Anzeige

Literaturauswahl für den Frühling geht ans Herz

In unseren Literaturtipps geht es diesmal ums Gefühl, von der Last des Unglücks bis zur späten Liebe. Zusammengestellt wurden die Buchempfehlungen wie immer von unserer Testleserin Claudine Stauber.

Liebesturbulenzen am Rand der Grube

Es ist keine Vernunftehe und schon gar kein Zweckbündnis im Kampf gegen Einsamkeit und Tod. Hier schreibt eine 80-Jährige so überraschend nüchtern und berührend hellsichtig über die Liebe zu einem 87-Jährigen, dass einen beim Lesen die Rührung packt. In Natascha Wodins Schilderung ihrer späten Liaison mit Friedrich, dem »schönen alten Mann«, der inzwischen hinfällig und schwach ist »wie eine welke Blume«, schwingt großes Erstaunen mit. Dass sie »am Rand der Grube noch in späte Liebesturbulenzen« geraten würde, habe sie nicht erwartet. Doch auch wenn die Zeit begrenzt ist, die den beiden noch bleiben wird, kommt sie zu dem Schluss: »Die Liebe ist das einzige, was im Leben zählt, alles andere ist vergeblich. Ich musste 80 Jahre alt werden, um das zu verstehen.« Natascha Wodin ist als Tochter russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter in Fürth aufgewachsen. Ihre Mutter hat dort Selbstmord begangen, als die Tochter zehn Jahre alt war. Die Angst, Friedrich könne sterben, während sie schläft, rühre aus dieser Zeit, heißt es. Um die Mutter zu retten, die oft angekündigt hatte, sich das Leben zu nehmen, band das Kind nachts einen Strick von deren Knöchel an sein Handgelenk. Es half nicht.

Die späte Liebe und das Alter sind der rote Faden in dem Buch, aber frühe Traumata, die Suche nach ihren russisch-ukrainischen Wurzeln und immer wieder Reflexionen über physische Malaisen verbinden sich mit Rückblenden auf ihr schwieriges Leben zu einem autobiografischen Memorial, das beim Lesen gewaltige Sogwirkung entfaltet. Vor allem Leserinnen und Lesern, die ebenfalls mit dem Alter – oder der späten Liebe – zu tun haben, werden Wodins mutigen Realismus wohl bewundern. Heute lebt die Autorin mit ihrem betagten Partner am Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern, hier entrollt sie ihre Liebesgeschichte. 2017 hatte sie mit dem Buch »Sie kam aus Mariupol« ihren ersten großen und späten Erfolg. Geschrieben hat sie ein Leben lang, auch heute noch vergisst sie am Schreibtisch alle körperlichen Qualen. Ohne Tabus schreibt sie über Tod und Triebe. Und wie sie jeden Morgen beim Aufwachen diese Wahrheit schockiert: »Du bist alt, du wirst bald sterben.«

»Die späten Tage«, Natascha Wodin, Rowohlt Verlag, Hamburg 2025, 24 Euro

Sensible Kopffüßer

Ein dringender Rat vorweg: Gehen Sie nochmal zum Griechen, bevor Sie dieses Buch lesen. Noch einmal frittierte Kalamari mit einem Spritzer Zitrone und Tsatsiki – es könnte gut sein, dass Sie nach der Lektüre keinen Appetit mehr darauf haben. Zu nahe kommen einem diese sensiblen Kopffüßer, in die sich Sy Montgomery, eine amerikanische Naturforscherin und erfolgreiche Sachbuchautorin, schon beim ersten »Rendezvous« rettungslos verguckt. Dass Oktopusse Charakter haben, neugierig sind wie der Teufel und die Kunst der Tarnung wie keine andere Tierart beherrschen, ist nur ein kleiner Teil ihrer faszinierenden Eigenschaften. Ein pazifischer Riesenkrake namens Athena, der im New England Aquarium in Boston lebt, 20 Kilogramm wiegt und 1,50 Meter Spannweite hat, begrüßt die ins Wasser getauchten Arme der Forscherin sofort freundlich und umschlingt sie mit Dutzenden weicher Saugnäpfe. Das Tier erschmeckt ihre Haut und versucht am Ende sogar, sie sanft ins Becken zu ziehen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Mit insgesamt drei weiblichen Exemplaren dieser Gattung wird Montgomery besonders vertraut. Tintenfische leben nur ein bis drei Jahre, nach der Eiablage sterben sie. Dennoch kann man den tiefen Schmerz der Autorin über jeden Abschied nachvollziehen. Ihr gelingt es, wissenschaftliche Fakten so lebendig wie präzise zu berichten und dabei die Emotionen der Meerestiere nicht aus den Augen zu verlieren, ganz ohne sie zu vermenschlichen. Witzig und sehr amerikanisch: Das Liebesspiel zweier Kraken wird im Aquarium von Seattle als von herzförmigen Lämpchen beschienenes Blind-Date vor großem Publikum inszeniert. Was die Wirbellosen allerdings nicht von leidenschaftlichen Umarmungen abhält.

»Rendezvous mit einem Oktopus«, Sy Montgomery, Diogenes Verlag, Zürich 2017, Taschenbuch 15 Euro

Flucht vor der Last des Unglücks

Ein Hammer, der von einem Hochhausbalkon fällt und einen Jungen tötet. Ein Verdacht, der sich sofort gegen den arabischen Arbeiter richtet, der den Balkon renovieren sollte. Ein fatales Schweigen, das Naomi, Mutter eines Kleinkindes, erst nach drei Tagen bricht. Ihr Sohn Uri hat den Hammer versehentlich hinuntergeschubst. Die Grundzutaten zu Ayelez Gundar-Goshens Roman vermischen sich schon auf den ersten Seiten zu einem fesselnden Stoff, der einen das Buch nicht mehr so schnell aus der Hand legen lässt.

Wie beim Domino-Spiel zeigen die fatalen Folgen des tödlichen Unfalls nach und nach, wie tief der Rassismus in der israelischen Gesellschaft verankert und wie scheinbar unausweichlich die Dynamik aus Lüge, Schuld, Vorurteil und Rache ist. Zwar rettet Juval, Naomis Mann, den Sohn des Arabers danach vor einem zum Lynchmord bereiten Mob. Doch als er den Geretteten zusammen mit Naomi nach Hause in sein arabisches Dorf fährt, wird deutlich, dass keiner dem anderen über den Weg traut. Der in so vielen Jahren mit Hass und Gewalt aufgeladene Nahostkonflikt vergiftet jede Begegnung, Naomi kann das angebotene Essen der arabischen Familie nicht hinunterbringen, ihr Mann wird von einem Rudel wilder Hunde blutig gebissen.

Keine dieser in ihrem Drama gefangenen Figuren wird einem besonders sympathisch. Ihre unausgesprochenen Konflikte skizziert die Autorin, die auch Psychologin ist und nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 mit Traumatisierten gearbeitet hat, mit beklemmender Schärfe. Die jüdische Mittelschichtsfamilie aus dem Hochhaus versucht schließlich, der Last der Schuld in Nigeria zu entkommen, wo Juval für den israelischen Geheimdienst arbeitet. Das Geschehen verlagert sich von Israel nach Lagos, doch das Domino-Spiel ist damit noch lange nicht zu Ende.

»Ungebetene Gäste«, Ayelez Gundar-­Goshen, Kein&Aber Verlag, Zürich 2025, 25 Euro

Telefonische Konsultationen

Man muss sich ein wenig hineinfinden in die Erzählweise dieser dänischen Autorin, die hier ihren dritten Roman vorlegt. Christina Hesselholdt, Jahrgang 1962, berichtet lakonisch, aber mit leiser Ironie von einem Geschwisterpaar, das an unterschiedlichen Wendepunkten angelangt ist. Gustava, Mitte 50, Psychiaterin und Medizinerin, ist erschöpft vom Leid ihrer Klienten, der Sorge um den Bruder und den elterlichen Forderungen. Sie will sich im norwegischen Tromsö das Leben nehmen. Ihr jüngerer Bruder Mikael, der seit vielen Jahren verschanzt in seinem Haus lebt, will das verhindern. Ohne den Kontakt zur Schwester wäre er vollkommen verlassen.

Als sie sich im hohen Norden doch gegen den Tod und für eine Reise nach Venedig entscheidet, fliegt er hinterher. In seiner Tasche liegt ihr Abschiedsbrief, den Suizid seiner »Arztschwester«, auf deren telefonische Konsultationen er angewiesen ist, muss er um jeden Preis verhindern. Ein anonymer »Erzähler« kommentiert das Geschehen immer wieder von der Seitenlinie aus, auch Bruno, Mikaels Putzhilfe, darf seinen Senf dazugeben und die eine oder andere Wahrheit in Frage stellen. Ein literarischer Kniff, Metafiktion genannt, der immer wieder unerwartete Perspektivwechsel erlaubt. Und warum eigentlich Venedig? Gustava ist nach Thomas Manns Tod-in-Venedig-Figur Gustav Aschenbach benannt, der sich in den schönen Tadzio verliebt und in der Lagunenstadt an Cholera stirbt. Die Geschwister in »Venezianisches Idyll« bewegen sich, er auf der Suche nach ihr, auf den Spuren Aschenbachs durch die theatralischen Kulissen, bis am Ende alles anders kommt.

»Venezianisches Idyll«, Christina Hesselholdt, Hanser Literaturverlage, München 2025, 24 Euro

Alle Buchempfehlungen: Claudine Stauber

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zum Inhalt springen