Karin Engel erfüllt Älteren den Wunsch nach körperlicher Nähe.

Karin Engel erfüllt Älteren den Wunsch nach körperlicher Nähe.

Die Sache ist intim. Sehr intim sogar. Trotzdem werben Karin und Erika offensiv dafür. Mit orange-roten Flyern weisen sie auf ihre Dienstleistung hin. Karin Engel, die 52-Jährige mit den schulterlangen dunklen Haaren und der sanften Stimme, und Erika, die 60-Jährige mit den kurzen Haaren und der Rubensfigur, verteilen ihre Flyer auf Messen, in Heimen, bei Vorträgen. Es ist keine Fußpflege und kein Essen auf Rädern, was da feilgeboten wird – aber es spricht ebenso ein menschliches Bedürfnis an. Denn Erika und Karin bieten körperliche Nähe an: Sie sind qualifizierte Sexualbegleiterinnen.

»Jeder Mensch hat ein Recht auf Sexualität«, sagt Erika bestimmt. »Und Nähe braucht auch jeder – egal ob ein Baby oder ein alter Mensch.« Deshalb haben die beiden Frauen sich auf den Weg gemacht: Sie helfen Senioren und Menschen mit Behinderung dabei, ihre Sexualität auszuleben. Und zwar meist unter erschwerten Bedingungen – körperliche Gebrechen, psychische Beeinträchtigungen, Demenz, ein Platz im Alten- oder Pflegeheim, der oft wenig Privatsphäre zulässt. »Wir sind Pioniere auf unserem Gebiet«, sagen beide.

Vor drei Jahren haben sie sich zu Sexualassistentinnen weitergebildet. In Nürnberg hatten damals die Familienberatungsstelle pro familia und Kassandra, der Verein für Sexarbeit, ein Modellprojekt auf die Beine gestellt: Ein halbes Jahr lang wurden Interessenten in abendlichen Fortbildungen auf den (sexuellen) Umgang mit behinderten und alten Menschen vorbereitet. Das Seminar bestand aus neun Modulen – von Hygienevorschriften über Behinderungsbilder und Erkenntnisse der Alterswissenschaft bis hin zu den rechtlichen Grundlagen der Sexarbeit. Hebe- und Lagerungstechniken standen auf dem Stundenplan, medizinisches Wissen über Schlaganfall und Herzinfarkt, auch die Rahmenbedingungen in Pflegeheimen waren Thema. Und eben immer wieder die Frage: Wie kann Sexualität unter diesen Umständen gelebt werden?

Fehlender Raum für Intimität

Laut einer Studie der Universität Leipzig aus dem Jahr 2006 stehen zwei Drittel der älteren Menschen (61 bis 75 Jahre) Sex keineswegs gleichgültig gegenüber. Selbst unter den 75-Jährigen verspüren noch 61 Prozent der Frauen und 58 Prozent der Männer regelmäßig sexuelles Verlangen. Das lässt auch nicht plötzlich nach, nur weil eine Krankheit dazukommt oder der Umzug in ein Heim ansteht. Fehlender Raum für Intimität kann dann zu Problemen führen. Das erleben auch Karin und Erika bei ihren Kunden: Die eine berichtet von einem Senior, der sich im Altenheim immer wieder bei offener Zimmertür entblößt und schon mal das Pflegepersonal »befummelt«. Die andere erzählt von einem 82-Jährigen im Rollstuhl, der nachts laut wird, aggressiv ist und um sich schlägt. »Das war sein Ausdruck dafür, dass ihm körperliche Nähe fehlte«, sagt Erika.

In beiden Fällen wandte sich das Pflegepersonal an die Sexualbegleiterinnen. Ohnehin kommen die Kontakte meist über Angehörige oder Pflegekräfte zustande. Per Telefon oder E-Mail wird vorsichtig angefragt, was das Angebot umfasse. Beide Frauen bieten den potenziellen Kunden ein unverbindliches und kostenloses erstes Treffen an, bei dem man zusammen Kaffee trinkt, sich kennenlernt und entscheidet: Stimmt die Chemie? Ist man sich sympathisch? »Bei diesen ersten Treffen sind immer alle aufgeregt«, erzählt Karin. »Ich auch. Ich weiß ja vorher auch nicht, wer da kommt.« Werden die Dienste der Sexualbegleiterinnen gewünscht, wird ein Termin vereinbart.

Und dann? »Es findet alles statt, was möglich und gewünscht ist«, sagt Karin. Streicheln, Zärtlichkeiten und ja, auch Geschlechtsverkehr. Aber das sei die Ausnahme; der Akt stehe eher im Hintergrund. »Viel wichtiger ist die Nähe: das Fühlen, das Spüren, mal wieder eine Frau im Arm halten«, erzählt Erika. Mit einem ihrer Kunden hat sie anfänglich nur getanzt – »das hat ihm schon gereicht«. Schließlich dürfe man nicht vergessen, mit welcher Generation man es zu tun hat. »Die Bussi-Bussi-Gesellschaft kennen die nicht. Auch offen über Sexualität zu reden, fällt vielen schwer. Sie sind einfach anders erzogen.« Menschlichkeit, Vertrauen, Zeit für Gespräche seien deshalb das A und O. »Wir haben da auch eine soziale Funktion«, meint Erika.

Hauptberuflich in der Altenpflege

Karin Engel und Erika haben eine Vergangenheit als Prostituierte, Erika arbeitet inzwischen hauptberuflich in der Altenpflege. Im wahren Leben tragen sie andere Namen; ihre Identitäten möchten sie schützen. Denn Sexarbeit und Sexualität im Alter sind immer noch Tabu-Themen. Wie offen sind also insbesondere Heime für ein solches Angebot? Die beiden Frauen berichten von durchweg positiver Zusammenarbeit: »Durch die Fortbildung hat unser Angebot einen seriösen Touch erhalten. So tun sich manche leichter, sich an uns zu wenden.«

Auch Monika Strobel vom NürnbergStift betont: »Grundsätzlich hätten wir keine Bedenken, die Dienste der Sexualbegleiter für unsere Bewohner in Anspruch zu nehmen.« Im Moment gebe es zwar keine sexuell Auffälligen in den vier Wohn- und Pflegeheimen des NürnbergStift, aber auch hier kennt man Fälle, in denen Senioren übergriffig werden – auf andere Bewohner oder Pflegekräfte. Deshalb ist Sexualität im Alter ein Thema, das im NürnbergStift »ganz aktiv diskutiert« wird, so Strobel, die für Personal und fachliche Fragen zuständig ist. Immer wieder bietet man den Mitarbeitern Fortbildungen in diesem Bereich an; außerdem steht Alterssexualität für angehende Pflegekräfte expliziert im Lehrplan des zweiten Ausbildungsjahres. Dabei wird nicht nur besprochen, welche Bedeutung Lust im Alter hat und wie man damit umgeht, sondern auch, wo die Grenzen der Pflegenden liegen und wie man sie wahrt.

Entlastung für Angehörige

Die Sexualbegleiter sind insofern auch eine Entlastung für Angehörige und Personal. Nicht selten bekommen Erika und Karin zu hören: »Schön, dass Sie da sind! Jetzt ist der Herr wieder eine Weile ruhig und ausgeglichen.«

Auffällig ist, dass es in den Erzählungen stets um Männer geht. Und die Frauen? Immerhin zeigte sich bei den Befragungen der Universität Leipzig, dass die Mehrheit der Seniorinnen bis Ende 70 sexuelle Wünsche und Fantasien hat. Trotzdem geben bei den über 60-Jährigen nur ein Viertel der Frauen an, noch sexuell aktiv zu sein – im Vergleich zu 58 Prozent bei den Männern.

Einer, der ein Lied davon singen kann, ist Hans Glück. Er hat zusammen mit Erika und Karin die Fortbildung zum Sexualbegleiter absolviert. Im gemeinsamen Flyer der drei präsentiert er sich mit einem charmanten Lächeln und kurzen grauen Haaren; steht man ihm gegenüber, fallen sofort die blauen Augen auf. Trotzdem: Gebucht wurde er von Frauen bisher noch nicht. Der 62-Jährige glaubt zu wissen, woran das liegt: »Frauen bringen einfach nicht das Selbstbewusstsein auf zu sagen: ›Ich will Sex.‹« Männern werde ein solches Bedürfnis zugestanden, Frauen nicht: »So weit ist unsere Gesellschaft noch nicht. Oder können Sie sich eine ältere Dame vorstellen, die zu ihrem Sohn, der womöglich das Geld verwaltet, sagt: ›Jetzt bestell mir mal einen Sexualbegleiter!‹?«
Erfahrungen in der Sexualassistenz hat Hans Glück, der früher in der Behindertenarbeit tätig war, trotzdem. Von einem Pflegeheim in Frankfurt am Main wurde er für einen Mann Anfang 70 gebucht – beginnende Demenz, schwul, ungeoutet. »Er war zur See gefahren und hatte seine Orientierung sein ganzes Leben lang geheim gehalten«, erzählt Hans. »Bis er übergriffig wurde auf einen Pfleger.« Hans Glück besuchte den Senior eine Zeitlang regelmäßig – mit Erfolg. Der Mann sei deutlich umgänglicher geworden, wurde ihm berichtet.

Wenn Hans davon erzählt, spricht er auch ein anderes heikles Thema an: Dieser Kunde hatte glücklicherweise ein Einzelzimmer und ein relativ breites Pflegebett, »da konnten wir ganz gut zusammenkommen«. Oft allerdings fehlten in den Einrichtungen Rückzugsräume für Intimitäten, bemängeln die drei Sexualbegleiter. Schon bei einem Zwei-Bett-Zimmer geht nichts ohne die Hilfe der Pflegekräfte, die dann für »reine Luft« sorgen müssen.
Auch einen weiteren Knackpunkt ihrer Arbeit verschweigen sie nicht: Es scheitert oft am Finanziellen. Ein Besuch der Sexualbegleiter kostet etwa 150 Euro pro Stunde; das kann sich kaum ein Senior jeden Monat leisten. »Viele meiner Kunden treffe ich nur zwei- bis dreimal pro Jahr«, erzählt Karin Engel.

Der Bedarf ist da

Während sie sich mehr auf die Sexualbegleitung für behinderte Männer allen Alters verlegt hat, sind Erikas Kunden von 66 bis über 90 Jahre alt und leben meist in Seniorenheimen oder betreutem Wohnen. Etwa 100 Interessenten hatte sie in den vergangenen drei Jahren; ihr Kundenkreis reicht bis nach Ansbach und in den Bayerischen Wald. »Wir hatten auch schon Anfragen aus Würzburg, Köln oder gar Berlin«, ergänzt Karin. Der Bedarf ist also da. Nicht umsonst werden Kassandra und pro familia die Fortbildung in Sachen Sexualbegleitung in diesem Jahr zum dritten Mal anbieten – und zwar für Interessenten aus ganz Deutschland.

Auch Monika Strobel vom NürnbergStift prognostiziert, dass die Bedeutung des Themas Alterssexualität weiter zunehmen wird: »Die nächste Generation, die zu uns in die Heime kommt, bringt ganz andere Erfahrungen und Erwartungen mit. Die haben die sexuelle Revolution schon miterlebt.« Außerdem werde die Problematik Demenz immer mehr in den Mittelpunkt rücken. Schon jetzt ist etwa die Hälfte der Bewohner des NürnbergStifts von der Krankheit betroffen.
Dabei erhält das Thema Sexualität in Kombination mit Demenz noch mehr Brisanz: Mit zunehmender Krankheit fallen oft die Hemmungen, Sexualität rückt wieder mehr in den Mittelpunkt. Sexualbegleiterin Erika berichtet etwa von einer dementen Seniorin, die plötzlich danach verlangte, mit ihrem Sohn zu schlafen – denn die Krankheit hatte sie um einige Jahre zurückversetzt, auch in ihrem Sexualverhalten, und der Sohn ähnelte dem verstorbenen Gatten sehr.
Gleichzeitig ist es im Falle einer Demenz nicht einfach zu entscheiden, ob und welchen sexuellen Kontakt der oder die Betroffene will. »Da muss man ein guter Beobachter sein«, weiß Erika, der das Thema am Herzen liegt und die sich dazu privat weiterbildet. »Ich sehe an den Augen, wie jemand reagiert.« Menschenkenntnis also, und behutsames Vortasten. Demente verwickelt sie oft in ein Gespräch über früher, »nach dem Motto: Damals waren Sie doch auch sexuell aktiv…«.

Sie erfährt natürlich viel Privates, viele Lebensgeschichten, ist näher an den Menschen dran als manch Angehöriger. Ihr ist es schon passiert, dass ein Kunde sie zurückwies, weil er plötzlich Angst bekam, dass seine Frau eifersüchtig werden könnte – obwohl diese bereits verstorben war. Ebenso betreut sie einen dementen Mann, der sie als eine von wenigen Personen immer wiedererkennt und sie »in die familiäre Richtung schiebt«.

Solche Erlebnisse sind es, die Hans Glück zu der Überzeugung bringen: »Mit unserem Angebot können wir die Lebensqualität der Leute entscheidend verbessern.« Aber er hat auch die Gesamtgesellschaft im Blick: Sexualbegleitung habe schon dann etwas erreicht, wenn das Thema nicht mehr unter den Teppich gekehrt wird, wenn die Öffentlichkeit darüber spricht, wenn Alterssexualität »hoffentlich irgendwann kein Tabu mehr ist«. Und dann gibt er noch mit einem Augenzwinkern zu, dass er die Pionierarbeit nicht ganz uneigennützig leistet. Denn: »Wenn ich mal ein Pflegefall bin, möchte ich auch noch meinen Spaß haben dürfen.«

Annika Peißker