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Er kann den Durst der Bäume löschen

Mit einem Spezialschlüssel, einem Druck­minderer und einem Wasserzähler kann Mathias Schmidt den Schlauch an den Hydranten anschließen.

In diesem Sommer konnte man wieder einmal intensiv spüren, wie wichtig Bäume sind: Bei sengender Hitze bietet ihr Blätterdach Schatten, sie kühlen die stickige Luft ab. Außerdem wandeln sie Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff um. Gerade in Städten sind Alleen an Straßen oder Laub- und Nadelhölzer in den Parks notwendig, um ein erträgliches Klima zu erhalten.

Doch die Bäume brauchen selbst Hilfe: Mittelfranken ist ein regenarmes Gebiet, die Wasserknappheit setzt der Flora heftig zu. Gerade an heißen Tagen sind Linden, Ahorne oder Eichen dankbar für jede Gießkanne Wasser.

Mathias Schmidt ist einer von 200 Wässerpaten in Nürnberg

Mathias Schmidt kümmert sich seit vielen Jahren um das Grün im Stadtgebiet: Beim Bund Naturschutz beteiligt er sich intensiv an den Arbeitskreisen »Straßenbäume« und »Bäume in der Stadt«. Gemeinsam mit Margit Grüll rief er außerdem die »Bäume für Nürnberg Stiftung« ins Leben, in die beide Gründer jeweils 50.000 Euro eingezahlt haben. Für sein Engagement zeichnete die Stadt Nürnberg Schmidt vor zehn Jahren mit dem Umweltpreis aus.

Doch dem mittlerweile 80-Jährigen geht es nicht nur ums große Ganze, er fängt buchstäblich vor seiner eigenen Haustür an. Dort stehen vier prächtige Winterlinden mit ausladenden Kronen. Drei Jahre lang schleppte der Diplomingenieur Wassereimer um Wassereimer aus dem dritten Stock seines Wohnhauses mithilfe des Aufzugs zu dem grünen Quartett. Umständlich und zeitraubend war das, der Effekt überschaubar – wenn man bedenkt, dass ein ausgewachsener Baum etwa 200 Liter für eine gründliche Wässerung benötigt.

Hydranten anzapfen

Irgendwann fiel der Blick des früheren Hauptabteilungsleiters der Nürnberger Energie- und Wasserversorgung auf den Hydranten am Straßenrand. Der Experte – er war einst für Wassergewinnung, Wasserwerke, Wasserschutzgebiete und Wasserhochbehälter zuständig – dachte sich: Mit diesen Zapfstellen ließe sich das Bewässern der Bäume deutlich effektiver gestalten. 

Der Rentner regte bei seinen früheren Kollegen an, von den 7700 Nürnberger Hydranten (davon 6200 oberirdisch) einige hierfür zu nutzen. Servicebetrieb öffentlicher Raum (Sör) und N-ergie einigten sich im Jahr 2019 auf das Projekt: Heute gibt es 200 ehrenamtliche sogenannte Wässerpaten, die Hydranten mit Spezialwerkzeug anzapfen dürfen. Mathias Schmidt war Nürnbergs erster Wässerpate und berichtet von seiner Erfahrung ganz zu Beginn: »Man braucht Kraft, um den Wasserspender aufzudrehen.«

Eine gründliche Einweisung ist Voraussetzung, um die für die Feuerwehr geschaffenen Hydranten nutzen zu dürfen. Jeder Wässerpate erhält einen Spezialschlüssel, einen Adapter, einen Druckminderer und einen Wasserzähler sowie einen Schlauch. »Momentan sind alle 200 Stellen vergeben. Interessierte können sich aber auf eine Warteliste setzen lassen«, meint Nürnbergs Stadtbaum-Manager Florian Demling. 

Die Beteiligten dürfen so viel gießen, wie sie wollen. Sie können sich auf einen Baum beschränken oder auch mehrere versorgen. Weil die Nachfrage groß ist, können sich Interessierte schulen lassen und anschließend die Ausrüstung eines Wässerpaten aus ihrer Nachbarschaft nutzen. 

»Wir freuen uns sehr über die Bereitschaft der Bürger«, sagt Demling. »Das zeigt uns, dass viele den Wert von Bäumen für unser Stadtklima erkannt haben. Gerade in aufgeheizten Vierteln zählt jeder Tropfen, jede Gießkanne voll Wasser ist eine Unterstützung.« 

1400 Freiwillige im Einsatz

Neben den 200 Wässerpaten kümmern sich über 1400 ehrenamtliche Baumpaten mit Eimer und Gießkanne um das Grün in Nürnberg – zusätzlich zu den Profis der Stadt und zu beauftragten Betrieben, die mit Tankwagen unterwegs sind. Gerade nach den jüngsten Trockenjahren werden Baumpaten in der baumarmen Noris immer wichtiger. 

Ein Blick über den Gartenzaun nach Fürth: Dort pflegen, pflanzen und wässern 50 Ehrenamtliche. Die Grünflächen-Patenschaften gibt es seit 2021, eigentlich hatte sich das städtische Grünflächenamt eine größere Beteiligung erhofft. Aber man sei um jeden Einzelnen dankbar, der anpackt, betont der städtische Mitarbeiter Leif Salitter. 

Die Grünflächen-Paten sind registriert, für sie gibt es eine Unfall- und Haftpflichtversicherung. Wer also versehentlich beim Beharken einer Baumscheibe den Lack eines daneben geparkten Autos verkratzt, muss den Schaden nicht aus der eigenen Geldbörse bezahlen. 

In Erlangen gibt es die Grünpaten

Die Hydranten-Idee kann Fürth nicht übernehmen, merkt Salitter an: Im Gegensatz zu Nürnberg seien die Fürther Hydranten überwiegend unter der Erde montiert. Für den Betrieb ist ein Standrohr notwendig. Die Feuerwehr kann das im Brandfall rasch montieren, doch für ehrenamtliche Baumpaten sei das zu aufwendig.

Aus Gründen der Wasserhygiene verzichtet Erlangen auf den Einsatz von Hydranten bei der Bewässerung von Bäumen durch Ehrenamtliche. Es sei eine Zertifizierung durch die IHK notwendig, um einen mobilen Wasserzähler von den Erlanger Stadtwerken zu bekommen, teilt das städtische Presseamt auf Anfrage mit. Dass man in Nürnberg mit einer verpflichtenden Einweisung gute Erfahrungen gemacht und 200 Wässerpaten dauerhaft rekrutiert hat, scheint in der Hugenottenstadt nicht zu interessieren. 

Aber dort sind immerhin 150 ehrenamtliche Grünpaten im Einsatz, die 450 Bäume betreuen. Sie unterstützen die städtische Abteilung Stadtgrün, die 2760 Bäume versorgt, 1500 weitere Pflanzungen werden von Firmen gegossen. »Die Bedeutung der Grünpaten nimmt durch den Klimawandel zu, und wir sind froh um jeden freiwilligen Unterstützer. Es gibt noch reichlich Baumstandorte, die gegossen werden könnten«, erläutert die städtische Pressestelle nachdrücklich. 

Was jung und alt verbindet

Zurück zu Mathias Schmidt nach Nürnberg: Der Wässerpate tut nicht nur den Linden vor seiner Haustüre etwas Gutes, wenn er sie etwa anderthalb Stunden tränkt. Das Mitglied des Bund Naturschutzes stellt sich dabei auch kritischen Nachfragen von Passanten: »Das bringt doch eh nichts« oder »Das ist pure Wasserverschwendung, was das kostet!« – mit derartigen Anmerkungen setzt sich der 80-Jährige gern auseinander: »Das sind wichtige Gespräche und die Diskussionen stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl im Wohnviertel.«

Für ihn hat das Kümmern um Bäume einen wichtigen sozialen Aspekt: Es ist ein gesellschaftlicher Kitt, gerade wenn jetzt so viel von Generationenkonflikten die Rede ist. »Wir pflanzen und pflegen heute die Bäume für die Menschen von morgen«, betont er. 

Ein Ahorn an der Elbmündung

Dass sein Leben so stark vom Thema Bäume bestimmt wird, hängt vielleicht mit seiner Kindheit zusammen: Sein Großvater hatte mit ihm einen Ahorn an der Elbmündung bei Cuxhaven gepflanzt. Allerdings existiert der riesige Baum nicht mehr, ein späterer Besitzer des Grundstücks hat ihn nach vielen Jahren abgesägt.

Von derartigen Rückschlägen lässt sich Mathias Schmidt nicht entmutigen, er ist ein ruhiger, beharrlicher Kämpfer. Unermüdlich wirbt er für die »Bäume für Nürnberg Stiftung«, die den baumarmen Stadtsüden und -westen aufforsten will. Ein »Stifterhain« am Wöhrder See erinnert mit frisch gepflanzten Exemplaren an besonders großzügige finanzielle Zuwendungen für dieses Vorhaben. Wer 10.000 Euro zustiftet, für den wird im »Stifterhain« ein Baum gesetzt und sein Name verewigt.

Derartige Spenden sind sehr selten, aber für ihn zählt jeder einzelne Euro. Viele kleine Schritte ergeben schließlich auch einmal eine größere Wegstrecke. Das Faltblatt für den »Stifterhain« wirbt mit einem ugandischen Sprichwort: »Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt.«

Text: Hartmut Voigt
Fotos: Claus Felix

Information

Wer etwas für Bäume in seiner Umgebung tun will, findet Ansprechpartner unter anderem bei den folgenden Adressen, überall sind freiwillige Helfer gesucht:

  • In Nürnberg ist der städtische Servicebetrieb öffentlicher Raum (Sör) für Baumpatenschaften zuständig, Tel. 0911/231-7637.
  • Das Grünflächenamt in Fürth erreicht man unter der Mail: grfa@fuerth.de.
  • In Erlangen können Interessierte sich an die Verwaltung wenden, per E-Mail stadtgruen@stadt.erlangen.de oder telefonisch unter 09131/86-3106. 
  • Den Bund Naturschutz mit dem Arbeitskreis Bäume in der Stadt kontaktiert man per info@bund-naturschutz-nbg.de oder telefonisch unter 0911/457606. 

Über die Bäume für Nürnberg ­Stiftung kann man sich auf der Website ­baumstiftung-nuernberg.de oder per E-Mail informieren: baumstiftung@stadt.nuernberg.de

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