Zusammen sind sie 272 Jahre alt – die Rolling Stones. Foto: NN-Archiv

Zusammen sind sie 272 Jahre alt – die Rolling Stones. Foto: NN-Archiv

Welche Musik hören ältere Menschen gern? Beatles oder Blasmusik, Operette oder Oldies? Ein Annäherungsversuch an ein schwieriges Thema in sieben Akten.
Die Kneipe: Am Abend in der Kneipe irgendwo in Nürnberg. Es ist eines von den Lokalen, die im Übergang von den 1970er zu den 1980er Jahren entstanden sind, nicht mehr ganz taufrisch also, ein bisschen muffig. Nicht unbedingt ein Magnet für die junge Generation. Entsprechend ist die Altersstruktur der Gäste gelagert. Aber zwei junge Männer gehen zwischen den Tischen umher und verteilen Fragebögen an einige Grauköpfe an den Tischen. Die beiden studieren an der Bayerischen Pflegeakademie in Gauting bei München und recherchieren für ihre Diplomarbeit. Sie haben ein unerwartetes Thema gewählt. Es geht um den Musikgeschmack von Senioren.
Die Studenten: Der sei doch wichtig, begründen sie die Problemstellung. In Pflegeeinrichtungen müsse womöglich auf den Geschmack der Nutzer eingegangen werden. Und eigentlich hat niemand eine Ahnung davon. Alten Menschen werde gern ein Hang zur Volksmusik unterstellt, eventuell noch zur Operette. Aber ist das wirklich so? Diejenigen, die jetzt sechzig werden, sind mit Elvis Presley aufgewachsen, mit den Beatles und den Rolling Stones. Wieso sollten sie im Alter Vorlieben für den »Musikantenstadl« oder für das »Land des Lächelns« entwickeln? Bisher gibt es zu dieser Fragestellung kaum Erhebungen, keine Fachliteratur. Also stellen die Studenten die Fragen: »Bevorzugen Sie Volksmusik?, Schlager?, Klassik?, Rock und Pop?« Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein. Auf die Schlussfolgerungen erst recht.
Die Heimleitung: In dem Seniorenheim der evangelischen Diakonie ist man von der Zumutung überrascht, Auskunft über die musikalischen Vorlieben der Bewohner geben zu müssen. Das sei kein Thema, lautet die Antwort. Musik werde nur selten in Gemeinschaftsräume eingespielt, zu Weihnachten vielleicht. Ja, da gebe es auch englischsprachige Christmassongs. »White Christmas« sei ziemlich beliebt. Aber sonst? Im Heim werde gar nicht viel Radio gehört. Menschen, die mit Earphones (Ohrhörern) herumlaufen, gebe es kaum. Auf den Fernsehschirmen in den Zimmern flimmern durchaus Volksmusiksendungen. Aber ob es Unterschiede im Sehverhalten zwischen jüngeren und älteren Heimbewohnern gebe, hätte noch niemand beobachtet. Nur eines scheint ziemlich sicher zu sein: »MTV schaut hier niemand.«
Ein Rundfunkhörer (Anfang Sechzig): Er hört Radio, mehr als früher. Im Fernsehen sei an vielen Abenden auf 25 Kanälen kein akzeptables Programm zu finden. Dann schaltet er sein Radio ein. Früher hat er oft Klassikradio gehört. Jetzt mag er »Bayern 1« – vor allem, wenn er liest oder beim Autofahren. Der Sender sei früher unmöglich gewesen: »Entweder gab es was zum Brauchtum der Oberbayern oder Stubnmusi.« Aber jetzt höre er gern die Schlager seiner Jugend. Alexandra, Tom Jones – und warum nicht mal Peter Maffay? Dazu die Pop-Musik der frühen Disco-Nächte. Interpreten wie Donovan und Petula Clark fallen ihm ein, die Kinks, die Byrds. Er bekommt glänzende Augen. Operette? Nein, mag er nicht. Volksmusik? Kommt nicht in die Tüte! »Wenn sie mit der anfangen, schalte ich aus.« Einer von vielen?
Ein Rundfunkredakteur: Er arbeitet beim Bayerischen Rundfunk. Sein Fachbereich ist nicht Musik, sondern Unterhaltung. Aber er kennt selbstverständlich die Diskussionen über das Programmschema – gerade von Bayern 1. Da gibt es in der Hörerschaft durchaus die Fraktion der Volksmusikfreunde. »Die ist immer noch ziemlich stark, wenn auch im Süden Bayerns stärker als im Norden.« Das seien hauptsächlich ältere Hörer, wobei sich der Begriff »älter« schon auf die beziehe, die gerade über 50 sind. Dann gibt es die Gruppe derer, die nur deutsche Texte hören wollen, Schlager, Songs. Reinhard Mey zum Beispiel. Und dann die, die nichts gegen englischsprachigen Pop hat. »Bayern 1 wird bei uns als Oldie-Sender geführt. Es gibt inzwischen regelrechte Oldie-Clubs, die die Musik der 50-er, 60-er, 70-er Jahre pflegen. Die nehmen starken Einfluss auf das Programm.« Präzise Zahlen über den Zusammenhang von Altersgruppe und musikalischen Stil-Präferenzen sind aber auch hier nicht zu bekommen.
Ein Klassik-Fan (Anfang Siebzig): Nein, sagt die Dame in der Pause des Philharmonischen Konzerts, Rundfunkmusik höre sie nicht. Sie hört Schallplatten mit Klassikmusik – immer noch die alten aus Vinyl. Sie kennt das Wort. Sie weiß, dass es die jetzt wieder gibt. Aber sie mag nicht in die entsprechenden Läden gehen. Einen CD-Player hat sie selbstverständlich auch zu Hause. Und dann geht sie in Konzerte, fährt auch mal nach München, wenn sie etwas besonders interessiert. Aber sie fürchtet, dass sie zu einer aussterbenden Art gehört. Sie deutet auf das Publikum im Foyer. Fast ausschließlich Silberköpfe, kaum jemand unter Vierzig. Ist die Kultur der Klassik eine Alterserscheinung? Chöre mit klassischem Repertoire, das weiß die Dame aus eigener Sanges-Erfahrung, finden kaum Nachwuchs. »Der Chor müsste schon in einem Musical auftreten oder wenigstens Gospels auf seinem Programm haben. Sonst kommt kein junger Mensch.«
Der Journalist: Ungeachtet der Ergebnisse, die sich aus der Recherche zur Diplomarbeit der Pflegeakademie ergeben werden, habe ich bei den Vorbereitungen zu diesem Artikel die Erfahrung gemacht, dass der Musikgeschmack der älteren Generation kein Thema ist in der gesellschaftlichen Diskussion. Medienwissenschaftler, Musikwissenschaftler und Soziologen sind arglos. Sogar Rundfunkredakteure haben nur vage Vorstellungen von den Bedürfnissen der Zielgruppen, die sie doch bedienen wollen. Es kristallisiert sich eine verschwommene Geschmacks-Vielfalt heraus, die Klischees (etwa: Senioren tendieren zur Volksmusik oder bevorzugen deutsche Schlager) allmählich über den Haufen wirft. Denn da lauschen wache Ohren auf musikalische Angebote. Und irgendwann werden auch die in die Jahre kommen, die jetzt außer Rap und Hip-Hop keinen Rhythmus kennen.

Herbert Heinzelmann