Ein Hauskauf im Alter ist schon schwer, noch schwerer tut man sich aber, wenn man ein neues Haus baut. Foto: epd

Entspannt sitzt Jesus Salcedo, 71, neben seiner Frau Sieglinde auf einem bordeauxroten Ledersofa im hellen, großzügig geschnittenen Wohnzimmer. Die Fußbodenheizung sorgt für angenehme Wärme. Es ist gemütlich, es ist still. Kein Straßenlärm dringt von draußen herein. Der Bungalow steht in einem neu erschlossenen Wohngebiet in einer wenig befahrenen Sackgasse. Ein Kiefernwäldchen grenzt an. Die Tür zum Flur fehlt noch, auch eine Garderobe – ein paar Kleinigkeiten eben. Erst vor wenigen Wochen ist das Ehepaar hier eingezogen. »Wir wollten uns auch im Alter unsere Unabhängigkeit bewahren«, erläutert Jesus Salcedo.
Die sechsfachen Großeltern Salcedo haben es geschafft: Sie haben sich zum ersten Mal in ihrem Leben ein Haus gebaut. Genau in dem Ort, in dem sie schon seit sieben Jahren in einer Eigentumswohnung gewohnt haben, in Hausen im oberfränkischen Landkreis Forchheim. »Verkehrte Welt« nennt das neue Zuhause der Salcedos ausgerechnet Architekt Eckhard Feddersen, der Entwicklungen und Trends in der Baubranche bundesweit beobachtet. Der Wahl-Berliner, der auch in Nürnberg markante Spuren mit dem Bau des Kompetenzzentrums für Menschen mit Demenz hinterlassen hat, erinnert daran, dass man gewöhnlich Einfamilienhäuser baut, wenn Kinder kommen. Sprich: in jungen Jahren. »Die Häuser werden im Allgemeinen später an die eigenen Kinder übergeben. Etwa, wenn das Haus zu groß für die alten Eltern geworden ist, einer der Partner den ersten gesundheitlichen Warnschuss bekommen hat oder aber die Pflege des Gartens nicht mehr bewältigt wird. Es handelt sich um ein rotierendes System.«
Und nicht nur Feddersen, der auch Beiratsmitglied im Zukunftsforum »Langes Leben« ist, ein vom Bund gefördertes Projekt, um die Lebensqualität Älterer zu verbessern, wundert sich über das Vorhaben und den Mut der Salcedos. »Verrückt« nannten es Freunde und Bekannte, was das Ehepaar da hochzog. Nur die Kinder der beiden, zwei Töchter und ein Sohn, ermunterten sie zum Hausbau: »Macht es«, rieten sie ihren Eltern.
»Es war keine Entscheidung von zwei Monaten«, versichert im Rückblick Jesus Salcedo, ein gebürtiger Peruaner, der in Deutschland studiert hat, geblieben ist und bis zum Ruhestand für Siemens gearbeitet hat. Man habe sich lange mit dem Gedanken beschäftigt. Seine Frau ergänzt: »Ein weißer Bungalow mit rotem Walmdach sollte es sein, ebenerdig und massiv, ohne Keller und ohne Treppen, denn schließlich sollte alles einfacher werden für uns.« Vor rund zwei Jahren machten sie den ersten entscheidenden Schritt: Sie nahmen einen Bankkredit auf und erwarben ein 490 Quadratmeter großes Grundstück zu günstigen Konditionen im 3600-Seelen-Dorf Hausen.
»Auch das ist eindeutig antizyklisch«, urteilt Architekt Feddersen. »Die meisten ziehen weg vom Land. Sie wollen im Alter in die Stadt zurück, wobei sie sich meist gleich noch räumlich verkleinern.« Doch nicht allen gelingt es, dem vertrauten Heimatdorf den Rücken zu kehren. In Norddeutschland gebe es Dörfer, da wohne auf jedem Hof nur noch eine einzelne alte Dame, berichtet Feddersen, ein gebürtiger Husumer. Sein Fazit: »Land und Alter – das ist ganz schwierig!« Denn die schlechte Infrastruktur macht das Leben beschwerlich.
Ganz anders sehen das die Salcedos. Sie schwärmen von ihrem Dorfidyll. »Zwei Supermärkte, ein Getränkemarkt, Ärzte, eine Praxis für Physiotherapie, eine Apotheke, zwei Banken – und alles können wir in Minuten zu Fuß erreichen!« Ideal sei nicht zuletzt, dass alle Kinder in der Nähe wohnen, die jüngste Tochter sogar um die Ecke. »Als die Enkel noch klein waren, habe ich sie aus dem nahen Kindergarten abgeholt«, erzählt Oma Sieglinde. »Die jungen Nachbarn in unserem Viertel kennen wir daher schon seit Jahren. Viele haben immer wieder gefragt: Wann zieht ihr endlich ein?«
»Der Wohnort ist offenbar sehr sorgfältig ausgewählt worden«, lobt Architekt Feddersen. In die Entscheidung hätten nicht nur emotionale Gesichtspunkte hineingespielt, die rationalen Gründe hätten überwogen. »Das ist absolut typisch für Menschen im Alter. Aufgrund der großen Lebenserfahrung urteilen sie ruhig und besonnen. Selbst wenn es um einen Lebenstraum geht, den man endlich verwirklichen will.«
16,7 Millionen Menschen über 65 Jahre leben in Deutschland, nur rund fünf Prozent davon in Alten- und Pflegeheimen. 15,5 Millionen der über 65-jährigen Frauen und Männer leben wie gehabt in den eigenen vier Wänden. Die modernen Alternativen zu den eigenen vier Wänden reichen vom Betreuten Wohnen über die Alten-WG bis hin zum Mehrgenerationenhaus. Eckhard Feddersen weiß: »Zwei Drittel aller Senioren wünschen sich eine Zweizimmerwohnung mit etwa 55 bis 60 Quadratmetern. Sie soll möglichst nicht im Erdgeschoss liegen, aber mit einer großen Loggia ausgestattet sein. Sonnig sollen die Räume sein, gut begehbar, schwellenfrei.« Der Architekt, selbst 65 Jahre alt, präsentiert einen lebensnahen Vergleich: »Eine Wohnung ist wie ein zweiter Mantel. Er passt gut – deshalb hat man ihn sich schließlich ausgesucht. Er besitzt schöne Taschen und schöne Knöpfe – dem Zeitgeist entsprechend. Doch falls es nötig ist, lässt sich der Mantel leicht abstreifen.«
Der »zweite Mantel« der Salcedos soll dagegen noch lange halten, schließlich ist er maßgeschneidert. Nicht zufällig sind die Türen im Bungalow breit und rollstuhlgerecht. In die schwellenlose extra-große Duschkabine passt im Bedarfsfall ein Stuhl. Moderne Kunststoff-Aluminium-Fenster, die nie gestrichen werden müssen, und die Luft-Wärme-Pumpe vervollständigen das Bild eines durchdachten Wohnraums. Im Frühjahr kommt der allerletzte Schliff. Dann wird der Zaun ums Grundstück herum aufgestellt und der Garten angelegt. Sieglinde Salcedo spricht noch einen Wunsch aus: »Wir hoffen, dass wir unser Haus so lange wie möglich genießen können. Vielleicht fünf, vielleicht zehn oder sogar noch 20 Jahre?« Und wenn alles anders kommt, sie sich vielleicht eines Tages nicht mehr richtig bewegen können? »Dann müssen wir uns eben neu entscheiden«, sagt sie.
Text: Ute Fürböter
Fotos: Mile Cindric