
Hakan Ural nimmt seine Atemmaske ab, steigt vom Laufband und sagt lachend: »Wenn ich schon trainiere, dann mit dem Weltbesten.« Dieser Weltbeste heißt Bernhard Nuss, demnächst 65 Jahre alt. Und dieser hat seinen Schützling gerade einem Hypoxietraining unterzogen. Während des Laufens wird über eine Maschine der Sauerstoffgehalt der Atemluft reduziert und so Sport in der Höhenluft simuliert. »Das steigert die Leistung. Man nimmt auch ab«, sagt der Coach über diese spezielle Quälerei. Grenzen überwinden. Bei Bernhard Nuss ist das Programm. Ein Mal hätte er beinahe die größte rote Linie überschritten, die es für einen Menschen gibt, nämlich die zwischen Leben und Tod. Er war 30 Jahre alt, hatte ungesund gelebt, wusste um seine Magengeschwüre. Als er bei einem Besuch bei seinen Eltern niesen musste, hielt er sich die Nase zu. Durch den Druck platzte eine Schlagader im Bauchraum. Nuss drohte innerlich zu verbluten. Er machte eine Nahtod-Erfahrung. »Es war wunderbar warm. Ich ging auf einer Treppe einem hellen Licht entgegen. Meinen Körper habe ich auf dem Boden liegen sehen.«
Er habe, erzählt er, nicht umkehren wollen. Aber er wurde zurückgeholt. Nuss musste sich heftig übergeben, dreieinhalb Liter Blut landeten im Eimer – so seine Mutter. Ein Notarzt war rasch zur Stelle, eigentlich unwahrscheinlich im abgelegenen, unterfränkischen 500-Seelen-Ort Altbessingen, aber der Mediziner hatte gerade einen Einsatz im Nachbardorf beendet. Der Arzt erkannte das Problem, reagierte richtig, vereiste die Wunde und sorgte dafür, dass das Blut gerinnen konnte. Es folgten drei Monate im Krankenhaus. Bei drei Operationen wurden Nuss zwei Drittel seines Magens, sein Zwölffingerdarm und seine Gallenblase entfernt. Der 1,76 Meter große Patient wog nur noch 45 Kilogramm.
Das Rennrad weckt eine neue Leidenschaft
Danach wollte Bernhard Nuss sein Leben ändern. Doch er sei immer »Vertriebler durch und durch« gewesen. Also einer, der Stress auch sucht, der gut verdienen will. Mit 40 war er ausgebrannt, stand kurz vor dem Burnout. Ehefrau Ingeborg überredete ihn zu einer Radtour. Es lief gut. Und als ihm sein Bruder sein Rennrad schenkte, entdeckte er eine neue Leidenschaft. Er schloss sich der Radsportgemeinschaft Lauf an.
Ein älterer Radfahrer ließ Nuss in seinem Windschatten fahren. Schließlich das Ereignis, an das er sich heute noch gerne erinnert: Er schaffte 100 Kilometer an einem Tag. »Das war überwältigend.« Bernhard Nuss blieb dran. Und er erlebte die Begeisterung, die Sportler bei anderen Menschen auslösen können. Und umgekehrt: Er erlebte, wie diese Begeisterung Sportler beflügelt. Zunächst als Zuschauer der alpinen Etappen der Tour de France, schließlich als Fan beim Triathlon am Solarer Berg in Hilpoltstein, wo die Teilnehmer auch heute noch von der Jubelwelle geradezu nach oben getragen werden.
30 Triathlons an 30 Tagen
Als 42-Jähriger schaffte er seinen ersten Marathon. Aber ein Triathlon flößte ihm Respekt ein, ja machte ihm Angst. Er überwand diese durch eine Radikalkur. Er absolvierte nacheinander sämtliche Wettbewerbe, die bei der Triathlon-Challenge in Roth angeboten werden. Die Herausforderungen wurden extremer. So erreichte er bei einem 100-Kilometer-Lauf in Biel den Zieleinlauf. Und in einem Feld anderer Extremsportler versuchte Nuss, bei einem Wettbewerb am Gardasee 30 Triathlons an 30 Tagen zu absolvieren. Acht Sportler haben dies geschafft, er ist einer davon.
Schließlich, im Jahr 2019, wurde er zum Weltrekordhalter. 60 Triathlons innerhalb eines Jahres sind die Bestmarke. Er schaffte, wie es heute auf seiner Trophäen-Sammlung zu sehen ist, seine persönliche »Route 66«. 66 Triathlons in einem Jahr, was umgerechnet bedeutet: 250 Kilometer Schwimmen, 11.880 Kilometer Radfahren und 2785 Kilometer Laufen. Metallplatten kamen in die Schulter Längst ist er selbstständiger Personal-Trainer und von Sponsoren maßgeblich mitfinanzierter Selbstvermarkter. Er wird bekannt als »Eiserner Franke«. Was aber nicht bloß an seinen enormen Leistungen liegt. Nach mehreren Radunfällen mit Knochenbrüchen – vom Auto gerammt, von der Bordsteinkante hochgeschleudert, in Hawaii vom Rad gefallen – wurden ihm in der Schulter Metallplatten eingesetzt. Auf dem Weg zu internationalen Wettkämpfen musste er die Fluglinien stets vorab darüber informieren, dass bei Sicherheitskontrollen der Alarm anschlagen würde.
Möglich-Macher für andere
Die sportlichen Erfolge und Leiden zeigen aber nicht alle Facetten von Bernhard Nuss. Denn er ist auch ein Möglich-Macher für andere. Da ist sein Lauftreff »Never walk alone« mit rund 100 Mitgliedern. Er trainiert Läufer mit Down-Syndrom bis zu einer gemeinsamen Tour auf den Kilimandscharo. »Diese Menschen«, sagt er, »können alles. Sie werden total unterschätzt.« Er hat Obdachlose zum Mitlaufen gebracht und hat dem zuverlässigsten dieser Sportler eine Nizza-Reise samt Wettbewerbsteilnahme geschenkt. Nuss dazu: »Gerade Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, geben mir unheimlich viel zurück.« Im Alter von 64 Jahren hat Bernhard Nuss seinen Rücktritt als Extremsportler erklärt. Aber ein Star tritt auch mal vom Rücktritt zurück. Also will er im kommenden Jahr zehn »Ironmen« am Stück absolvieren. 14,4 Tage hat er dafür Zeit. Er ist dann 66 Jahre alt. Seine »Route 66« will noch vollendet werden.
Text: Klaus Schrage
Foto: Michael Matejka




