Langlauf unterliegt verschiedenen Moden. Foto: epd

Ski-Langläufer leben länger, lautete in den 1960-er Jahren eine Werbekampagne des Deutschen Ski-Verbandes (DSV). Kein Wort von Vergnügen. Entsprechend freudlos schlurfte das Gros der Senioren auf den Loipen dem verheißenen längeren Leben hinterher. Doch der Langlauf hat sein Langweiler-Image inzwischen abgestreift – und bietet sich gerade auch älteren Semestern als Alternative zur schnellen und gefährlichen Abfahrt an.
Wer früher im Wintersport Freude auf Skiern suchte, bretterte auf Abfahrtsskiern die Pisten herunter. Die taillierten Carving-Bretter ermöglichten ab den 1990-er Jahren auch weniger versierten Sportlern elegante Schwünge. Und wer es ganz modisch wollte, schabte auf coolen Snowboards die Steilhänge hinab. Langlauf fand gleichsam nur im Verborgenen statt.

Das hat sich geändert. Olympische Disziplinen wie Verfolgungsrennen, nordische Kombination und Biathlon haben Skilanglauf vom Image der faden Rentnerbetätigung befreit und mehr Lebensfreude auf die Loipen gebracht. Skilanglauf bedient zudem aktuelle Sehnsüchte wie Naturerlebnis, Entschleunigung und Vereinfachung. Denn Skilanglauf erfordert wenig und beginnt dort, wo der Abfahrtslauf endet: in der Ebene oder im hügeligen Gelände.
Eine Handbreit Schnee über halbwegs flachem Terrain und etwas Harsch als Grundlage reichen schon, um spontan loszuziehen. Im Nürnberger Stadtgebiet bieten sich »selbstgespurte« Routen an im Marienpark, in den Pegnitzauen oder auf den Forststraßen hinter dem Schmausenbuck. Im Umland lässt bei günstiger Witterung die Sektion Hersbruck des Deutschen Alpenvereins (DAV) bei Alfeld, Schupf und Waller Loipen maschinell spuren. Wer eine Stunde Anfahrt investiert, findet im Fichtelgebirge wunderbare Langlaufreviere.

Skilanglauf erfordert jedoch etwas Ausdauer. Um in der Ebene oder gar bergauf voranzukommen, muss man sich unentwegt bewegen. Mit rhythmischem Körperschwung wechselseitig die Beine abdrücken und synchron mit den Stöcken für den Vortrieb sorgen. Abgesehen von den Athleten auf der Loipe lassen es die meisten Freunde der schmalen Bretter jedoch eher gelassen angehen, so dass ihnen Muße bleibt, die Landschaft unterwegs zu genießen. Für mich lag in dieser unaufgeregten Fortbewegung durch die Natur der besondere Reiz des Langlaufs; dem Paddeln auf ruhigen Gewässern ähnlich.
Ich hatte mit Anfang Fünfzig die Abfahrtsski endgültig gegen Langlaufskier ausgetauscht, genauer gegen drei Paar Langlaufskier: Je ein Paar klassische Langlaufskier, Cruiser und Skater. Klassisch für gespurte Loipen, Cruiser für freie Querfeldeinausflüge durch Wald und Wiesen. Skater schnalle ich unter, wenn eine gewalzte Spur oder eine harte Schneedecke locken.

Die Ausrüstung ist schlicht, wiegt nur drei Kilo, samt Ski, Schuhe und Stöcken. Die Bekleidung orientiert sich am Joggen. Thermoleggins untenherum; für oben atmungsaktive Funktionswäsche, Fleece-Hemd, Softshell-Jacke, Fleece-Handschuhe und Mütze. Für mehrstündige Touren nehme ich im Radlerrucksack Getränk, Proviant, eine zusätzliche Weste und Handy mit. Langlauf ist erschwinglich. Die Tour durch Wald und Wiesen kostet bestenfalls Schweiß; auf maschinell gespurten Loipen erwartet man eine Spende oder eine Loipengebühr zwischen zwei bis fünf Euro pro Tag oder eine Parkplatzgebühr.

Für Langlaufski gilt: »Länge läuft.« Je länger, desto flinker gleiten klassische Langlaufski. Deren Geschwindigkeitsvorteil dieser 210 bis 230 Zentimeter langen Bretter erkauft man sich allerdings mit widerspenstigem Kurvenverhalten. In engen Kurven, besonders bergab oder auf vereistem Untergrund, zeigte sich schnell: Zumindest ich hätte besser mit kürzeren Skiern oder »Cruisern« begonnen. Diese sind 160 bis 180 Zentimeter lang und etwas breiter; es sind Mehrzweckski. Für gemächliches und kurvensicheres Rutschen in der Loipe geeignet, ermöglichen sie zudem freies Skiwandern über ungespurtes Terrain.
Doch der Slogan »Wer gehen kann, kann auch Skilanglauf« ist trügerisch. Die Freude am neu erlernten Dahingleiten kann schnell umschlagen in Panik. Wenn bei Gefälle plötzlich anzuhalten ist, trotz der aalglatten, sperrigen Dinger unterm Schuh. Uns nahm der Skilehrer – und einen solchen sollte man sich zu Beginn unbedingt leisten – nach der ersten Einweisung die Skistöcke wieder weg. Damit wir lernten, ohne Stöcke zu lenken und zu bremsen: Mit einem oder beiden Skiern aus der Loipe flutschen und ein energisches »V« auf den Schnee schrammen. Notfalls die Textilbremse ziehen – also seitlich hinsetzen. Ein »Aha-Erlebnis« für Abfahrtsskifahrer, die beim Anhalten auf wendige Skier, engen Seitenschwung und griffige Stahlkanten bauten. Doch Langlaufski haben weder griffige Stahlkanten noch sich gnädig öffnende Sicherheitsbindungen. Erst als wir »oben ohne« in flachem Gelände voran und bergab zum Stillstand kommen konnten, durften wir uns wieder mit Stöcken zusätzlich abstoßen.

Wer es gerne flotter mag: Im Skating- Stil kommt man als Langläufer am schnellsten voran. Außerhalb der Loipe. Skating-Ski und Skating-Schuhe sind spezialisierte Ausrüstungen, die den seitlichen Schlittschuhschritt unterstützen. Skater gleiten, von einem zum anderen Bein wechselnd, jeweils nur auf einem Ski im leichten Zick-Zack voran. Noch mehr als bei den klassischen Varianten kommt es dabei auf kraftvollen Körperschwung, Gleichgewicht und Stockeinsatz an. Skaten setzt eine gewisse Mindestgeschwindigkeit voraus, um ins Schwingen zu gelangen. Somit strengt es wesentlich mehr an als die klassische Schrittvariante, beschert jedoch große Freude, wenn man den Bogen mal raushat. Vielleicht was für den übernächsten Winter?

Matthias Fargel; Illustration: Wolfgang Gillitzer