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Der Lieblingsgegner der Atomlobby

Es ist die wiederkehrende Kernfrage eines jeden Journalisten: Was ist wirklich neu? Wer kontinuierlich über ein Thema wie die Umweltpolitik berichtet, kommt zu der ernüchternden Antwort: Die scheinbar neuen Probleme sind die alten. Leider, meint Herbert Fuehr. Vier Jahrzehnte lang schrieb der frühere Redakteur der Nürnberger Nachrichten über die bedrohte Ökologie, 20 Jahre davon als Ressortleiter Innenpolitik. Kürzlich erschien ein Buch mit seinen Kommentaren, illustriert mit den unübertroffenen Karikaturen Horst Haitzingers.

Ein beschauliches Bächlein verwandelt sich urplötzlich in einen reißenden Strom. Das erleben wir selbst in unserer gemäßigten Klimazone immer häufiger. Anwohner schleppen Sandsäcke herbei, um der Katastrophe gegenzuhalten. Katastrophe? »Die zornige Natur – Folgen versiegelter Landschaften« titelte Herbert Fuehr. Ein Vierteljahrhundert ist das her. »Die Themen sind von außerordentlicher Aktualität«, sagte Hubert Weiger kürzlich bei der Vorstellung des Buches. Der Vorsitzende des Bund Naturschutz hatte den Journalisten selbst ermuntert, zusammen mit dem BN diese Chronik zu veröffentlichen.
Flächenverbrauch, Bodenversiegelung: Nicht nur bei der Zeitungslektüre mit solchen Schlagwörtern kommt es dem Leser so vor, als habe sich seit Jahrzehnten nichts zum Besseren getan. »Ich wurde gefragt, warum ich überhaupt noch schreibe, es ändere sich ja doch nichts«, erzählt der Autor. Doch er blieb hartnäckig. »Mir hat geholfen, dass ich in vielem Recht behalten habe.«

Dokument der Zeitgeschichte

Eigentlich in fast allem, muss man feststellen, wenn man die über vier Jahrzehnte zurückreichenden Kommentare liest. Eine Einschränkung macht der Rentner und heutige Vorsitzende der Kreisgruppe Erlangen des Bund Naturschutz: »Beim Waldsterben lag ich daneben. Das ist so nie eingetroffen.« Damit befand er sich freilich in zahlreicher Gesellschaft. Bekanntlich lagen bei dieser traurigen Vision alle daneben, von Wissenschaftlern bis zu Forstleuten. Doch selbst dieser Irrtum war letztlich ein Glück für die Natur: Ohne das Horrorszenario des sterbenden Waldes wäre die Industrie nie verpflichtet worden, Rauchgasentschwefelungsanlagen einzubauen, meinen die Umweltbewegten.

Spannende Geschichten hat Fuehr auch aus der Hochzeit der Atomenergie zu berichten: Damals wurde er unter anderem von der Atomlobby scharf angegriffen; die Kraftwerk Union (KWU), wollte ihn auf Linie bringen: Kernkraft sei saubere Energieerzeugung und sichere massenhaft Arbeitsplätze. »Die hatten alternative Fakten geschaffen. Aber die Jobs, das war das Totschlagargument«, sagt Fuehr. »Dabei bringen die erneuerbaren Energien heute weitaus mehr Arbeitsplätze als die AKW.«
Die Lobbyisten und die meisten Politiker diffamierten die Ökologie jahrelang als Wachstumsbremse. Die Industrie hätte dem, »der unsere Arbeit madig macht«, am liebsten das Schreiben verbieten lassen. Doch die Chefredaktion der Nürnberger Nachrichten dachte gar nicht daran, sondern stärkte ihrem Redakteur den Rücken.
Die KWU hatte damals 100 Kernkraftwerke plus Schnelle Brüter bauen wollen, was glücklicherweise nie umgesetzt wurde. »Bayern war damals das führende Atom-Bundesland«, erinnert Weiger. »Die CSU stand ohne Wenn und Aber zur Atompolitik.«

Doch auch ohne strahlende Nuklearindustrie bleibt die konventionelle Stromerzeugung ein Kampfthema. Weiger: »Man braucht heute nur Atomkraftwerk zu ersetzen durch Kohlekraftwerk. Unsere Forderungen nach Abschaltung sind dieselben.«
Ohne Hubert Weiger wäre Ex-NN-Redakteur Fuehr wohl nie auf die Idee gekommen, seine Chronik zu veröffentlichen. Doch der Vorsitzende des Bund Naturschutz Bayern habe ihn dazu überredet. Aus der Sicht des Verbands bestand die große journalistische Leistung auch darin, die Folgen von Gesetzesvorhaben zu entlarven, wie etwa in einem Kommentar von 1986: »Chance vertan – Halbherzige Artenschutznovelle«.

Weiger sagt: »Als Dokument der Zeitgeschichte zeigt dieses Buch die Versäumnisse im Umgang mit den großen Umweltproblemen auf, die uns heute und morgen teuer zu stehen kommen – aber auch mögliche Lösungen. Mit Herbert Fuehr und Horst Haitzinger haben sich hier zwei prägnante Stimmen zusammengefunden, die unerlässlich sind, um das Bewusstsein für die Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu schärfen.«

Angela Giese
Foto: NN-Archiv / Michael Matejka

Herbert Fuehr: »Erzwungene Einsichten. Eine Chronik zu vier Jahrzehnten Umweltpolitik.« Mit Karikaturen von Horst Haitzinger, 144 S. Oekom-Verlag. 19 Euro.

inviva-Tipp:
Herbert Fuehr liest am 1. März um 12 Uhr im Raum Tunis aus seinem Buch.

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