Oft hilft nur noch Physiotherapie: Probleme mit dem Haltungsapparat sind  in der Arbeitswelt eine weit verbreitete Begleiterscheinung. Bild: Cedric Clooth/Pixabay

Rückenschmerzen sind die Volkskrankheit Nummer eins. Nur jeder achte deutsche Arbeitnehmer bleibt von Beschwerden an der Wirbelsäule gänzlich verschont. Aber auch Müdigkeit und Erschöpfung sind stark verbreitet. Dies sind Ergebnisse der Studie “Digital, dynamisch, dauergestresst? Arbeiten 2020” der pronova BKK, für die Anfang diesen Jahres 1.875 Arbeitnehmer befragt wurden. 

Ein Viertel aller deutschen Beschäftigten hat offensichtlich chronische Rückenleiden: Laut Studie haben 24 Prozent der Arbeitnehmer oft mit Schmerzen zu kämpfen. Eine Mehrheit leidet zwar nicht durchgängig, aber immer wieder: 36 Prozent geben an, dass sie “manchmal” Rückenbeschwerden haben, 28 Prozent “selten”. Beschwerdefrei sind lediglich zwölf Prozent. Selbst den jüngeren Beschäftigten zwischen 18 und 29 Jahren geht es nicht besser: Lediglich 14 Prozent kennen keine Rückenschmerzen. 23 Prozent der unter 30-Jährigen haben sogar oft damit zu kämpfen. “Probleme mit dem Haltungsapparat sind keine Frage des Alters, sondern in der Arbeitswelt eine weit verbreitete Begleiterscheinung”, sagt Dr. Gerd Herold, Beratungsarzt bei der pronova BKK. 

Gift für den Rücken

Dabei sind Fehlbelastungen am Arbeitsplatz, aber auch Stress im Alltag Gift für den Rücken: “Oftmals verschärfen Belastungen im Job Beschwerden wie Rückenschmerzen”, sagt Herold. Der Befragung zufolge fühlen sich 86 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Arbeitsalltag gestresst. Verbreitet sind auch Grübeln, anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung: Ein Fünftel der Befragten klagt oft darüber. Ähnlich häufig sind Schlafstörungen und innere Anspannung. 

Rückengesundheit am Küchentisch?

Experten befürchten, dass die Corona-Krise die Situation noch verschärft haben könnte. Denn viele Menschen haben wochenlang nicht mehr an einem ergonomisch eingerichteten Arbeitsplatz im Büro gesessen, sondern im Homeoffice an Behelfsplätzen, womöglich am Küchentisch. Haltungsbedingte Rückenbeschwerden sind die Folge. “Hinzu kommt, dass in Zeiten von Shutdown und Homeoffice Bewegung und Sport zu kurz kommen: Nicht nur entfällt der Weg zur Arbeit, auch Fitnessstudios und andere Trainingsstätten mussten schließen. Es fehlt der körperliche Ausgleich zum Arbeitstag, der auch psychisch Entlastung bringen kann.” 

Corona-Krise steigert beruflichen Stress

Wie sehr die Corona-Krise Arbeitnehmer unter Stress setzt, hat die pronova BKK in einer Folge-Befragung im April erhoben. Aus Sicht von acht von zehn Beschäftigten in Deutschland ist der Druck im Job gestiegen. Sorge um den Arbeitsplatz, Angst vor Ansteckung mit dem Virus und insgesamt eine gereiztere Stimmung unter Kollegen und von Seiten der Vorgesetzten setzen Arbeitnehmern zu. Dies sind Ergebnisse einer Befragung zum Arbeiten in der Corona-Krise unter 942 deutschen Arbeitnehmern im April 2020. 

Tipps für den rückenfreundlichen Büroalltag

Wie man die Zeit im Büro möglichst rückenfreundlich gestalten und Rückenschmerzen auf der Arbeit vorbeugen kann, dafür gibt die Aktion Gesunder Rücken e. V. einige wertvolle Tipps: 

Stühle wählen, die Bewegung zulassen

Wer auf einem harten und unbeweglichen Stuhl sitzt, weiß, wie unangenehm das schon nach kurzer Zeit werden kann. Gerade am Arbeitsplatz sollte ein Stuhl daher mehr können, als nur eine Sitzfläche zu bieten. Eine sinnvolle Hilfe für mehr Rückengesundheit im Büro sind sogenannte Aktiv-Bürostühle. Erfüllen sie besondere Kriterien, werden sie von der Aktion Gesunder Rücken zusammen mit einem medizinischen Expertengremium als besonders rückengerecht zertifiziert. Das Besondere: Sie bringen deutlich mehr Bewegung ins Sitzen und ermöglichen eine höhere Anzahl an Haltungswechseln als Standard-Bürostühle. Letztlich passt sich der Stuhl den Bewegungen des Sitzenden an und macht etwa Wippen, Drehen und Zurücklehnen möglich. Zudem lassen sie sich mit wenigen Handgriffen an die individuellen Bedürfnisse anpassen. Das ist wichtig, da nur eine passende Sitzhöhe und eine gut eingestellte Rückenlehne für die optimale Haltung am Schreibtisch sorgen. Anpassbare Armstützen unterstützen eine rückenfreundliche Sitzposition, da sie die Schultermuskulatur zusätzlich entlasten. Weitere Informationen unter: www.agr-ev.de/sitzen-buero.

Auch mal im Stehen arbeiten

Eine gute Möglichkeit weniger Zeit im Sitzen zu verbringen, bieten höhenverstellbare Schreibtische, Stehpulte oder sogenannte “Active Office Konzepte”. Das hat gleich mehrere Vorteile: Einerseits werden die Bandscheiben entlastet, andererseits steigen durch die veränderte Arbeitsposition auch die geistige Leistungsfähigkeit und Kreativität. Eine solche Lösung im Stehen bietet sich nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch bei kleineren Konferenzen im Team an. Tipp: Achten Sie beim Einstellen der Höhe darauf, dass die Unterarme im rechten Winkel auf der Tischplatte aufliegen. Sorgen Sie außerdem für ausreichende Beinfreiheit. Ausführliche Informationen rund um alle Themen zum rückenfreundlichen Büroarbeitsplatz gibt es unter www.agr-ev.de/arbeitsplatz-buero. Dort finden Interessierte auch eine Liste aller derzeit zertifizierten Produkte und Hersteller.

Den Arbeitsplatz richtig ausleuchten

Was viele unterschätzen: Auch ein schlecht ausgeleuchteter Arbeitsplatz kann Fehlhaltungen begünstigen. Denn: Ist der Schreibtisch unzureichend beleuchtet, nehmen viele eine unphysiologische Zwangs-Haltung ein und lehnen sich etwa ständig vor um besser sehen zu können. Sinnvoll sind daher Lampen, die den Arbeitsplatz großflächig und gleichmäßig ausleuchten. Auf diese Weise wird der Kontrast zwischen Computerbildschirm und der Umgebung erhöht und die Sicht verbessert. Wichtig sind außerdem unterschiedliche Beleuchtungsstärken, Farbtemperaturen und leichte Verstellmöglichkeiten. Außerdem sollten die Lampen blendfrei sein und keine störenden Schatten werfen.

Bewegung in den Büroalltag integrieren

Neben der Nutzung von Aktiv-Bürostühlen oder Stehtischen, ist es auch wichtig im Büroalltag grundsätzlich mehr Bewegung zu integrieren. Das gelingt ganz einfach, wenn Sie statt dem Aufzug beim nächsten Mal die Treppe verwenden oder die Mittagspause vor die Tür verlegen. Ein Telefonat lässt sich in den meisten Fällen auch im Stehen oder Gehen führen. Auch der Weg zur Arbeit kann aktiver gestaltet werden, indem Sie etwa das Fahrrad statt des Autos nutzen. Um Rücken und Nacken während der Arbeit zu mobilisieren, sind auch leichte Dehnübungen sinnvoll. Sie regen die Durchblutung an und können so Verspannungen vorbeugen. Zahlreiche Übungen finden Sie hier: https://www.agr-ev.de/de/rueckenschmerzen/rueckenuebungen.