Hans Porzelt (links) und Friedrich Immendorf greifen am Klavier im Stift der Awo kräftig in die Tasten. Foto: Mile Cindric

Hans Porzelt (links) und Friedrich Immendorf greifen am Klavier im Stift der Awo kräftig in die Tasten. Foto: Mile Cindric

Seine Fans sind vor allem die Damen. Sie wollen gar nicht mehr aufhören, singen mit und wünschen sich Schlager von Zara Leander bis Udo Jürgens. Wenn Hans Porzelt (88) im Wohnstift Käthe-Löwenthal in Fürth-Burgfarrnbach am Piano loslegt, steigt die Stimmung.
Wie gut, dass das Instrument gleich vorne am Eingang des gemütlichen Cafés steht. So hat jeder etwas von den flotten Klängen, die Bewohnern und Gästen den Tag versüßen. »Ich mache Unterhaltungsmusik im eigentlichen Sinne«, sagt Porzelt. »Das reicht von Operettenmelodien bis zu Jazzigem.«
Der gebürtige Nürnberger ist nicht der einzige begabte Musiker in diesem Heim. Friedrich Immendorf (91) greift ebenfalls kräftig in die Tasten. Dabei ist der Niedersachse auf Klassik abonniert, schätzt aber auch die leichte Muse. Zur Musik wird häufig getanzt. Manchmal dreht er selbst eine Runde. Gerade die Bewegung zu den Tönen tut Immendorf gut, der nur noch wenig Sehkraft besitzt. Immendorf, der mit 60 Jahren noch Orgelunterricht nahm, erinnert an den tauben Beethoven. Warum sollte er sich da vom nachlassenden Augenlicht abhalten lassen, Musik zu machen? Seine Tasten kennt er schließlich in- und auswendig. Außerdem erinnert er sich an einen Kriegsversehrten, der mit acht Fingern spielte und trotzdem nie ans Aufhören dachte. Heute hat Immendorf ein eigenes Klavier in seinem Zimmer stehen, das er sich erst nach dem Umzug ins Wohnstift angeschafft hat. Ein Händler kommt regelmäßig vorbei, um das Instrument zu stimmen. Enkeltochter Cornelia (26) besucht den Opa öfter, um ihm etwas vorzuspielen.
Für Sozialpädagogin Heidi Winkelmann, Leiterin der Abteilung Aktivierung im Heim, ist es ein Geschenk, dass die beiden rüstigen Bewohner mit so viel Freude musizieren. »Ich habe gemerkt, dass sich Musik bei Demenz positiv auswirkt. Erstaunlicherweise bleiben diese musischen Begabungen erhalten. Wir haben demente Patienten, die noch dreistimmig singen können«, berichtet sie. Gerade wenn man schwer erkrankt sei, habe das Zuhören eine beruhigende Wirkung: Bekannte Melodien sind Seelentröster. Und so wird das Klavier auch manchmal zu den Menschen gebracht, die nicht mehr aufstehen und ihr Zimmer verlassen können.
»Eigentlich sind die alten Musiker Mittherapeuten, denn man kann das durchaus mit der Musiktherapie vergleichen«, resümiert die Pädagogin. Weil sie selbst gerne singt und im Kirchenchor aktiv ist, begleitete Winkelmann Hans Porzelt auch zu gemeinsamen Auftritten. Wenn sich der musische Kreis einmal wöchentlich trifft, kommen auch Orff’sche Instrumente zum Einsatz. Bei dem beliebten Angebot wird natürlich gesungen und über alte Lieder diskutiert. Hans Porzelt setzt sich ans Piano im Café, mit charmantem Lächeln gibt er Swingendes zum Besten. Hier und da wird sofort mitgesummt, am Ende bei Stücken von Orchester-Zauberer Mantovani applaudieren alle. »Wenn ich mal schlecht drauf bin, reagiere ich mich am Klavier ab, das tut gut«, sagt der 88-jährige Porzelt, der sogar eine CD aufgenommen hat. Seine Tochter schenkte ihm die Produktion zum Geburtstag, um ein Andenken an sein Talent zu schaffen.
»Die Musik hat schon eine erstaunliche Kraft«, sagt Porzelt nachdenklich. »Mir hat sie im Krieg auf Kreta und danach in englischer Gefangenschaft in Ägypten immer sehr geholfen.« Auch im Wohnstift hat er diese besondere Wirkung der Musik schon beobachtet. Besonders berührte ihn, als einmal ein 99-Jähriger nach langer Zeit der Einsamkeit sein Zimmer verließ, sich unten in den Gemeinschaftsräumen blicken ließ und mitsang.
In Porzelts Familie spielte Musik immer eine herausragende Rolle. Alle seine Kinder spielen Klavier. Auch heute noch, nach seinem Umzug ins Wohnstift Käthe-Löwenthal, tritt Porzelt bei Festen des TV 1846 Nürnberg auf, erfreut dort nicht nur seine Handballer-Gruppe, die er seit vielen Jahren kennt, sondern auch die übrigen Sportler. Früher leitete er das Jugend-orchester des Vereins, wobei Porzelt damals allerdings Geige spielte. Wie sein Freund Friedrich Immendorf tanzt auch er gerne: »Meine Frau, die noch zu Hause in unserer Wohnung lebt, ist ein echter Tanzbesen«, sagt Porzelt. »Aber sie ist ja auch sechs Jahre jünger als ich.«

Claudia Schuller