Hilfreiche Partner oder Horrorvision? Roboter dringen immer stärker in den Alltag vor – auch in Altenheime.

Eine Maschine zum Liebhaben: weiß, flauschig, schwarze Knopfaugen, einen halben Meter lang, 2,7 Kilo schwer. Die Kuschel-Robbe Paro steckt voller Motoren und Sensoren. Foto: Giulia Iannicelli

Eine Maschine zum Liebhaben: weiß, flauschig, schwarze Knopfaugen, einen halben Meter lang, 2,7 Kilo schwer. Die Kuschel-Robbe Paro steckt voller Motoren und Sensoren.
Foto: Giulia Iannicelli

Bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing und dem Institut für Pflegeforschung, Gerontologie und Ethik an der Evangelischen Hochschule Nürnberg wurden jüngst in Nürnberg maschinelle Hilfesysteme vorgestellt und diskutiert. Besonders gefragt: die Roboter-Robbe Paro, vorwiegend im Einsatz für Demenzkranke. Eine Maschine zum Liebhaben. Weiß, flauschig, schwarze Knopfaugen, einen halben Meter lang, 2,7 Kilo schwer. Die Kuschel-Puppe für Senioren steckt voller Motoren und Sensoren. Einmal per Schalter unter der Schwanzflosse angestellt, wackelt sie mit den Flossen, öffnet die lang bewimperten Augen und jammert wie ein echtes Seehundbaby. Gegenüber Therapiehunden oder -katzen hat die Robbe entscheidende Vorteile: Sie beißt nicht, löst keine Tierallergien aus und hat nichts dagegen, wenn sie in die Ecke gestellt wird.
Das Pflege- und Altenheim Maria-Martha in Lindau am Bodensee war eines der ersten in Deutschland, das mit Paro arbeitete. Dort wird die Robbe nach einer Besucherbefragung nur »Emma« genannt. »Kleine Wunder« nennen sie im Lindauer Heim das, was der Roboter bewirkt. Mitarbeiterin Barbara Gregori stellte den Plüschroboter bei der Tagung jetzt vor. »Emmas« Einsatz sei kontrovers diskutiert worden, betonte die Pflegedienstleiterin. Doch die Vorbehalte seien schnell verflogen, denn das Konzept sieht vor, dass im Kontakt mit der Robbe auch stets eine Pflegekraft behilflich sein muss. Durch die Berührung mit dem künstlichen Haustier, so Gregori, würde bei Demenzkranken Stress und Angst abgebaut und zugleich ihr soziales Verhalten angeregt. In Einzelfällen habe der Einsatz des Plüschtiers sogar dafür gesorgt, dass der Konsum von Psychopharmaka gesenkt werden konnte.
Gregori schildert, wie »Emma« beruhigend auf eine Bewohnerin wirkt, die ohne Unterlass mit der Hand auf sich oder Gegenstände klatscht und dabei die Gruppe nervös macht. Man habe ihr schon Decken untergelegt, eine Trommel angeboten, nichts unterbrach das Klatschen. Als man ihr die wedelnde Robbenflosse zwischen Hand und Bein legte, patschte sie auf die Flosse. Schon nach kurzer Zeit ließ sie ihre Hand im Fell ruhen. Dazu Gregori: »Fünf Minuten nicht geklatscht, fünf Minuten, in denen die Frau ein gutes Gefühl hatte, das ist für uns ein Erfolg. Durch den Umgang mit Emma erfuhr die Bewohnerin eine neue Rolle in der Gruppe.«
Der Erfinder von Paro ist der Japaner Takanori Shibata. Er hatte zunächst mit Katzenrobotern herumexperimentiert, doch die wurden von den Menschen nicht akzeptiert. In Deutschland stellte er das Plüschtier erstmals auf der Hannover-Messe 2008 vor. Nach Auskunft der Helmholtz-Gesellschaft Bonn werden mittlerweile rund 100 Paro-Robben im deutschsprachigen Raum als Therapiemittel eingesetzt. Ein Team der Universität Indiana in den USA beobachtete, Paro könne Demenzkranke zu Gesprächen, Witzen oder physischer Interaktion anregen. Die Anschaffung ist freilich teuer, ein Robbenroboter kostet rund 5000 Euro.
Zwar wurde der Roboter schon 2009 als Gast der Messe »Altenpflege+ProPflege« in Nürnberg vorgestellt, doch bisher arbeitet kein Pflegeheim in der Frankemetropole mit der plüschigen Maschine. »Wir haben uns damit noch nicht auseinandergesetzt«, erklärt eine Sprecherin der Beratungsstelle des Seniorenzen-trums und des Pflegestützpunkts Nürnberg. »Grundsätzlich habe ich nichts gegen Paro, aber wir haben bisher sehr gute Erfahrungen mit tiergestützter Therapie gemacht«, antwortet Ines Müller, Leiterin des Kompetenzzentrums für Menschen mit Demenz im Nürnberger Tillypark. Dazu gehöre unter anderem der Einsatz eines großen Hasen, von Meerschweinchen und Hunden. Besonders beliebt sei Figlia, eine Hundedame der Rasse »Windspiel«. Demenziell erkrankte Bewohner kraulen den Hund mit dem feinen, weichen Fell und geben ihm Leckerli, über die sich das Tier freut. »Das hat so eine wahnsinnig positive Wirkung auf die Menschen«, sagt Müller. Und fügt lachend hinzu: »Ich würde auch Paro schon nehmen, wenn wir dafür einen Sponsor fänden.«
Auf Interesse unter den Hilfesystemen stieß auch »Care Jack«, eine moderne Weste voller Sensoren, die Pflegekräfte und andere Menschen mit körperlich anstrengenden Berufen entlasten soll. Diese Orthese zur Stärkung des Rückens und der Kniegelenke ist leicht, weich und bequem zu tragen. Sie lässt sich einfach überstreifen wie ein Mantel. »Care Jack« warnt beispielsweise seinen Träger mit einem Licht, wenn er sich falsch bückt oder beim Heben schwerer Lasten den Rücken zu sehr strapaziert. Das Modul entwickelten Forscher der Berliner Fraunhofer-Institute gemeinsam mit Partnern aus der Industrie. Die ersten Tests seien bereits gemacht, die aktive Weste werde derzeit in einem Pflegezentrum in Ostdeutschland ausprobiert, verkünden die Experten Henning Schmidt und Jan Kuschan. Was die Nachfrage betrifft, geben sich beide optimistisch. Es gäbe bereits Anfragen nicht nur aus der Pflege, sondern auch aus dem Maschinenbau und der Autoindustrie. Über die Kosten könne man noch nichts Genaues sagen, »sie bewegen sich im unteren vierstelligen Bereich«. Kuschan geht davon aus, dass das Produkt wahrscheinlich im nächsten Jahr auf den Markt kommt. Schmidt ergänzt: »Die Orthese sorgt dafür, dass die Pflegekräfte vor physischen Schäden geschützt werden und somit länger ihren Beruf ausüben können.«
Große Aufmerksamkeit fand der Erlanger Neurologe Jochen Klucken, der sein Forschungsprojekt »eGait« (gait = englisch für Gang) vorstellte. Es handelt sich um ein mobiles System zur automatischen Bewegungsanalyse. Mittels moderner Sensorik am Schuh des Patienten werden Daten zur Gangart aufgezeichnet. Diese Technik könnte bei der Behandlung von Krankheiten wie Parkinson, multipler Sklerose oder Depression eingesetzt werden. Klucken geht davon aus, dass der Sensor als Medizinprodukt noch in diesem Jahr zugelassen wird und dann 2017 auf den Markt kommt.
Dass Roboter Pflegekräfte niemals komplett ersetzen können, kam bei der Tagung klar zum Ausdruck. Andererseits aber, so Frank Kittelberger, Studienleiter für Ethik in Medizin und Gesundheitswesen, gehe es darum, »die Verbindung von Mensch und Maschine so fließend zu gestalten, dass sie Teil des Alltags derer wird, die ihrer bedürfen«. Und Andre Meyer, Student und Krankenpfleger in der Psychiatrie am Nordklinikum, meint: »In Deutschland sind Roboter gegenüber Japan noch in weiter Ferne. Doch die Hilfesysteme werden weiter entwickelt, um Menschen bei der Bewältigung schwerer körperlicher Arbeiten zu unterstützen.«
Was sagen die Betroffenen selbst? Was muss ein Roboter können, damit Senioren ihn als nützlich und angenehm empfinden? Soziologin Sybille Meyer befragte dazu alte Menschen in ihrer Studie »Mein Freund, der Roboter«. Das Ergebnis ist erstaunlich: 77 Prozent würden zu Hause einen Roboter dulden, wenn sie dafür noch nicht in ein Heim ziehen müssen. Sollten sie gar rund um die Uhr Hilfe brauchen, würden sie sogar eine Maschine akzeptieren, die Abhängigkeit lindert. Erstaunlicherweise fänden die meisten einen Waschroboter gut oder eine automatische Toilette, die Armstützen ausfährt und den Intimbereich reinigt. Ist es die Scham, die hier Robotern Zugang gewährt? Für einen betroffenen Älteren ist ganz klar: »Wenn ich wählen könnte, wer mir auf die Toilette hilft, würde ich den Roboter vorziehen.«

Horst Mayer