Ursula Adam, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg. Foto: Mile Cindric

Ursula Adam, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg. Foto: Mile Cindric

Das Familienbild hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Es ist längst eine Selbstverständlichkeit, dass junge Mütter zumindest in Teilzeit erwerbstätig sind. Das hat auch Auswirkungen auf die Rolle der Großeltern. Sie sind heute mehr als in früheren Zeiten in die Betreuung ihrer Enkelkinder eingebunden. Wir sprachen mit der Familienforscherin und Diplom-Soziologin Ursula Adam, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg, über die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln und die Solidarität zwischen den Generationen.

sechs+sechzig: Wie häufig betreuen Großmütter und Großväter ihre Enkelkinder?
Ursula Adam: Dazu gibt es zwar eine ganze Menge von Studien, aber leider keine verlässlichen Zahlen. Denn die Angaben gehen weit auseinander. Das liegt daran, dass entweder die Eltern oder die Großeltern befragt werden und unterschiedliche Zahlen angeben. Jedes Kind hat ja zwei Großelternpaare und jede Oma und jeder Opa hat verschiedenste Enkel. Außerdem wird das, was Betreuung ist, ganz unterschiedlich interpretiert. Was die Großeltern als Betreuung betrachten, nehmen die Eltern vielleicht gar nicht als solche wahr, sondern wollten Oma und Opa schlicht etwas Gutes tun, als sie sie mit den Enkeln auf den Spielplatz schickten. Fest steht aber trotzdem, dass Großeltern eine ganz entscheidende Rolle einnehmen und bei der Betreuung nach den Eltern und den staatlichen Einrichtungen an dritter Stelle stehen. Bei unserer Umfrage in Bayern im Jahr 2015 haben 50 Prozent der Eltern von zweijährigen Kindern angegeben, dass die Großeltern diese regelmäßig betreuen.

In welcher Form tun sie das denn?
Tatsächlich muss man zwischen der Häufigkeit und der Intensität unterscheiden. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen beide Kennzahlen überdurchschnittlich hoch sind. Das ist in den skandinavischen Ländern oder in Frankreich, wo es traditionell ein umfangreicheres Angebot an staatlicher Kinderbetreuung gibt, ganz anders. Großeltern hierzulande betreuen insbesondere kleine Kinder intensiv, nehmen sie etwa in den Ferienzeiten mehrere Wochen zu sich oder überbrücken ganz selbstverständlich täglich die Stunden zwischen Schulschluss und Arbeitszeitende der Eltern.

Wovon hängt es ab, wie intensiv sich Großeltern um ihre Enkel kümmern?
Ein ganz wesentlicher Aspekt ist die Wohnortnähe. Allerdings kursiert hier, wie in anderen Bereichen auch, eine unzutreffende Volksweisheit, nämlich, dass Großeltern heute häufig zu weit weg wohnen würden. Das ist nicht der Fall, drei Viertel der Omas und Opas wohnen weniger als eine Autostunde entfernt von ihren Enkeln. Wir sprechen heute von der multilokalen Mehrgenerationenfamilie, die zwar nicht mehr unter einem Dach lebt, bei der die Solidarität zwischen den Generationen aber ungeheuer groß ist.

Welche Rolle spielt die Beziehung der Eltern zu den Großeltern?
Eine äußerst wichtige Rolle spielt dabei, dass es am häufigsten die Omas mütterlicherseits sind, die sich um ihre Enkel kümmern, am seltensten die Opas väterlicherseits. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt bei der Frage, ob und wie intensiv Großeltern betreuen, ist auch die Anzahl der Enkel: Je mehr Enkel da sind, desto weniger Zeit ist für das einzelne Kind vorhanden.

Sind Mütter und Väter heute auf Großelternbetreuung angewiesen?
Jein. Ganz klar der Fall ist dies bei den Alleinerziehenden, bei denen die Großeltern intensive Unterstützung leisten. Auffällig ist aber auch, dass vor allem teilzeitarbeitende Mütter auf die Hilfe von Oma und Opa zurückgreifen, seltener die Vollzeiterwerbstätigen. Das liegt daran, dass Letztere sich häufig ein sehr gut durchorganisiertes Betreuungssystem mit Hort, Krippe und anderem aufgebaut haben.

Was macht die Großelternbetreuung aus?
Vor allem ihre unbedingte Flexibilität. Oma und Opa springen einfach ein, wenn das Kind krank ist, wenn die Schule außerplanmäßig früher endet oder in den Ferien. In unseren Befragungen haben Eltern dies immer wieder besonders betont und extrem positiv gewertet.

Das sehen aber nicht alle Großeltern so, oder?
Nein, insbesondere bei den Omas hat sich das Rollenverständnis geändert. Die heutigen Großmütter entstammen nicht mehr der Hausfrauengeneration, sondern waren selbst schon erwerbstätig. Sie sehen daher die Betreuung und Erziehung von Kindern nicht mehr als ihre vordringliche Aufgabe an. Mit dem Ruhestand verbinden sie den Anspruch, neu gewonnene Freiheiten auch zu genießen.

Führt das nicht zwangsläufig zu Konflikten, wenn die Erwartungen so verschieden sind?
Wir finden tatsächlich ein großes Konfliktpotenzial, allerdings in ganz unterschiedlichen Richtungen. Es gibt diejenigen Eltern, die sich mehr Betreuung wünschen, jedoch genauso die, die gern weniger Einmischung hätten. Mal sind die Großeltern zu konservativ, mal sind sie zu antiautoritär. Der Punkt ist, das es für die Großelternrolle noch kein Leitbild gibt. Wenn Sie mal Großelternratgeber googeln, sehen Sie, dass sich sehr viele von ihnen um die Beziehung drehen: Darf ich mich in die Erziehung einmischen? Darf ich einfach vorbeikommen? Das sind Fragen, die noch nicht geklärt sind. Es ist auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene unklar, was eine gute Oma oder einen guten Opa ausmacht. Das bedeutet, dass jeder seinen individuellen Erwartungen und Vorstellungen nachhängt, was ein großes Konfliktpotenzial birgt. Allerdings – und das ist ganz wichtig – werden diese Konflikte in aller Regel nicht offen ausgetragen.

Manche Großeltern fühlen sich von ihren Kindern zu stark eingespannt und würden gern weniger Betreuung übernehmen. Was raten Sie diesen?
Wichtig ist, dies offen anzusprechen. Es gibt schlicht unterschiedliche Erwartungshaltungen und Vorstellungen und diese lassen sich nur im Gespräch klären. Erst wenn jeder seine Idee von einem optimalen Zusammenwirken darlegt, lässt sich darüber verhandeln. Mit dem weiteren Ausbau der Kinderbetreuung wird meiner Einschätzung nach die Notwendigkeit der intensiven Großelternbetreuung seltener auftreten. Die Beispiele aus Nordeuropa und Frankreich zeigen dies deutlich. Weniger Betreuung heißt aber keineswegs, dass dadurch die Beziehung von Oma und Opa und Enkel schlechter wird – man wird künftig eher mehr Freizeit miteinander verbringen.

Interview: Alexandra Buba