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Das sagen Theologen und Theologinnen

Wir respektieren die Gewissensentscheidung

Sonja Straub ist evangelische Pfarrerin und arbeitet ehrenamtlich in einem Hospiz.

Drei Fragen an die evangelische Pfarrerin Sonja Straub, die unter anderem als Krankenhausseelsorgerin an der Klinik Hallerwiese in Nürnberg gearbeitet hat, Studienleiterin am Predigerseminar war und inzwischen ehrenamtlich in einem Hospiz in Nürnberg arbeitet.

Wie werden Seelsorger und Seelsorgerinnen auf den Umgang mit dem Tod vorbereitet?

Straub: Im Theologiestudium eher auf einer theoretischen Ebene, da geht es zum Beispiel um die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod in den verschiedenen Religionen. Im Vikariat findet eine ganz praktische Ausbildung im Bereich Seelsorge statt, zum einen in der Gemeinde vor Ort, im Krankenhaus, bei Beerdigungen und zum anderen im Predigerseminar. Es geht darum, eigene Erlebnisse mit anderen zu reflektieren, eigene Ängste und Unsicherheiten anzuschauen und sich auch mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen.

Es gibt mitunter den tiefen, verzweifelten Wunsch nach Begleitung bei assistiertem Suizid. Wie weit darf diese Begleitung gehen?

Jedes Leben, auch wenn es von Krankheit und Vergehen gezeichnet ist, hat Würde und soll liebevoll und respektvoll begleitet werden. Das wird in der Palliativmedizin und im Hospiz sichtbar. Die Gäste, die dort sind, werden voller Wertschätzung behandelt, Schmerzen werden gelindert, Wünsche werden, soweit das möglich ist, erfüllt, es ist Zeit zum Zuhören, Begleiten und für einen liebevollen Umgang. Geborgenheit erfahren inmitten von Angst und Ungewissheit. Erinnerungen als Hoffnung spüren. Vertrauen auch im Sterben festhalten: Ich bin nicht allein! Die organisierte geschäftsmäßige Suizid­assistenz wird aus diesen Gründen abgelehnt. Es soll vermieden werden, Druck auf kranke Menschen auszuüben, die sich oft als Belastung für Pflegende sowie für ihre Angehörigen sehen.

Der Sterbeprozess ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Ein vorschnelles Eingreifen verhindert die Möglichkeit, sich unerledigten Lebensthemen zu stellen, klärende Begegnungen zu haben oder eigene Gedanken abzuschließen.

Auf der anderen Seite begleiten wir in der Seelsorge diese Menschen auf ihrem Weg und verurteilen die Entscheidung für eine Suizidassistenz nicht. Wir respektieren diese Gewissensentscheidung und begleiten Angehörige. In Deutschland steht jedem Menschen das Grundrecht auf Selbstbestimmung zu, auch im Hinblick auf das eigene Lebensende.

Wie kann man sich auf seine letzte Stunde vorbereiten?

Cicely Saunders, englische Krankenschwester, Sozialarbeiterin, Ärztin, Begründerin der Hospizbewegung und Pionierin der Palliativmedizin, hat es einmal so formuliert: »Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.« Vor Kurzem verstarb im Hospiz eine Frau. Sie hatte keine Angehörigen. Bei einem Besuch bat sie mich, die Schublade zu öffnen. Da lag ein blauer Ordner. Darin waren viele Klarsichthüllen mit Schriftstücken. »Ich bin vorbereitet!«, sagte sie. Sie hatte ihre Dokumente bereitgestellt, die eigene Traueranzeige für die Zeitung geschrieben. Ein kurzes Testament war da, und mit der Trauerrednerin hatte sie den Text für ihre Trauerfeier bereits durchgesprochen. Beruhigt war sie im Angesicht des Todes. Sie hatte alles geregelt und konnte loslassen.

Es gibt darüber hinaus auch eine spirituelle Seite: Es gibt offene Gespräche mit der Familie, man setzt sich mit den eigenen Ängsten auseinander, es wird Lebensbilanz gezogen, man versöhnt sich mit dem eigenen Leben. Manche sehen sich gemeinsam Fotoalben an und gestalten ganz bewusst den Abschied. Dazu gehört auch, miteinander zu weinen und zu lachen, sich zu erinnern oder auch die Bestattungsfeier zu besprechen, welche Texte, welche Musik, welche Blumen sind gewünscht …

Ich lerne mit jeder neuen Begegnung

Marion Endres ist katholische Pastoralreferentin und arbeitet als Krankenhausseelsorgerin.

Drei Fragen an die katholische Pastoralreferentin Marion Endres. Sie ist Krankenhausseelsorgerin und stellvertretende Bereichsleitung am Klinikum Nürnberg.

Als Klinikseelsorgerin sind Sie auch mit dem Tod konfrontiert, wie sind Sie darauf vorbereitet? Endres: Wir haben eine umfangreiche Qualifikation für unsere Tätigkeit. Bei mir besteht diese aus dem Theologiestudium, der dreijährigen Ausbildung zur Pastoralreferentin und einer zusätzlichen Ausbildung als Klinikseelsorgerin, kurz KSA. Außerdem verfüge ich über eine Weiterqualifikation in »Palliative Care« und als Ethikberaterin. Sowohl die fachliche Auseinandersetzung als auch meine tägliche Arbeit prägen meine persönliche Haltung zu Tod und Sterben. Und ich lerne mit jeder neuen Begegnung dazu.

Es gibt mitunter den tiefen, verzweifelten Wunsch nach Begleitung bei assistiertem Suizid. Wie weit darf diese Begleitung gehen?

Wenn die Frage nach einem selbst herbeigeführten Lebensende gestellt wird, so nehme ich das immer sehr ernst. Der erste wichtige Schritt ist dann, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu schauen, was hinter diesem Wunsch konkret steht. Da kann es ganz unterschiedliche Motivationen geben, von »Ich will mein Leben und auch mein Lebensende völlig selbstbestimmt gestalten« bis hin zu »Ich will meinen Angehörigen nicht zur Last fallen«. Daraus ergibt sich das weitere Gespräch.

Wenn zum Beispiel die Angst vor einem Sterben mit Schmerzen oder anderen unerträglichen Symptomen ein starker Antrieb für diesen Wunsch ist, dann kann schon ein Gespräch über die Möglichkeiten der palliativmedizinischen Begleitung sehr viel Angst nehmen. Die allermeisten Menschen wollen leben, wenn sie eine entsprechende Lebensqualität haben. Dies zu ermöglichen, ist die zentrale Aufgabe insbesondere der Palliativmedizin.

Wenn der Wunsch nach einem assistierten Suizid dennoch weiter fortbesteht, dann bin ich als Klinikseelsorgerin weder Beraterin für die weitere Planung noch sind Krankenhäuser Orte der Umsetzung. Jeder Mensch ist aber frei in seiner Entscheidung und kann sich Unterstützung dafür an anderer Stelle holen. Die Möglichkeit, jede Frage stellen zu dürfen und auch über schwierige Themen sprechen zu können, ist mir wichtig. Das spürt mein Gegenüber sofort. Aus dem Gespräch ergibt sich dann oft eine Klärung. Diese Erfahrung finde ich immer wieder sehr berührend.

Wie kann man sich auf seine letzte Stunde vorbereiten?

Die Antwort auf die Frage, wie ich mich auf mein Lebensende vorbereite, ist sehr individuell. Was mich selbst wirklich trägt, werde ich erleben, wenn es so weit ist. Vielleicht wird manches noch mal ganz anders sein, als ich mir das jetzt vorstelle. Dieser Weg entsteht im Gehen.

Oft gibt das Leben selbst den Anlass, eine eigene Position zu beziehen – wenn etwa ein mir nahestehender Mensch verstirbt und ich unweigerlich mit Sterben, Tod und Trauer konfrontiert bin und Dinge regeln muss. Für manche Menschen ist dies ein wichtiger Impuls, über ihre eigene Endlichkeit nachzudenken. Und nicht wenige unserer Ehrenamtlichen auf der Palliativstation sind durch so ein Ereignis zu ihrer Tätigkeit gekommen, sie erleben dies als großen Gewinn für ihr eigenes Leben.

Ich denke, mit einer ausreichenden Vorsorge kann ich meinen Angehörigen sehr vieles erleichtern und mir selbst vielleicht viel ersparen. Alleine das Ausblenden verhindert plötzliche medizinische Notfälle nicht. Der vermeintliche Wille der betroffenen Person muss dann mühsam gesucht werden. Der größte Vorteil daran, Dinge beizeiten gut zu regeln, ist vielleicht der, dass ich meine Energie dann nicht mehr in nebulösen Sorgen verliere, sondern sie jeden Tag für das Leben zur Verfügung habe.

Der Unterschied zwischen Beenden und Zulassen

Abdulrahman Alhout ist Vorsitzender des Syrischen Islamrats in Deutschland und betreut das Islamische Forum in Nürnberg.

Der aus Syrien stammende Islamgelehrte Abdulrahman Alhout ist Vorsitzender des Syrischen Islamrats in Deutschland, betreut das Islamische Forum in Nürnberg und ist Direktor der Ihsan-Akademie. sechs+sechzig bat ihn um eine Stellungnahme zum Thema Sterbehilfe.

Aus islamischer Sicht besitzt das menschliche Leben eine besondere Würde und gilt als von Gott anvertrautes Gut. Deshalb werden sowohl aktive Sterbehilfe als auch assistierter Suizid grundsätzlich abgelehnt. Im Koran heißt es: »Und tötet euch nicht selbst. Gewiss, Gott ist barmherzig zu euch.« (Koran 4:29)

Diese Aussage wird im Islam nicht nur als Verbot verstanden, sondern auch als Ausdruck eines tiefen Schutzgedankens gegenüber dem Menschen – besonders in Momenten von Schwäche, Krankheit und Verzweiflung. Der Mensch soll nicht das Gefühl haben, dass sein Wert von seiner Leistungsfähigkeit oder seinem Gesundheitszustand abhängt.

Gleichzeitig legt der Islam großen Wert auf Mitgefühl, Schmerztherapie und die würdevolle Begleitung schwerkranker Menschen. Wenn eine Heilung medizinisch nicht mehr möglich ist, kann auf außergewöhnliche oder rein lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet werden, sofern dadurch nicht gezielt der Tod herbeigeführt wird. Der Islam unterscheidet daher zwischen dem aktiven Beenden eines Lebens und dem Zulassen eines natürlichen Sterbeprozesses. Im Mittelpunkt stehen dabei die Menschenwürde, Barmherzigkeit und die Verantwortung füreinander.

Interviews: Raimund Kirch

Alle Beiträge des Themenschwerpunkts:

  1. Im ersten Beitrag erzählt eine 88-Jährige Nürnbergerin von ihrer Entscheidung für einen assistierten Suizid.
  2. Die Unsicherheit nach dem Urteil bleibt: Die Bundesverfassungsrichter haben zum Thema assistierter Suizid entschieden, aber die Politik handelt nicht
  3. Die Medizinerin Dr. Marion von Helmolt begleitet sterbewillige Patienten: »Der Tod kann sich richtig anfühlen«
  4. Viele Schritte führen zum begleiteten Suizid: Vor der tödlichen Injektion sind bürokratische Hürden zu nehmen
  5. Nähe schenken bis zum Schluss: Im Hospiz stehen die Bedürfnisse von Schwerkranken im Mittelpunkt
  6. Was ist der Unterschied zwischen Palliativversorgung und Hospiz?
  7. Jeder muss seine eigene Antwort finden: Gedanken über kulturelle Kämpfe, Moral und mutlose Politiker
  8. Hilfe zum, beim oder im Sterben? Darf der Mensch Gott ins Handwerk pfuschen?
  9. Das sagen Theologinnen und Theologen

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