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Der Weihnachtsmarkt von Dinkelsbühl ist wegen seiner romantischen Atmosphäre sehr beliebt. Foto: Fürböter

om Ballungsraum aus ist es zwar nicht der nächste Weg bis nach Dinkelsbühl im Landkreis Ansbach, aber egal. Schließlich soll der Weihnachtsmarkt hier zu den schönsten an der Romantischen Straße gehören.
Eine Traumkulisse empfängt den Besucher schon von weitem. Die einstige Reichsstadt besitzt noch alle vier Stadttore. Lückenlos erhebt sich die mittelalterliche Wehranlage – mitsamt ihren 16 Türmen. Dass die Umwallung erhalten geblieben ist, ist vor allem König Ludwig I. zu verdanken. 1826 erließ er für Bayern eine Verordnung, die den Abriss von Mauern und Türmen verbot. Das ehemalige Spital »Zum Heiligen Geist«, in dessen Innenhof der Weihnachtsmarkt verlegt wurde, nachdem sich der Weinmarkt als zu beengt erwiesen hatte, liegt dicht beim Rothenburger Tor im Nordosten der Altstadt. Wer hier außerhalb der Stadtmauer seinen Wagen abstellt (Dinkelsbühl ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur per Bus erreichbar), nähert sich dem Städtchen auf der Doktor-Martin-Luther Straße, die am Rothenburger Weiher entlang führt. Jedes Fotografenherz schlägt spätestens jetzt beim Anblick des historischen Stadtkerns höher.
Um 1900 von Malern entdeckt
Jenseits des wuchtigen Stadttores öffnet sich eine Märchenwelt. Vier Jahrhunderte sind scheinbar spurlos an den prachtvollen historischen Häusern vorbei gegangen – wie an ganz Dinkelsbühl. Als Inbegriff der Romantik war das idyllische Städtchen denn auch von Malern aus Berlin und München um 1900 entdeckt worden. Der Ort überstand beide Weltkriege unbeschadet. Heute zählt er zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Europas.
Die Touristenströme halten sich – verglichen mit Rothenburg ob der Tauber – dennoch in Grenzen, obwohl stellenweise jedes zweite Haus ein Hotel zu sein scheint. Immerhin bietet Dinkelsbühl rund 800 Übernachtungsmöglichkeiten. Dazu kommen, wie unschwer an kunstvoll geschmiedeten Wirtshausschildern zu erkennen ist, unzählige traditionsreiche Gasthöfe. Gerade in der Adventszeit wirkt die Stadt besonders besinnlich. Erst recht, wenn die Dämmerung einsetzt und überall Lichter angehen, was den Zauber perfekt macht.
Allein wegen des Weihnachtsschmucks würde man den Eingang zum Spitalhof in der Doktor-Martin-Luther-Straße 6 nicht übersehen. Man betritt den Innenhof durch die von zwei Treppentürmchen flankierte Einfahrt. Obwohl das Spital schon um 1280 gestiftet wurde, stammen die meisten Gebäude der weiträumigen Anlage aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Heute werden sie unter anderem vom Altenheim der Hospitalstiftung genutzt, und in die ehemalige Spitalscheune ist das Landestheater Dinkelsbühl eingezogen (zur Adventszeit gibt es Extra-Kindervorstellungen).
Seife aus Schafsmilch
Der schönste Fachwerkbau beherbergte noch bis zum Jahr 2008 ein Museum. Das »Haus der Geschichte« ist inzwischen ins Alte Rathaus umgezogen und mit ihm die Erinnerungsstücke aus dem Nachlass von Christoph von Schmid. Vom großen Sohn der Stadt (geboren 1768 in Dinkelsbühl, gestorben 1854 in Augsburg) stammt das weltberühmte Weihnachtslied »Ihr Kinderlein kommet«. Ein Spruchband im Spitalhof macht das gegenwärtig.
Unter hohen Bäumen, in deren Wipfeln Lichter funkeln, wurde eine kleine Bühne aufgebaut. Darauf bieten Bläser- und Sängergruppen stimmungsvolle weihnachtliche Weisen. Rundum an Buden und Ständen findet sich alles, was das Herz begehrt und darüber hinaus der Gaumen. Holzspielzeug, Dinkelsbühler Keramik, Lammfellartikel und Seife aus Schafsmilch beispielsweise, fränkische Wurstspezialitäten vom Grill, gebrannte Mandeln und duftender Glühwein. Eine Spezialität ist der »Heiße Nikolaus«. Den Trunk aus rotem Glühwein mit Amarettolikör und Sahne obenauf hat Heinz Papert aus Bechhofen erfunden. Der 72-Jährige verkauft auch »Blonde Engel« (heißer Orangensaft mit Eierlikör und Sahne) inmitten dieser »herrlichen Kulisse«, wie Papert nach acht Jahren Markttreiben immer noch schwärmt. In einer urigen Scheune weiter unten – der Hof verfügt über mehrere Terrassen – hat sich ein Korbflechter niedergelassen. Kinder dürfen sich bei ihm ihr Körbchen selbst flechten. Besondere Anziehungskraft übt die überdimensionale Modelleisenbahn aus, wenn auch mitunter mehr auf die Väter als auf die Söhne. In der Nähe dreht ein nostalgisches Karussell seine Runden. Jeden Tag gegen 16.30 Uhr kommt der Nikolaus zu den Jüngsten, an den Wochenenden sogar in Begleitung des Christkinds. Noch ein Tipp für die Großen, und zwar vor allem für jene, denen noch Geschenke fehlen: Auf dem Kunstbasar in den alten Stallungen locken Kunsthandwerker aus der Region mit hübschen Filzsachen, Radierungen, exklusiven Weihnachtskarten und vielem mehr.
Vom Spitalhof lohnt der Weg geradeaus die Straße entlang bis hin zum Münster. Auf dem kurzen Spaziergang kommt man an der »Schranne« vorbei. Darin findet seit über einem Jahrhundert stets der Auftakt zum legendären Festspiel »Die Kinderzeche« statt. Der Weg führt weiter über den Weinmarkt zum »Deutschen Haus« (entstanden vor 1600). Das heutige Hotel darf sich rühmen, eine der schönsten Fachwerkfassaden Süddeutschlands zu besitzen. Im Münster St. Georg sollte man sich die Besichtigung einer Weihnachtskrippe von sage und schreibe 60 Quadratmetern Größe nicht entgehen lassen: Dinkelsbühl in Miniatur! Außerdem gilt das gotische Langhaus, 1499 fertiggestellt, als Süddeutschlands schönste Hallenkirche.
Text und Fotos: Ute Fürböter
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Ein Weihnachtsmarkt wie aus alten Zeiten
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Der Dinkelsbühler Weihnachtsmarkt im historischen Spitalhof findet bis zum
21. Dezember statt. Geöffnet ist montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 20 Uhr.
Extra-Tipp: Vom 25. Dezember bis zum
1. Januar 2012 findet man im Innenhof des Alten Rathauses ein kleines Weihnachtsdorf mit Glühwein- und Bratwurststand sowie Süßwaren.
Anreise: mit der Regionalbahn R 6 oder 7 bis Ansbach, dann weiter mit dem Bus. Mit dem Auto über die A 6 bis zur Abfahrt Feuchtwangen-Nord, Dinkelsbühl, anschließend die B 25 benutzen.