
Ingrid Hofmann hat in ihrem Zeitplanbuch ein ungewöhnliches Ziel notiert: arbeiten bis 84 – bei guter Gesundheit. Heute ist die Alleingesellschafterin der international tätigen Nürnberger Zeitarbeitsfirma Hofmann Personal 71 Jahre alt und lebt ihren Mitarbeitenden jeden Tag vor, wie man auch nach vielen Jahrzehnten noch mit Leidenschaft und Freude seiner Arbeit nachgehen kann.
Vorbilder habe sie keine, sagt Hofmann. Vielleicht auch, weil es nur wenige Frauen mit einer vergleichbaren Unternehmerinnen-Biografie gibt. Ihren persönlichen Ruhestandsplan hat sie bereits 1985 notiert – damals war sie 30 Jahre alt und hatte gerade den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Möglich gemacht hatte das ihr Vater, ein Landwirt aus dem oberfränkischen Hiltpoltstein, der sogar ein Stück Land verkaufte, um seiner Tochter den Start zu finanzieren. Schon ein Jahr später konnte sie ihm das Geld zurückzahlen. Unabhängigkeit – finanzielle wie gedankliche – war ihr von Anfang an wichtig.
Gestartet ist Hofmann mit 24 Zeitarbeits-Mitarbeiterinnen im kaufmännischen Bereich und einer internen Angestellten – eine reine Frauenmannschaft. Nach wenigen Monaten kamen die ersten Aufträge für Facharbeiter im gewerblich-technischen Bereich hinzu. »Damit war es selbstverständlich, mit Frauen und Männern zu arbeiten«, sagt Hofmann, »und im Nachhinein bin ich darüber sehr froh.« Heute beschäftigt das Unternehmen rund 15.000 Mitarbeitende in neun Ländern, darunter auch in den USA.
Die Erwerbsbeteiligung Älterer ist gestiegen
Dass ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend gefragt sind, ist längst kein Randthema mehr. Die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jährigen ist in den vergangenen zehn Jahren so stark gestiegen wie in keiner anderen Altersgruppe, berichtet das Statistische Bundesamt. Auch bei Hofmann Personal zeigt sich dieser Trend: Der Anteil der Mitarbeitenden zwischen 60 und 64 Jahren ist dort in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Für Ingrid Hofmann steht dabei eines im Mittelpunkt: Nicht das Alter entscheidet, sondern Können, Motivation und Passgenauigkeit. „Ablehnungen allein wegen des Alters erleben wir kaum“, sagt sie. Sie habe einige Industriekunden, die im Produktionsbereich gerne ältere Mitarbeiter einstellten. Auch im Handwerksbereich sei die Expertise von älteren Mitarbeitern gefragt. In ihrem eigenen Unternehmen findet sie gemischte Teams gut: wenn Erfahrung und Berufseinsteiger zusammenkommen. Vorausgesetzt, der gegenseitige Respekt stimmt. Und ja, räumt sie ein, manchmal sei es auch richtig, loszulassen, wenn eine Altersgrenze erreicht ist.
Ein Thema, das viele Unternehmerinnen und Unternehmer im Seniorenalter bewegt, ist der Generationenwechsel. Laut dem KfW-Mittelstandspanel drohen hunderttausenden mittelständischen Betrieben in Deutschland Schließungen, weil Nachfolgerinnen und Nachfolger fehlen. Ingrid Hofmann hat diesen Übergang früh vorbereitet. Ihre Tochter Sonja Heinrich (36) ist heute Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortet unter anderem das USA-Geschäft. Klare Rollen, klare Zuständigkeiten – und eine bewusste Trennung von Beruflichem und Privatem sorgen dafür, dass das Miteinander funktioniert. „Wir vertrauen uns – und ich lasse ihr den Raum, eigene Erfahrungen zu machen“, sagt Hofmann. Und was passiert, wenn der berühmte Eintrag im Kalender tatsächlich Realität wird? Wenn mit 84 der Ruhestand beginnt? Angst vor Leere hat Ingrid Hofmann keine. Stattdessen viele Ideen: mehr Zeit auf Mallorca, eine Galerie für ihre eigenen Bilder, gelegentlich im Dorfladen in Hiltpoltstein aushelfen, einen Krimi mit autobiografischen Zügen schreiben, Spanisch vertiefen, öfter Tai Chi machen.
Text: Beke Maisch




