Anzeige

Erinnerungen sind das wertvollste Erbe

Für Kursteilnehmerin Ulrike Fuchs ist Schreiben etwas Heilsames. statt.

In einem Seminarraum der Nürnberger katholischen Bildungsstätte Caritas-Pirckheimer-Haus (CPH) sitzen sechs ältere Menschen und diskutieren über einen Text. Es sind nicht irgendwelche Zeitungsartikel oder Kurzgeschichten, sondern Lebenserinnerungen, die die Senioren zu Papier gebracht haben. Teilweise sind es sehr persönliche Schilderungen, da ist Vertrauen nötig, um sie den Zuhörern vorzulesen.

Die Schwanstettener Autorin und ehemalige Lehrerin Ingeborg Höverkamp bietet seit einem Vierteljahrhundert eine Schreibwerkstatt an. Es geht darum, die eigene Biografie in Worte zu fassen, bei den monatlichen Treffen über die entstandenen Texte zu diskutieren und an den Sätzen zu feilen. Viele Teilnehmer wollen ihre Lebensbeschreibung den Nachkommen weitergeben: »Sie können ihren Kindern und Enkeln nichts Wertvolleres hinterlassen als die Familiengeschichte«, meint die 79-jährige Kursleiterin und ermuntert die Runde, über die verschiedenen Stationen im eigenen Leben nachzudenken: »Der Erzählstoff schlummert ungeordnet in einem selbst, und ich sehe es als meine Aufgabe an, Ordnung reinzubringen.« Ordnung und eine gewisse erzählerische Spannung. Denn das bloße Aufzählen von Ereignissen nach dem Motto »Nach der ersten Klasse besuchte ich die zweite …« macht den Leser bestimmt nicht neugierig. Die Erinnerungen interessant zu formulieren, dafür hat die Schriftstellerin reichlich Erfahrung sowie ein Gespür für Menschen und Situationen. »Wir profitieren viel von den Finessen und Tricks unserer professionellen Autorin«, sagt Kursteilnehmer Erich Ameseder.

Märchenhafte Aufgaben

In der Schreibwerkstatt des CPH in Nürnberg lernen Ältere, ihre Biografie zu erzählen, Ingeborg Höverkamp leitet die Schreibwerkstatt.

Als ehemaliger Lehrer weiß er, dass man trotz langer Lebenserfahrung immer noch dazulernen kann. So flicht er in seinen Text manchmal direkte Rede oder Gespräche ein, um das Geschriebene lebendiger zu machen. Gelegentlich fordert die Kursleiterin die Fantasie der Gruppe, wenn sie abseits der konkreten Lebensbeschreibung ungewöhnliche, etwas märchenhafte Aufgaben stellt: So sollen die Teilnehmer eine Unterhaltung zwischen einem Teddy und einem Stoffäffchen im Kinderzimmer schildern.

Oder Schriftstellerin Höverkamp gibt – ganz ehemalige Lehrerin – als Hausaufgabe einen Aufsatz zu Themen wie »Eine schöne Überraschung« oder »Ein schwerer Schicksalsschlag« auf. Über die Texte spricht die Gruppe dann beim nächsten Treffen. Manche verlassen den Kurs nach einem Semester, Ameseder ist dagegen seit über fünf Jahren bei der Schreibwerkstatt – und er hält sein Leben für »noch nicht auserzählt«. Ihm fallen immer wieder neue Episoden ein. Außerdem ist es für den 75-Jährigen spannend, Berichte von Gleichaltrigen zu hören: »Wir sind Zeitzeugen der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus. Da gibt es so viel Interessantes zu erfahren.«

Das Gehirn kommt in Schwung

Kursteilnehmerin Elizabeth Ellis erinnert sich beispielsweise noch genau an eine bestimmte Situation ihrer Kindheit in England: »An dem Tag, als die Zucker­rationierung aufgehoben wurde, durften wir Süßigkeiten in der Schule essen, was sonst verboten war.« Zuhause wurde der Schokoladenriegel in vier Teile geschnitten, jedes Familienmitglied durfte sich ein Stückchen nehmen. »Das war etwas Besonderes, wir lebten damals sehr bescheiden«, meint die gelernte Übersetzerin, »das kann man sich bei dem heutigen Überfluss gar nicht mehr so leicht vorstellen.« Ellis beteiligt sich an dem Kurs im Caritas-Pirckheimer-Haus, weil »ich gerne über die Vergangenheit nachdenke, aber allein zu faul dazu bin.«

Im Kreis von Gleichgesinnten kommt das Gehirn in Schwung: Was hat mich stark bewegt? Was hat sich mir bis heute eingeprägt? Woran denke ich gerne zurück, woran weniger? Die Anmerkungen der anderen bringen sie ein Stück weiter. Die frühere Sozialwirtin Ulrike Fuchs macht mit, weil sie im Formulieren eine therapeutische Wirkung sieht: »Für mich ist Schreiben etwas sehr Heilsames. Konflikte lockern sich, nicht verarbeitete Dinge lösen sich auf. Mir wird bewusst, was mich bedrückt, aber auch, was mir Freude bereitet.«

»Manchmal geht es ans Eingemachte, es kann auch verletzen«, führt der einstige Kunsterzieher Thomas Wiedemann den Gedanken weiter, »über die eigene Scheidung schreibt man nicht so gern. Aber wie kam es dazu?« Zu seiner damaligen Ehefrau hat er heute ein gutes Verhältnis, betont der Rentner, doch etwas beschäftigt ihn bis heute: »Unsere jüngere Tochter hat mich nach der Scheidung immer gefragt: ›Magst du die Mama noch?‹ Denn sie liebte doch ihre beiden Eltern.«

Für offene Gespräche braucht es Vertrauen

Für diese sehr privaten Schilderungen ist Platz im Gruppengespräch. Dazu braucht es das Vertrauen untereinander, Geduld und Respekt beim Zuhören und eine Empathie, die im Lauf der Zeit gewachsen ist. »Schreiben ist Leben«, bringt es Ingeborg Höverkamp auf den Punkt, die ihrem Kurs den Titel »Die Heilkraft der Erinnerung« gegeben hat. Mittlerweile hat ihre Schreibwerkstatt »Silberjubiläum«, wie sie lächelnd anmerkt: Vor 25 Jahren hat sie damit begonnen und ihr Angebot stößt bis heute auf ein interessiertes Echo – meist bei Menschen im Rentenalter, denen es wichtig ist, sich im Rückblick intensiver mit dem Auf und Ab im eigenen Leben zu beschäftigen. »Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es so lange weitergeht«, sagt die Kursleiterin, »aber es macht mir Freude – und den Teilnehmern auch.« Ihre eigene Biografie hat die 79-Jährige schon vor längerer Zeit verfasst.

Das Buch »Zähl nicht, was bitter war« ist allerdings vergriffen. Doch der Titel lässt ihre Einstellung zum Leben erkennen. »Viele alte Leute klagen über ihren Alltag«, merkt Höverkamp an, »aber ich konzentriere mich auf das Positive: dass die Sonne scheint, dass die Blumen blühen …«. An dieser Haltung arbeitet sie täglich. CPH-Direktor Siegfried Grillmeyer freut sich, dass mit diesem Angebot über die Jahre ein fester Kreis gewachsen ist, der Begegnung und Geselligkeit mit der Fortbildung im Schreiben verbindet. »Unsere Namenspatronin, die Äbtissin Caritas Pirckheimer, hat mehrfach betont, wie sehr beim Niederschreiben des Erlebten sich die Dinge erst einsortieren und deuten lassen. Heute würde man vielleicht formulieren, dass die beste Form zu reflektieren das eigene Schreiben ist.« Das werde in der Schreibwerkstatt in ganz besonderer Weise umgesetzt.

Text: Hartmut Voigt
Fotos: Michael Matejka

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zum Inhalt springen