Geschichten über Prominente lesen die meisten Menschen sehr gern. Filmschauspieler, Künstler oder Adelige waren immer schon Stammgäste in den Klatschspalten. Neuerdings kommen junge Männer und Frauen dazu, die vor allem im Internet bekannt sind. Der Gesellschaftsberichterstatter Horst Otto Mayer plaudert aus dem Nähkästchen.
Als Journalist versucht man, sich immer wieder in neuen Positionen zu beweisen. Ich war gerne Lokalredakteur und schrieb 35 Jahre lang über soziale Brennpunkte, Sanierung von Hinterhöfen, Vereinsmeier und Tante-Emma-Läden. Dann kam eine neue Herausforderung auf mich zu: Vor fast 30 Jahren, im Alter von 54 Jahren wurde ich der erste Gesellschaftsreporter der »Nürnberger Nachrichten«. Bisher hatte ich streng nachrichtlich berichtet, nun sollte ich locker vom Hocker schreiben – ohne Indiskretionen oder sogar Schlüpfriges. Eine Gratwanderung!
»Haben Sie einen Smoking?«, fragte mich der Personalchef (zum Glück hing bereits einer in meinem Schrank). Kollegen trösteten mich mit einer Mischung aus Spott und Neid: »Muss doch toll sein! Jetzt bekommst Du ständig Kaviar, Lachs, Sekt und Champagner vorgesetzt.« Andere nervten mich mit der Frage: »Hat dir der Verleger schon einen Porsche gekauft?« Davon konnte ich nur träumen. Wo die Reichen und Schönen in ihren Nobelkarossen vorfuhren, erschienen der Fotograf und ich im VW Polo. Ich war zuständig für die Kolumnen »Am Puls der Gesellschaft« in den NN und »Blitzlicht« im »Sonntagsblitz«. Ein Klatschreporter namens Mayer, wenn das nicht zum Kalauern ermuntert! Die Promis nannten mich Blitz-Mayer, Puls-Mayer, Gesellschafts-Mayer oder Baby Schimmerlos. So hieß der Münchner Reporter in der bekannten TV-Serie »Kir Royal«, gespielt vom Schauspieler und Schriftsteller Franz Xaver Kroetz. Vorbild für die Schimmerlos-Figur ist der ehemalige Gesellschaftsreporter Michael Graeter (73) gewesen.
Wer gehört eigentlich dazu?
Kaum hatte ich den Job übernommen, plagten mich Skrupel. Die vielen Abendtermine, das unregelmäßige Leben! Ich sollte über die Schickeria-Ebene schreiben, wusste aber selber nicht so genau, wer dazu gehört. Die Chefredaktion drückte mir zwar ein Merkblatt über »Grundsätze für eine Gesellschaftskolumne« in die Hand, doch im täglichen Zeitungskampf konnte ich wenig damit anfangen. Obendrein wartete große Konkurrenz auf mich: Die »Abendzeitung«, diverse Anzeigenblätter, vor allem der »Marktspiegel« (mit der Rubrik »Umgschaut« von Heidi Sänger) und private Radio-Sender lieferten bereits regelmäßig Promi-Klatsch. Ich musste mich also gehörig umschauen!
Zu meiner eigenen Überraschung wuchs ich schnell in diese schillernde Szene hinein. Dabei half mir vermutlich, dass ich privat Theater spielte, der Umgang mit Stars und Sternchen mir also leicht fiel. Von 1996 bis 2003 sonnte ich mich im Glanz von Schauspieler(innen), Fußballern, Modemachern, Künstlern und Models – mit Block und Bleistift, ohne Handy und Laptop. Ein günstiger Umstand war Nürnbergs steigende Event-Kultur: Die Stadt bereitete sich auf die 950-Jahrfeier im Jahr 2000 vor und schuf neue Festivitäten wie Blaue Nacht und das Nürnberger Friedensmahl. Der Deutsch-Französische Gipfel im Dezember 1996 in Charly Krestels damaligem »Sudhaus« mit Bundeskanzler Helmut Kohl und dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac steigerte den Gastro-Ruhm der Noris. Glanzvoll bewirtet wurden hier seinerzeit auch der spanische König Juan Carlos, US-Präsident Bill Clinton, Sänger Udo Jürgens, der argentinische Welt-Fußballer Diego Maradonna sowie die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.
Dass in Nürnberg in den 90er Jahren viele Prominente abstiegen, die sonst nur in München, Hamburg oder Berlin bewundert wurden, verdankte die Stadt dem damaligen BMW-Niederlassungsleiter Hans-Rainer Schröder. Er hatte enge Kontakte zur Münchner Schickeria, baute sein Promi-Netzwerk aber deutschlandweit aus. Auf den Galas der Autofirma tummelten sich die ehemalige Moderatorin Nina Ruge, die Darstellerinnen Katja Flint, Katja Riemann und Veronika Ferres, die Schauspieler Uwe Ochsenknecht, Martin Semmelrogge, Günther Maria Halmer, Axel Milberg, Friedrich von Thun, Michaela May, Kabarettist Gerhard Polt, der 2005 auf tragische Weise ums Leben gekommene Münchner Herrenausstatter Rudolph Mooshammer und viele, viele mehr. Regelmäßiger Gast war Film-Regisseur Joseph Vilsmaier. Er wählte zu dieser Zeit für seine Filmpremieren nicht die Landeshauptstadt, sondern mit Vorliebe Nürnberg.
Nürnberger Klatschen im Sitzen
Ziemlich daneben ging allerding der Auftritt der Vilsmaier-Truppe bei der Präsentation seines Films »Comedian Harmonists« im Januar 1998 im Nürnberger Cinecittà. Die erfolgsverwöhnten Schauspieler Ben Becker, Heino Ferch, Kai Wiesinger, Heinrich Schafmeister und Max Tidof, anderswo mit stehenden Ovationen empfangen, trafen in der Noris auf ein (nur) im Sitzen klatschendes Publikum. Das war zwar vom Film begeistert, weniger vom anschließenden Live-Auftritt der Stars. Vom Moderator befragt, was ihnen zu Nürnberg einfällt, kamen wenig schmeichelhafte Antworten. Ferch: »Auf der Fahrt von Berlin nach München starte ich in Nürnberg durch, damit ich bald am Ziel bin.« Wiesinger beklagte sich: »Wenn du in Nürnberg spazieren gehst, erkennt dich niemand.« Tidof sagte, er sei im Fahrstuhl eingeschlafen, und es werde Zeit, endlich heimzufahren.
Früher standen die Promis Schlange, um ihren Namen in der Zeitung zu lesen, so wurde es zumindest im Fernsehen bei »Kir Royal« gezeigt. »Wer reinkommt, das bestimme ich«, sagte dort Baby Schimmerlos. Legendär ist die Schimpftirade von Mario Adorf als Fabrikant Heinrich Haffenloher. Weil ihn Schimmerlos nicht beachtet, schreit er ihn an: »Ich scheiß Dich sowas von zu mit meinem Geld, dass de keine ruhige Minute mehr hast. Und die Versuchung ist groß, da nimmst’s und dann hab isch Dich. Dann biste mein Knecht.» Ganz so dramatisch verlief es bei mir nicht. Eine fränkische Millionärin ließ mir bei einer Show mit strippenden Frauen und Männern 1000 Mark in einem Briefumschlag zukommen – als »Kaffeegeld«. Ich gab ihr das Geld zurück und schlug vor, sie solle die Summe der NN-Weihnachtsaktion »Freude für alle« spenden, was sie prompt machte. Ein Metzgermeister steckte mir einmal einen Hunderter in die Tasche in der Hoffnung, dass sein Laden dann öfter in der Zeitung zur Geltung käme. Ich gab ihm das Geld zurück. Weitere Bestechungsversuche blieben aus.
Promis wollen erwähnt werden
Doch wehe, ich vergaß einige der Berühmtheiten! Ein ehemaliger Nürnberger Bundestagsabgeordneter beklagte sich in einem Brief, dass er beim Meistersingerball der Oper nicht genannt wurde. »Ich spiele zwar nicht die beleidigte Leberwurst, aber man möchte doch nicht übersehen werden«, schrieb er mir. Ein Bankdirekor und seine Frau sprachen mich vier Wochen lang nicht mehr an, nachdem ich ihn in meiner Kolumne als »Schicki-Micki-Partygänger« bezeichnet hatte. Von den vielen Promis, die mir begegneten, sind mir zwei in Erinnerung geblieben, denen ich das Prädikat »Star« zubilligen würde: Götz George (verst. 2016) und Hardy Krüger senior (verst. 2022). George, der ruppige Ruhrpott-Kommissar Horst Schimanski, wurde 1998 im Cinecitta bei seiner Vorstellungstour für den Film »Das Trio« (darin spielte er einen homosexuellen Taschendieb) von rund 700 Fans begeistert gefeiert. Weltenbummler Krüger senior interviewte ich im selben Jahr bei seiner Lesung in Nürnbergs ehemaliger Buchhandlung Edelmann. Vor 250 Besuchern trug er Episoden aus seinem 12. Buch »Wanderjahre – die Begegnungen eines jungen Schauspielers« vor.
Sein Erscheinen war den Feuilletons der Tageszeitungen keine Zeile wert. Die Medien vertraten eine Volontärin von Radio Franken und ich für den »Sonntagsblitz«. Edelmann-Chef Heiko Kistner war sauer, der Weltstar nahm es gelassen. Weniger behagte ihm ein Leseabend in der Alten Kirche in Stein. Dort musste Krüger senior zur Kenntnis nehmen, dass das Zimmer mit den drei Waschbecken, in dem er sich frisch machen konnte, auch der Interview-Ort für die Presse war. »Das bin ich nicht gewohnt«, sagte der Kino-Star etwas unwirsch, musste sich aber fügen. Im Rückblick? Ich lernte eine Welt famoser Schauspieler und Künstler kennen, sie hatten ihre Macken und Eitelkeiten, aber sie waren irgendwie kompakte Persönlichkeiten, manche fehlen mir. Nicht zu vergleichen mit den TV-Stars und Sternchen, die heute emporschießen und morgen wieder verschwinden.
Text: Horst Otto Mayer
Fotomontage: Wolfgang Gillitzer