Prof. Erich Lang zeigt ein Kunstwerk, das eine Grundbedingung für gesundes Leben symbolisiert: den Einklang von Körper, Seele und Geist. Foto: Michael Matejka

Der Erlanger Arzt Prof. Dr. Erich Lang, 74, setzt sich vehement gegen unseriöses »Anti-Aging« und für eine alternsbegleitende Vorsorge ein. Unter dem Schlagwort »Pro-Aging« wirbt er dafür, sich aktiv dem Alter zu stellen anstatt es medikamentös verhindern zu wollen. Lang war Chefarzt an der Medizinischen Klinik des Waldkrankenhauses Erlangen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und sitzt als Experte im Forum Prävention des Bundesgesundheitsministeriums. Er ist auch Vorstand des Erlanger Carl-Korth-Institutes, das unter anderem ältere Menschen bei einem Pro-Aging-Programm begleitet.
sechs+sechzig:
Herr Professor Lang, Sie machen mobil gegen »Anti-Aging«. Was stinkt Ihnen so daran?
Erich Lang:
Das fängt für mich schon bei dem Begriff »Anti-Aging« an. Das richtet sich ja nicht nur gegen den Alternsprozess an sich, sondern auch gegen einen großen Teil der Gesellschaft – aber wollen wir das wirklich? Gegen das Altern ist doch kein Kraut gewachsen. In den letzten fünf bis sechs Jahren hat sich aber eine regelrechte Anti-Aging-Industrie entwickelt, die das behauptet.
sechs+sechzig:
Und was wollen Sie gegen diese Industrie erreichen?
Erich Lang:
Vor allem möchte ich meine ärztlichen Kollegen auf eine unseriöse Anti-Aging Industrie aufmerksam machen.
sechs+sechzig:
Ist denn das Anti-Aging so schlimm?
Erich Lang:
Ich halte es durchaus für gefährlich, ja. Über die Folgen der Hormontherapien bei der Frau zum Beispiel weiß man eigentlich noch viel zu wenig; klar ist nur, dass wir den Alterungsprozess nicht stoppen können. Mit dem Versuch, die Herzinfarkte ein wenig nach hinten zu schieben, riskiert man aber die Zunahme anderer Probleme wie Thrombosen oder Mammakarzinome (Brustkrebs).
sechs+sechzig:
In der Werbung für Anti-Aging-Produkte hört sich das anders an.
Erich Lang:
Ja, da werden wahre Wunder versprochen. Das ist ja nichts Neues: Schon seit jeher gab es Leute, die mit irgendwelchen Elixieren oder Tinkturen das Altern stoppen wollten. Heute versucht man die Menschen von der Notwendigkeit der Nahrungsergänzungsmittel zu überzeugen, die sie bei ausgeglichener Ernährung nur selten brauchen. 120 Saft- und Gemüsesorten in einer Kapsel – da sollte man besser frisches Gemüse und Obst essen.
sechs+sechzig:
Die Nahrungsergänzungsmittel bringen alle nichts?
Erich Lang:
Ich kenne keine einzige große Studie, die da gesundheitliche Wirkungen nachweisen würde; vor allem keine Beeinflussung des Alternsprozesses. Im Gegenteil: Da stellt sich manchmal sogar ein negativer Effekt heraus.
sechs+sechzig:
Und solche »Wundermittel« wie Wasser mit zugesetztem Sauerstoff sind eine reine Werbemasche?
Erich Lang:
Ja, ähnlich wie diese Joghurt-Zubereitungen mit speziellen Zusätzen, Kosmetika mit Plazenta-Extrakten oder auch die Rotwein-Gesundheitsmaske – alles obsolet.
sechs+sechzig:
Warum sind diese Produkte dann so erfolgreich?
Erich Lang:
Das beruht meines Erachtens auf der Hoffnung der Menschen, dass sich das Altern aufhalten lässt. Tatsächlich wird es in zehn Jahren oder so möglich sein, gentechnisch bestimmte Krankheiten zu vermeiden und damit die Lebenserwartung zu verlängern. Aber wir müssen uns auch da fragen: Wollen wir das?
sechs+sechzig:
Sie setzen dem Anti-Aging seit einiger Zeit ein Pro-Aging entgegen. Haben Sie den Begriff erfunden?
Erich Lang:
Ja, jedenfalls habe ich ihn Anfang der 90er Jahre schon erwähnt, als Verkürzung von »pro healthy aging«. Seit zwei Jahren setze ich mich nun für ein bestimmtes Pro-Aging-Programm ein, dem sich alle Ärzte anschließen können.
sechs+sechzig:
Wo ist dabei der Unterschied zum Anti-Aging?
Erich Lang:
Wir werden es nicht mit Pillen schaffen, ein gesundes Alter zu erreichen. Ich sage immer: Wenn man alt werden will, muss man früh damit anfangen. Dazu gehört es, bestimmte Regeln für ein gesundes Altern einzuhalten, zum Beispiel, Sport zu treiben, sich ausgewogen zu ernähren, rechtzeitig die Wohnung anzupassen und – höchste Zeit im November – die nötigen Impfungen nicht zu vergessen, um nur einige Beispiele zu nennen (siehe Info-Kasten).
sechs+sechzig:
Das klingt aber nicht so attraktiv wie die Versprechen des Anti-Aging?
Erich Lang:
Dafür schadet das Pro-Aging aber nicht, sondern hilft nachweislich. Und zwar nicht nur kurzfristig: Denken Sie mal an diese Botox-Parties, wo sich die Menschen Gift ins Gesicht spritzen lassen, um jünger auszusehen. Vor kurzem habe ich eine Volksmusik-Moderatorin gesehen, die sich hat liften lassen: Die konnte nicht mehr lachen. Außerdem leugnen diese Leute doch ihre eigene Vergangenheit.
Interview: Stefan Brunn
Kontakt:
Carl-Korth-Institut
Rathsberger Str. 10
91054 Erlangen
Tel. 09131 / 89 84 96
E-Mail: ELang@t-online.de.

Die Goldenen Regeln des Pro-Aging
Körperlich aktiv bleiben
Sich gut ernähren
Ausreichend trinken
Sich geistig aktivieren
Viele soziale Kontakte knüpfen
Sich bei Problemen ggf. psycho- therapeutisch helfen lassen
Sich erholen und entspannen
Den Körper pflegen und ihm Gutes tun
Altersgerecht wohnen
Gute Schlafbedingungen schaffen
Sexualität nicht tabuisieren
Schutz vor Infektionen
Krebsvorsorge beachten
Alkohol, Zigaretten einschränken
Sich über Medikamente beim Hausarzt informieren