Roland Engehausen hat sich mit den Porblemen pflegender Angehöriger auseinandergesetzt und will ihre Situation verbessern. Foto: SBK

In Sonntagsreden erhalten sie häufig höchstes Lob. Aber außer der gelegentlichen Anerkennung bei besonderen Anlässen steht die Leistung von pflegenden Angehörigen meist im Hintergrund. Auch die Probleme, mit denen sich die Familien von kranken alten Menschen konfrontiert sehen, sind eher Privatsache. Jeder kämpft für sich allein, und sobald der Berg von Schwierigkeiten zu groß wird, leidet die Gesundheit der Pflegenden. Das hat die Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) in einer Studie herausgefunden und als Konsequenz aus den Ergebnissen eine Pflegetour organisiert, bei der die Betroffenen und Kassenmitarbeiter ins Gespräch kamen. Die Reise führte drei Monate lang quer durch Deutschland, machte mehr als ein Dutzend Mal Station – darunter im Mai auch in Nürnberg – und erreichte rund 1600 Teilnehmer. Das Magazin sechs+sechzig sprach mit Initiator Roland Engehausen von der SBK über seine Eindrücke und Pläne.
sechs+sechzig: Welche Erkenntnis hat Sie am Ende der dreimonatigen Veranstaltungsreihe am meisten überrascht?
Die Betroffenheit der Menschen, die ihre Lebenssituation mit pflegebedürftigen Angehörigen schilderten. Vor allem, wie sie von ihren Erfahrungen berichteten und sich damit etwas Erleichterung verschafft haben. Damit ist für viele ein entlastender Moment entstanden.
Ist es denn nicht selbstverständlich, über seine Erfahrungen in der häuslichen Pflege zu sprechen?
Offenbar nicht, wobei es ein starkes Stadt-Land-Gefälle gibt. In der anonymisierten Großstadt ist es unproblematischer. Aber auf dem Land fällt es den Menschen offenbar extrem schwer, Hilfe anzunehmen. Immer wieder wurde gesagt: Dafür bin ich doch da, dass ich meinen Partner, meinen Angehörigen pflege. Was sollen sonst die Nachbarn sagen?
Haben Sie bei solchen Aussagen Mut machen können, sich doch Entlastung zu verschaffen und Hilfe anzunehmen?
Ja. Wir haben immer betont, dass es nicht bedeutet, dass einem der Lebenspartner oder Angehörige weniger wert ist, wenn man sich bei der Pflege Hilfe holt. Man sollte sich zugestehen, dass man als pflegender Angehöriger auch einmal eine Pause braucht.
Gab es auch Beiträge zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf?
In mehreren Städten wurde das thematisiert. Ein Mann meldete sich zu Wort, der seinen Vater gepflegt hat. Er wollte die letzten Monate gemeinsam mit seiner Schwester für ihn da sein. Deshalb vereinbarte er mit seinem Chef, dass er seine Stundenzahl reduziert. Doch er machte aus meiner Sicht den Fehler, die Kollegen nicht miteinzubeziehen. So hatte zwar der Chef Verständnis, aber die Kollegen nicht. Sie beschwerten sich, dass ihr Kollege zu Terminen zu spät kam und für manche Aufgabe länger benötigte als sonst. Das zeigt jenseits aller gesetzlichen Regelungen, dass die Betroffenen sehr offen mit der Doppelbelastung umgehen sollten.
Sehen Sie einen Handlungsbedarf beim Gesetzgeber, denn bisher ist das Thema Pflege doch eine persönliche Sache, die zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer jedes Mal individuell ausgehandelt werden muss?
Ich schwanke. Es ist die Frage, ob ein Rechtsanspruch etwas an der Situation der pflegenden Berufstätigen ändern würde. Ich habe festgestellt, dass nicht die fehlende gesetzliche Regelung das eigentliche Problem ist. Andererseits würde durch einen Rechtsanspruch auf Pflegezeiten die gesellschaftliche Akzeptanz wahrscheinlich steigen. Deshalb glaube ich, müsste der Gesetzgeber aktiv werden.
Sollte dann nicht auch die finanzielle Seite geregelt werden?
Das steht nicht an erster Stelle. Ich habe viel Bereitschaft gespürt, auf das Ersparte zurückzugreifen, wenn jemand für eine Zeit beruflich kürzer tritt, um sich um einen Angehörigen intensiv zu kümmern. Aber es geht um die Selbstverständlichkeit, mit der die große Leistung eingefordert wird und um die ausstehende Anerkennung. Das muss sich ändern.
Hatte die Pflegetour auch Auswirkungen auf die Arbeit der SBK?
Wir haben auf der Tour auch Leute getroffen, denen wir zunächst den Antrag auf Leistung abgelehnt haben. Das war mir so nicht bewusst, dass im Pflegebereich die Ablehnungsquote wesentlich höher liegt als in anderen Bereichen. Derzeit beträgt sie etwa 16 Prozent. Ein Grund hierfür sind die harten gesetzlich vorgeschriebenen Berechnungsschemata über den Medizinischen Dienst. Häufig kann man aber mit einer genaueren Dokumentation der Pflegebedürftigkeit das Antragsverfahren verbessern.Wir versuchen nun, die Ablehnungsquote deutlich zu senken.
Wie wollen Sie das erreichen?
Wir haben uns zum Ziel gesetzt, zunächst eine Beratung vorzuschalten, bevor ein Antrag abgegeben wird. Wir haben durch die Veranstaltungen unsere Mitarbeiter für das Thema sensibilisiert. Wir wollen auch die Angehörigen auf den Besuch des MDK vorbereiten, denn immer noch passiert es häufig, dass der Pflegebedürftige versucht, einen besonders guten Eindruck zu machen und so die eigentliche Situation verschleiert. Dafür haben wir eine Pflegeberatung aufgebaut.
Soll die Pflegetour 2012 fortgesetzt werden?
Wir planen bereits für nächstes Jahr eine Neuauflage. Ich denke, wir besuchen die Städte erneut, in denen wir schon waren. Inhaltlich würde es dann voraussichtlich insbesondere um Lebensfreude trotz, beziehungsweise mit Pflegebedürftigkeit gehen, beispielsweise auch um betreuten Urlaub. Ich glaube, dieses Thema würde bei den Betroffenen auf große Resonanz stoßen.
Interview : Petra Nossek-Bock
Fotos: Alexander Raths/Fotolia.com; privat
Die SBK (Siemens-Betriebskrankenkasse) ist eine geöffnete, bundesweit tätige Betriebskrankenkasse und gehört mit einer Million Versicherten zu den größten Krankenkassen in Deutschland.
20 Prozent der Kunden sind älter als 65 Jahre.