Die Eichmüllers (Fahrrad) hätten wahrscheinlich auch manchmal gerne den Elefanten als Reisemittel bevorzugt. Foto: privat

Die Eichmüllers (Fahrrad) hätten wahrscheinlich auch manchmal gerne den Elefanten als Reisemittel bevorzugt. Foto: privat

Sri Lanka war am heißesten, Griechenland am kuscheligsten, Neuseeland am spannendsten, Argentinien am aufregendsten. Doch eigentlich begann die Tour von Sabine und Helmut Eichenmüller (64 und 65) schon zu Hause.
»Es geht weiter, die Strasse folgt einem steilen Flusstal bergauf. Im Laufe der 1500 Hoehenmeter veraendert sich die Vegetation deutlich, und am Ende des Tages zelten wir an einem wunderschoenen See, an dem Indios fischen und Pferde und Kuehe weiden, mit Blick auf kahle Andenketten.«
So lesen sich die Einträge der beiden Weltreisenden in ihrem Blog, dem Internettagebuch, mit denen sie ihre Freunde und die Familie an ihrem großen Abenteuer teilhaben lassen. Die Daheimgebliebenen bekommen große Augen, wenn sie auf den Fotos die riesigen Höhenunterschiede und Hindernisse auf der Strecke sehen. Doch die Eichenmüllers finden Komplimente und Hochachtung übertrieben. Ihr Credo: Jeder körperlich Gesunde kann das machen. Das Paar gehört nicht zu den Hochleistungssportlern, ist aber gleichwohl geübt in anstrengenden Radtouren, die sie zuvor in Italien oder Spanien unternommen haben.
Die beiden zählen auch keineswegs zu den Vielverdienern. Sie sind ganz normale Menschen, die etwas vollkommen Neues erleben wollten vor dem Einstieg ins Rentnerdasein. Im großen Freundeskreis hatte bereits die Planung des Sabbatjahres ansteckende Wirkung. Und tatsächlich: »Wir wollen andere Menschen ermutigen, sich ihren Traum zu erfüllen«, sagt Helmut Eichenmüller.
Ein Traum? Für manche Zeitgenossen ähnelt es einem Alptraum, schwitzend und keuchend über Gebirgspässe zu radeln. Bei aller Bewunderung kamen auch solche Kommentare wie bei einer zurückliegenden Fahrradreise über die Alpen, mit Zelt und Kochgeschirr: »Nun gut, andere ritzen sich.«
 
»Nun gut, andere ritzen sich«
»Radfahren kann uns große Glücksgefühle geben, das Gehirn entknoten, sich leermachen wie in einer Meditation. Wenn man lange genug fährt, öffnet sich der Geist. Es scheint, als ob die Gedanken einem von außen zufliegen. Kein Autofahrer roch das Erdbeerfeld in der Türkei, keiner hörte das Konzert der Vögel in Neuseeland oder spürte den warmen Wind – allesamt schlichte Erlebnisse, die die Endorphine und das Glück durch den Körper strömen lassen«, fassen sie ihre Erfahrungen zusammen.
Die Vorbereitungen dauerten so lange wie die Reise selbst: Ihre Praxis für klassische Homöopathie und Psychotherapie haben sie vorübergehend einer Kollegin überlassen, das Eigenheim vermietet, alle nötigen Versicherungen abgeschlossen – man weiß ja nie. Im August 2012 Jahres war die Ausrüstung komplett, die Räder waren startklar. Es konnte losgehen. Von Nürnberg-Ziegelstein bis Langenzenn im Fürther Landkreis eskortieren Freunde die Weltreisenden, das letzte Stück bis zum Campingplatz in Obernzenn legten sie allein zurück.
Das Zelt ist ab jetzt das neue Zuhause. Der Innenraum misst 135 mal 220 Zentimeter, ist 110 Zentimeter hoch und nimmt wenig Raum ein im Fahrradanhänger. Die Frage, ob man unterwegs exotische Dinge kaufen werde, erübrigt sich von allein: Platz dafür ist nur im Kopf, nicht im Reisegepäck. Im Übrigen geht es den beiden Abenteurern ums Loslassen, um ein Leben auf zwei Rädern in aller Einfachheit und Schlichtheit, ausgeschmückt mit fantastischen Natur- und Kulturerlebnissen. Die großartige Kathedrale
in Narbonne oder eine bewegende Ausstel-lung im Centre Pompidou in Metz, das pompöse Renaissancefest in Le Puy, der Sprachkurs in Barcelona, die Blaue Moschee in Istanbul, der architektonische Zuckerbäckerstil in Montevideo, die von einem eigenartigen Licht angestrahlten farbenprächtigen Felsformationen im Grenzgebiet von Bolivien, Chile und Argentinien – für die Eichenmüllers ist all dies ein großer Kulturschmaus, eine Labsal für Seele und Geist.
Ganz wichtig sind ihnen die Begegnungen mit Menschen am anderen Ende der Welt. Was denken und fühlen sie, wie schlagen sie sich durchs Leben? Näheren Kontakt zu den Einheimischen verspricht das weltweite Internet-Netzwerk www.warmshowers.org: Der Reisende erhält bei den Gastgebern eine Dusche, ein Bett und manchmal sogar eine warme Mahlzeit. In großen Städten, in denen sie sich einige Tage aufhalten wollen, fragt das Nürnberger Paar bei warmshowers-Mitgliedern nach. So wie bei Lautaro und Mai in Buenos Aires, in deren fensterloser Wohnung mit Innenhof sie ein Zimmerchen bewohnen dürfen. Dort erfahren sie herzliche, unkomplizierte Gastfreundschaft, Strategien für das Radfahren im Straßenverkehr der argentinischen Hauptstadt und auch ihre Sicht auf die argentinische Regierungspolitik. Die Radler sind begeistert von Buenos Aires, der facettenreichen Zehn-Millionen-Stadt, interessanter noch als New York, finden sie.
Im Alltag unterwegs entwickelt sich eine unspektakuläre Normalität. Das morgendliche Frühstück vor dem Zelt mit Tee, Müsli und Kartenstudium, dann Zeltabbau und Packen. Wasser und Proviant für den Vormittag besorgen – und weiter geht‘s. Unterwegs oder am Abend wieder einkaufen, nach der Ankunft eventuell erkunden, ob es eine Waschmaschine gibt, kochen und essen und den Tag ausklingen lassen.
Freilich gibt es harte Momente auf der Tour: Die Strecke über die Pyrenäen verwandelt sich auf französischer Seite unerwartet in einen holprigen Wanderweg mit Felsbrocken und Wurzeln, über die die Räder plus Anhänger gehoben und geschoben werden müssen. Die dünne Luft in den Anden verbietet erwartungsgemäß das Radfahren, ein plötzliches Unwetter mit Hagel und Schnee auf einer Hochebene zwingt zur Planänderung. Mal sind Züge auf Wochen ausgebucht, mal gelingt das Buchen eines Fluges erst nach stundenlangen Versuchen, mal scheitert das Geldabheben an Automaten oder die Lama-Salami richtet Verheerendes im Darm an. Bei Durchfall-Alarm wird die ohnehin stete Suche nach einem passablen Klo zur allerdringendsten Herausforderung.
Noch ein Auszug aus dem Blog: »Buenos Aires: Wir fahren auf der 14-spurigen Avenida de 9. Julio mit bluehenden Baeumen in vollgestopften Strassen mit chaotischem Verkehrsverhalten, lassen uns immer wieder ueberraschen von tiefen Schlagloechern, radeln (zunaechst) unbekuemmert auf Radwegen, die ploetzlich enden, und geniessen die komfortablen Wege im stadtnahen Naturschutzgebiet. Wir erleben es als Abenteuer und fahren ueber 100 km durch die Stadt.
Im Museo de Las Bellas Artes finden wir nicht nur Rodins »Kuss«, sondern auch ein Bild vom Nuernberger Hauptmarkt aus dem 17. Jahrhundert von einem unbekannten Kuenstler. Das freut den Franken.«
 
Angela Giese
Wer  sich für die Tour der Eichenmüllers mit Bildern und Bericht interessiert, hat dazu Gelegenheit: Der Deutsche Alpenverein, Sektion Mittelfranken, lädt dazu am Donnerstag, 9. Januar 2014, ins  Landbierparadies, Sterzinger Straße 4-6, 90461 Nürnberg, ein. Beginn ist 19.30 Uhr
Der Blogg ist nachzulesen unter:
www.helsa2012.blogspot.de