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Der Campingplatz als letzte Alternative

Camping Nordreisender, Foto: photocase.com
Camping Nordreisender, Foto: photocase.com

Wer auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs ist, trifft sie in rauen Mengen: Rentner aus Deutschland. Sie erzählen von ihren Reisen rund um die Welt. Sie machen Pläne für ihre nächsten nternehmungen. Es muss ihnen gut gehen. Auf sie scheint der euphemistische Begriff zuzutreffen, mit dem man alte Menschen derzeit gern bedenkt: »Best Ager«.Zugleich berichtet Veronika Spreng von der Informations- und Beratungsstelle des Nürnberger Seniorenamts, dass die Anfragen jener Rentner zunehmen, die mit ihrem Einkommen nicht mehr ein noch aus wissen. Täglich gehen zwischen drei und zehn Anrufe von Frauen und Männern ein, die Angst haben, in Wohnungsnot zu geraten. Die Mieten steigen, die Renten dagegen kaum. Von knappem Wohnraum ist überall die
Rede. Und besonders knapp ist er im Sektor der billigen und bezahlbaren Wohnungen.
Bei einer Veranstaltung der Kirchen und des DGB in Fürth hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) eingestanden, dass in den vergangenen Jahren viel zu wenige Wohnungen gebaut worden sind. Vor allem der soziale Wohnungsbau mit günstigen Mieten wurde vernachlässigt. Man wollte alles dem Markt überlassen. Aber der Markt ist kein Tummelplatz für Menschen mit knappen Finanzressourcen.Da ist sie wieder: Die Schere zwischen reich und arm, die sich in diesem Land so unaufhaltsam und doch klammheimlich öffnet. Sie öffnet sich zum Beispiel zwischen den Wohnungseigentümern (das sind etwas weniger als die Hälfte der deutschen Rentner) und den Mietern. Freilich ist auch Wohneigentum vor Alterungsprozessen nicht gefeit und verlangt nach immer größeren Investitionen bei Renovierung und Instandhaltung. Doch die wirklich bedrohte Seite ist die der Mieter. Zwar wird in den Medien und zunehmend in der Politik über Altersarmut in Deutschland diskutiert. Doch draußen auf den Straßen ist sie noch kaum zu beobachten. Armut zeigt sich nicht gern. Veronika Spreng spricht von der Scham der meisten Anrufer, die ihre Not zugeben müssen. Reinhard Weber, Geschäftsführer des VdK-Kreisverbands Nürnberg, berichtet von der Ratlosigkeit vieler Betroffener. Sie kennen ihre Rechte nicht. Sie wissen nicht, welche Unterstützung ihnen zusteht. »Unsere Hauptaufgabe ist es, in solchen Fällen zu helfen«, sagt Weber. »Wir beraten. Wir unterstützen notfalls bei Rechtsstreitigkeiten.« Die e Altersarmut auf dem Wohnungsmarkt ist ein Phänomen, das erst allmählich erkennbar wird. Das Problem dürfte rasant wachsen. Es sind vor allem zwei Entwicklungen, die alte Mieter in die Bredouille bringen können.
Da ist einmal der hinausgeschobene Tod. Wir werden älter, und viele werden bei guter Gesundheit älter. Doch plötzlich (oder schleichend) ist dann eine Gehbehinderung da. Oder die Schwäche, die ein Treppenhaus in eine unbezwingbare Steilwand verwandelt. Hier greift das Schlagwort vom »seniorengerechten Wohnen«. Es umfasst vor allem die Barrierefreiheit: Dass man keine Treppen mehr steigen muss, dass Aufzüge vorhanden sind. Dass keine Schwellen in den Türen einen Rollstuhl stoppen. Nach dem Tod eines Partners werden manchen Rentnern die Wohnungen zu groß. Sie sind nicht mehr sauber zu halten und verursachen zu viel Heizkosten. Hier stellen sich die Fragen nach einer Sanierung. Aber sie kostet Geld. Dafür gibt es Zuschüsse, aber man muss sich beim Wohnungsamt oder beim Sozialamt informieren. Oder muss man doch einen Umzug in Betracht ziehen? Doch senioren-gerechte Wohnungen sind rar auf dem Markt. Auch preiswerte Wohnungen für den Geldbeutel der Menschen mit kleiner Rente sind kaum vorhanden. Die schmale Rente wird gern als Schreckensvision in die Zukunft projiziert: Derzeit gibt es viele Arbeitnehmer mit kargem
Lohn, mit Lücken in den Erwerbsbiografien. Demnächst also könnte die Altersarmut bedenklich werden. Reinhard Weber vom Sozialverband VdK blättert in den Anträgen für kostenlose Urlaubreisen, die seine Organisation anbietet. Um in diesen Genuss zu kommen, müssen Rentenhöhen genannt werden. Viele der Antragsteller liegen weit unter 1000 Euro im Monat.
In diesem Bereich der Niedrigrenten wird die zweite Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt bedrohlich. Nehmen wir zum Beispiel Gerd M., der in einem kleinen Dorf in der Fränkischen Schweiz wohnt, wo der Mietzins viel günstiger ist als in der Stadt. Er bezieht eine krankheitsbedingte Frührente von rund 850 Euro.Bisher hat er knapp 400 Euro Miete bezahlt. 2013 wurden in seinem Mietshaus Modernisierungsmaßnahmen durchgeführt. Es gab neue Fenster, neue Heizkörper, einen neuen Fußboden. Aber es gibt auch eine saftige Mieterhöhung. Hausbesitzer können nämlich elf Prozent der Modernisierungskosten unabhängig vom geltenden Mietspiegel als Jahresbeitrag auf die Miete aufschlagen. Für Gerd M. steigt sie um mehr als 100 Euro. Wie soll er jetzt noch mit der Rente auskommen?Kein Einzelfall. Veronika Spreng vom Seniorenamt ist täglich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Ja, es gibt Hilfe zum Lebensunterhalt. Die Stadt Nürnberg zahlt eine Grundsicherung. Die Zuwendungen sind allerdings wieder abhängig von der Prüfung jedes Einzelfalls. Auch hier bietet der VdK Unterstützung an. Reinhard Weber betont, dass in Nürnberg das Verständnis der Ämter für Notlagen groß sei. Anderswo sei man längst engherziger.
Nach einer Untersuchung des Hannoveraner Pestel Instituts für Sozialforschung aus dem Jahr 2011 werden in Zukunft immer mehr Rentner auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sein, das heißt, sie können sich die Wohnungen nicht mehr leisten, in denen sie jetzt leben. Der Bedarf an günstigen Seniorenwohnungen wird rasant zunehmen. Mit »Seniorengerechtigkeit« hat das nichts zu tun. Es werden Wohnungswechsel zugemutet werden, obwohl gerade alte Leute an ihre vier Wände gewöhnt sind und sich ungern verpflanzen lassen. Das Institut hat berechnet, dass in den nächsten 15 Jahren etwa 1,6 Millionen kleinere, bezahlbare, im besten Fall auch noch energieeffiziente und altengerechte Wohnungen für die Generation 60 plus geschaffen werden müssen. Und das in einer Epoche der Spardiktate!Vielleicht müssen wir uns eher auf eine andere Entwicklung einstellen. Vor gut einem Jahr hat die TV-Sendung »quer« darüber berichtet, dass bereits tausende deutscher Rentner dauerhaft auf Campingplätzen wohnen. Die Miete für einen Wohnwagen kostet nicht mehr als 300 Euro. Eine Gasflasche für rund 100 Euro reicht zum Heizen einenganzen Winter lang. Duschen kann man in den Gemeinschaftseinrichtungen. In den USA ist dieses Wohnmodell schon lange gang und gäbe. Und die Amerikaner sind ja unser großes Vorbild!
Herbert Heinzelmann

Eine Antwort

  1. Wirklich eine Zumutung, was da auf uns zukommt. Die Rentner, die ein Leben lang hart gearbeitet haben, werden abgeschoben und müssen ein trauriges Dasein fristen, während sich Manager und Politiker noch immer die Taschen füllen. Wo bleibt die soziale Gerechtigkeit?

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