»Die Frau ist der Spiegel des Mannes«. Das Modebewusstsein der Männer ist gewachsen, doch viele nervt das Einkaufen gewaltig. Foto: Michael Matejka

»Die Frau ist der Spiegel des Mannes«. Das Modebewusstsein der Männer ist gewachsen, doch viele nervt das Einkaufen gewaltig. Foto: Michael Matejka

In der Anonymität des Modehauses. Eine ganz alltägliche Szene.
Ein älteres Paar, gepflegtes Äußeres. Er ist schlank, gleichwohl liebt er seine Hemden etwas weiter geschnitten.  »Du brauchst Größe S«, sagt sie. »Das kannst du gut tragen.« »Ich hätte es aber gern etwas bequemer. Nicht so eng anliegend, als ob ich bei den nächsten Schwimm-Meisterschaften antreten will.«
»Größe M hängt wie ein Zelt an dir. Und spar dir deine Ironie.« Er nimmt Größe S. Schwieriger wird es nun bei der Wahl des Sakkos. Er schlüpft in ein Jackett.
Passt, passt nicht … Foto: Michael Matejka

Passt, passt nicht … Foto: Michael Matejka

»Du musst dich schon gerade halten!« Sie zupft vorne, dann hinten. Dann noch einmal am Revers. Er steht starr. Sie lupft die Schulterstücke. Er lässt die Schultern hängen. So bleibt er stehen, während sie bereits wieder die Kleiderständer durchforstet, Jacken von links nach rechts und wieder zurück schiebt.
Das sieht gekonnt aus. Sie macht das nicht zum ersten Mal. Der Ehegatte mutiert derweil zum Denkmal, zu einem missmutigen.
Jetzt tritt der Verkäufer in der Herrenabteilung auf. Bisher hat er sich diskret im Hintergrund gehalten. Vorsichtig pirscht er sich heran. Er will auf keinen Fall aufdringlich erscheinen. Plumpe Einmischung wäre das Verkehrteste. Aber das Denkmal muss wieder zum Menschen werden. Und: er will das Sakko verkaufen. Psychologie ist gefragt.
... Helga und Klaus Moosburger wählen gemeinsam die neue Kombination für den Mann aus. Foto: Michael Matejka

... Helga und Klaus Moosburger wählen gemeinsam die neue Kombination für den Mann aus. Foto: Michael Matejka

»Also«, sagt der Verkäufer mit sanfter Autorität, »also, die Passform muss schon stimmen.«
»Siehst du«, sagt sie.
»Passt doch«, widerspricht er – trotz der Übermacht. Jetzt zupft auch der Verkäufer vorsichtig am Gatten, lässt ihn dann stehen und sagt im Weggehen: „»Ich bringe Ihnen jetzt mal was ganz anderes.« Wie ein Torero sein rotes Tuch schwenkt er, der jetzt die Regie übernommen hat, eine Jacke aus Tweed, gedeckte Farbe, von links nach rechts und wieder zurück. Er hilft dem Mann in die Jacke.
»Die sitzt wie für Sie gemacht.«»Sitzen«, denkt der Mode-Märtyrer, »sitzen wäre jetzt nicht schlecht.«Seine Frau ist drei Schritte zurückgegangen, kneift das linke Auge zusammen. Und sagt erst einmal gar nichts. Dann endlich das erlösende Wort. »Doch! Doch die steht dir gut.«»Dort hinten«, sagt der Verkäufer, »ist der Spiegel.« Der Mann in Tweed schaut hinein und nickt. Der Verkäufer ist inzwischen mit einer wintertauglichen modischen Weste aufgetaucht. »Die können Sie drüberziehen; wenn Sie zum Beispiel ins Theater gehen, so in der Übergangszeit.« Die Weste landet auch auf dem Kassentresen.
»Solche Einkäufe sind eine Herausforderung, eine psychologische«, bekennt der Verkäufer später. Er liebe solche Situationen, sagt er.
Der Schluss-Satz seines Auftritts hat es in sich: »Die Frau ist der Spiegel des Mannes.« Chic gekleidet wollen sie natürlich sein, die Männer über sechzig. Immerhin schätzen sich 54 Prozent der 60-bis 69-Jährigen und 44 Prozent der 70- bis 79-Jährigen selbst als modebewusst ein. Es ist nicht so, dass Senioren sich nicht für Neues in der Modebranche interessierten. Im Gegenteil: Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg ist sowohl die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem als auch das Modebewusstsein in den vergangenen sieben Jahren bei der Generation 50plus rapide gewachsen.
Nachdem die meisten Frauen schon seit jeher über ein ausgeprägtes Modebewusstsein verfügen und sie diese Vormachtstellung bis heute gehalten und ausgebaut haben, war es an der Zeit, dass die Männer – und sei es erst im reifen Rentenalter – nachzogen.
Was den Mann indes nervt, ist die Prozedur des Einkaufens.
»Eigentlich weiß meine Frau, was mir steht und was zu mir passt«, gesteht Klaus Moosburger. Wenn der 61-jährige Herpersdorfer gemeinsam mit seiner Frau Helga einkaufen geht und eventuell vom Geschmack der besseren Hälfte abweichende Mode-Vorstellungen entwickelt, kann sich ein kurzes Streitgespräch über seinen Modegeschmack und den von Älteren ganz allgemein ergeben. Nicht als Folge solcher Diskurse, sondern eher wegen der Bequemlichkeit des Ehemannes ist Helga Moosburger dazu übergegangen, ab und an eine Hose oder ein Hemd mit nach Hause zu bringen. Klaus Moosburger ist das gerade recht: »Da kann ich dann in Ruhe anprobieren. Und meistens gefällt mir auch, was mir meine Frau da mitbringt«, versichert er.
Wer indes niemanden hat, der mit ihm einkaufen geht oder ihn zu Hause modisch auf Vordermann bringt, dem steht Rike Link zur Seite. Die 31-Jährige Textilwissenschaftlerin und Psychologin führt in Essen die kleine Agentur »style-link«. Sie berät nicht nur in Stilfragen, sondern geht mit Unentschlossenen und modisch Wankelmütigen auch Einkaufen, häufig nachdem vorher zu Hause der Kleiderschrank »durchgecheckt« wurde. Zu ihrer eigenen Überraschung hat sich dieser Check als der Renner ihrer Agentur erwiesen.
Rike Link, auch Dozentin für Mode an der Technischen Universität (TU) Dortmund und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, macht ebenfalls die Erfahrung, dass »die Frauen meistens nicht sehr zufrieden mit der Kleiderwahl ihrer Männer sind«. Rike Link: »Außerdem sind Ehefrauen oft der Meinung, dass sich der Mann zu selten etwas Neues kauft.« Ältere Männer seien oft Traditionalisten, indem sie »dem gewohnten Kleidungsstück treu bleiben«.
Das gelte nicht für ältere Frauen. So ging Rike Link mit einer 70-Jährigen einkaufen. »Und sie hat wirklich alles anprobiert und nicht von vorneherein gleich abgeblockt, beispielsweise bei einem farbenfrohen Kleidungsstück.«
Männlichen Senioren, so die Erfahrung der Textilwissenschaftlerin, sei der Klamottenkauf indes mehr eine Last, denn eine Lust. Was womöglich auch darauf zurückzuführen ist, dass der Markt für Ältere ziemlich begrenzt sei. Ältere müssten ungleich länger auf die Suche gehen als die jüngere Gener
Hinter dem Vorhang Gemurmel. Der Vorhang öffnet sich einen Spalt breit. Hindurch schiebt sich eine braungebrannte Männerhand. Sie zieht sich mit einer Hose als Beute wieder zurück in die Umkleidekabine. Während sich der Kunde hinter dem Vorhang in sein Beinkleid zwängt, ist seine Souffleuse, die sich auskennt mit Text und Textilien, schon wieder auf der Pirsch durch den Kleiderstangen-Wald. Und der Mann steht derweilen in seiner Probier-Hose in Strümpfen ein paar Schritte vor dem Vorhang – und harrt der Hosen, die da noch kommen werden. Zwei Hosen hat sie ergattert, seine Jane im Modedschungel.  »Schaut gar nicht so übel aus«, urteilt sie mit Kennerinnenmiene, als sie den Gatten erblickt. Seine Hoffnung, dass er die beiden anderen Hosen gar nicht anprobieren muss, wird zerstört durch die Aufforderung: »Schlupf halt in die da auch mal rein!«
Er schnappt sich die beiden anderen Hosen und verschwindet wieder hinter dem Vorhang. Sie setzt sich hin und wartet auf seinen Auftritt. »Die ist etwas bequemer, oben herum«, stellt er fest, als er wieder aus der Umkleidekabine kommt.
»Ja, aber die sitzt nicht so gut wie die erste«, meint sie.
Zaghafte Frage von ihm: »Geht die nicht beim Waschen noch ein?«
»Kaum«, beruhigt sie. Die Erstprobierte wird genommen.

Günter Dehn