Wohlhabende Bürger bauten im 17. Jahrhundert an der Hauptstraße diese Wohnanlage, die große Innenhöfe hat. Foto: Mile Cindric

Wohlhabende Bürger bauten im 17. Jahrhundert an der Hauptstraße diese Wohnanlage, die große Innenhöfe hat. Foto: Mile Cindric

Das waren Zeiten, als ein Stadtplaner in Mitteleuropa auf dem Reißbrett noch eine Siedlung entwerfen konnte, die annähernd rechteckig ist und 375 mal 325 Meter misst! Karlstadt am Main, 25 Kilometer nordwestlich von Würzburg gelegen, ist so eine Stadt. Zerschnitten wird sie durch die Hauptstraße, die von Nord nach Süd verläuft, und die Maingasse/Alte Bahnhofstraße von Ost nach West. Beide Straßen treffen sich am Marktplatz und teilen das Areal in vier Viertel. Die Querstraßen aus diesen Vierteln wiederum münden rechtwinklig in die Hauptstraße. Von oben schaut das Straßennetz aus wie eine Leiter. Umgrenzt wird die Altstadt von einer in großen Teilen noch heute existierenden Stadtmauer mit seiner Westseite am Main.
Allerdings unterscheidet sich das im 12. oder 13. Jahrhundert entworfene Karlstadt doch sehr von den ebenfalls am Reißbrett entstandenen Städten in Amerika, die sieben Jahrhunderte danach entstanden. Die vom Kanzler und Würzburger Bischof, Konrad von Querfurt (1198-1202), in Auftrag gegebene Stadtgründung weist die typische Raster-Planung der Städte der Stauferzeit auf. Das erleichtert die Orientierung enorm. Karlstadt ist aber trotz dieser berechenbaren Planung eine sehr idyllische, von Baustilen aus sieben Jahrhunderten geprägte Kleinstadt geblieben. Dies kann jeder Besucher bei einem Rundgang selbst erfahren.
Der beginnt praktischerweise beim Treffpunkt der beiden Hauptachsen, beim Rathaus. 1422 als Kauf-, Rat- und Tanzhaus errichtet, beherbergte es im Mittelalter die Markthalle sowie den Versammlungssaal im Obergeschoss. Der war lange Zeit nur über eine doppelläufige Freitreppe über den Marktplatz erreichbar und gilt als einer der schönsten Räume dieser Art in Unterfranken. Freitreppe und Treppengiebel geben dem eher bescheidenen Gebäude und dem Marktplatz sein Gepräge.
Gegenüber dem Rathaus befinden sich zwei repräsentative Barockbauten. Links das 1721 erbaute so genannte Adelsmann-Haus. Das Wohn- und Geschäftshaus des Georg Adelmann war lange Zeit das größte Haus am Ort. Die Fassade des Hauses orientierte sich an der gegenüber liegenden fürstbischöflichen Amtskellerei, ist aber wesentlich opulenter. Auf dem Scheitelstein des Portals steht die noch vom Rokoko beeinflusste Statue der unbefleckten Gottesmutter. Zusammen mit der Madonna im Adelsmanns-Haus und der Figur des Heiligen Josef mit dem Kind im Eckhaus in der Hauptstraße 38 sind sie Beispiele für die »Mode« der fränkischen Hausplastiken aus dieser Zeit.
Von hier aus sind es vielleicht noch 100 Meter zum Main. Man geht durch die Maingasse, am 1671 erbauten Öhnigerhaus mit den gedrehten Weinlaubsäulen und dem reichen Giebelschmuck vorbei durch die Stadtmauer und das Tor bis zum Fluss. Tritt man aus dem Tor hinaus, ist die 1525 durch die ständischen Karlstädter Bürger im Bauernkrieg zerstörte Karlburg auf dem anderen Ufer des Mains unübersehbar. Am Ufer lässt es sich entweder nach rechts gemütlich an der Stadtmauer entlang flanieren bis zum so genannten Roten Turm, um von hier aus durch die Hofriethgasse wieder in die Hauptstraße mit weiteren schönen alten Häusern zu gelangen. Oder man wendet sich nach links und erreicht nach etwa 300 Metern den 1350 erbauten Oberen Turm samt Oberem Torhaus, um von hier aus in die Hauptstraße wieder zum Marktplatz zu gelangen.
Die Gassen, die auf die Hauptstraße treffen, tragen die Namen der einst hier ansässigen Gewerbe: Gerber, Schuster oder Färber. Was die Namen der Straßen nicht verraten, sind die Namen einiger, weit über die Stadtmauern hinaus bekannter Wissenschaftler, die in Karlstadt geboren wurden. Zum Beispiel Johannes Rudolph Glauber (1603-1670). An der Schwelle zur Neuzeit erfand der »erste industrielle Chemiker« das so genannte Glaubersalz. Es wird als Abführmittel angewandt, kommt aber auch in der Glasfabrikation zur Anwendung. Oder der 1477 ebenfalls hier geborene Johannes Schöner. Der Theologe, Mathematiker und Mediziner baute Erd- und Himmelsgloben und nahm an, dass sich die Himmelkörper bewegten und nicht – wie es die kirchlichen Gelehrten seiner Zeit verkündeten – unbeweglich am Himmel standen. Zu erwähnen sind aber auch Johannes Drach (1494-1566), der eine polyglotte Bibel schrieb, oder Johannes Zahn (1641-1707), der das Prinzip erfand, auf dem die Fotografie mit einer Spiegelreflexkamera (Reflex Camera Obscura) beruht.
Aber das ist noch lange nicht alles, was Karlstadt am Main zu bieten hat: In der Stadtkirche St. Andreas finden sich eine Sandstein-Großplastik des Christus Salvator aus dem Jahr 1380 und Skulpturen des heiligen Nikolaus von Tilman Riemenschneider sowie die steinerne Kanzel, die aus seiner Werkstatt kommen soll. Eigentlich ist dies alles zuviel für einen Tag. Aber Wanderer und Gäste können ja auch mehrmals kommen. Die Gastronomie in und um die Hauptstraße bietet dafür jedenfalls genug Vielfalt. Und wer viel Glück hat, kann einen warmen Herbstnachmittag erwischen, im Café sitzen, das quirlige Leben um sich herum genießen – und sich ein bisschen fühlen wie in einer mediterranen Stadt.
Rainer Büschel
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Information
Karlstadt ist von Nürnberg aus in etwa einer Stunde 45 Minuten mit dem Regionalzug nach Frankfurt erreichbar. Günstig ist das Bayernticket, mit dem fünf Personen für 27 Euro fahren können.