenten”, weiß Helga Steeger.
Das Rinnsal auf dem Rathausplatz entpuppt sich später, wenn man den Kopfhörer abnimmt, als laute Wasserfontäne des Brunnens. Der “Saharasturm” löst sich in ein Nichts auf, und Farben lassen sich wieder klar identifizieren, sobald man die spezielle GERT-Brille absetzt. “Die Brillen wurden von Augenärzten entwickelt”, erläutert Steeger. “Sie simulieren altersbedingte Einschränkungen wie zum Beispiel eine Netzhautveränderung bei Diabetes, einen Grauen Star oder die Altersabhängige Makuladegeneration.”
Helga Steeger, die sich selbst als “ungeduldige Person” einschätzt, sagt: “Seit ich GERT einmal selbst getragen habe, ist mein Respekt vor Menschen, die trotz der Beeinträchtigungen den Alltag meistern, noch einmal um ein Vielfaches größer geworden.”

Ilona Hörath