Pfarrer Peter Seidel während der Andacht im Stift St. Lorenz. Foto: Steven Himmelseher

Wie spricht man mit Menschen, die manchmal alles vergessen, über Gott? Jeden zweiten Mittwoch kommt Pfarrer Peter Seidel ins Rummelsberger Stift St. Lorenz in Nürnberg, um einen speziellen Gottesdienst zu halten. Eine Feier mit Frauen und Männern, die sich besser an ihre Kindheit als an das letzte Frühstück erinnern. Sie leben im Erdgeschoss der Pflegeeinrichtung der Rummelsberger Diakonie in der Nürnberger Innenstadt, in einem sogenannten beschützenden Bereich. Die Demenz lässt sie viel vergessen, doch das Vaterunser ist tief verwurzelt im Gedächtnis der Gläubigen. Die meisten sprechen es im Gottesdienst mit.

Seit zwei Jahren hält Pfarrer Seidel die Andacht. Gemeinsam mit Simone Blaufelder vom gerontopsychiatrischen Fachdienst schmückt er zunächst den mobilen Altar mit Blumen und Kerzen. Wenn sie ihn in den großen, hellen Aufenthaltsraum fahren, sitzen dort meist schon einige Bewohnerinnen und Bewohner. Simone Blaufelder schaltet den Kühlschrank im Aufenthaltsraum aus, damit nichts die andächtige Stimmung stört. „Guten Tag Frau Müller“, sagt der Pfarrer, der jeden mit Namen begrüßt. Er geht reihum durch den Raum. Manche Gottesdienstbesucher sitzen auf Stühlen vor dem Altar, eine Dame liegt in einem „Cosy Chair“. Jeder kann so am Gottesdienst teilnehmen, wie es für ihn am besten ist.

Nach dem Begrüßungsritual klingen Glocken durch den Raum. Zwar keine echten, aber der Klang ist derselbe. Eine kleine Box auf dem mobilen Altar macht es möglich. Pfarrer Peter Seidel hält einen Wegweiser in der Hand. Damit visualisiert er das Thema seiner Predigt. Er spricht über Wege, Lebenswege. Wie man sich verlieren und wie man seinen Weg wiederfinden kann.

Feste Struktur ist wichtig

Der Inhalt der Predigt variiert, der Rest des Gottesdienstes bleibt immer weitestgehend gleich. Feste Bestandteile sind der Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“), das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. „Die feste Struktur ist wichtig“, sagt Pfarrer Seidel. So erkennen die Bewohnerinnen und Bewohner nach und nach den Ablauf wieder. Die Struktur gibt den Frauen und Männern Sicherheit und bringt Ruhe in die kleine Gemeinde. Nach 20 Minuten klingen wieder die Glocken und Pfarrer Seidel verabschiedet sich von allen persönlich. Ein längerer Gottesdienst wäre für die Seniorinnen und Senioren zu anstrengend.

Möglich ist das besondere Angebot nur durch das ehrenamtliche Engagement von Peter Seidel. Er war Pfarrer in Roßtal, ist inzwischen aber im Ruhestand. Die Bewohnerinnen und Bewohner im Rummelsberger Stift St. Lorenz sind ihm ans Herz gewachsen. „Der Gottesdienst ist bisher kein einziges Mal ausgefallen“, sagt Seidel. Die Frauen und Männer danken es ihm direkt oder indirekt. Ob sie sich erinnern oder nicht: Anscheinend fühlen sie nach der Feier, dass etwas Vertrautes und Schönes passiert ist. „Viele Gottesdienstbesucher sind nach der Andacht entspannter“, sagt Mitarbeiterin Simone Blaufelder.

Jana Küchler