RESSORT: sechs+sechzig DATUM: 21.07.15 FOTO: Michael Matejka MOTIV: Garderobendamen im Schauspielhaus v.l. Christine Heide, Erika Klebl und Elfriede Stolle. ANZAHL: 1 von 8 "Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung"

Foto: Matejka

Die Türen gehen ein wenig auf, wenn der erste Applaus zu hören ist. Einige supereilige Besucher des Theaterstücks huschen hinaus, um als erste an der Garderobe ihre Jacken abzuholen. Im Opernhaus dagegen gelten andere Regeln, erzählt Christine Heide. »Dort warten wir mit dem Öffnen, bis der letzte Vorhang gefallen ist.«

Christine Heide hat einiges zu erzählen, schließlich feiert sie im nächsten Jahr ihr 30. im Staatstheater. Über eine Annonce war sie 1986 an diese Abendarbeit geraten. Zunächst schenkte sie an der Theke Sekt aus, dann wechselte sie in die Bereiche Garderobe und Einlass. Da erlebe man Geschichten von Menschen, die sich als Stammgäste ausgeben und »ganz ausnahmsweise« ihre Eintrittskarten zu Hause liegenließen und nun »bitte, bitte« Einlass begehren, erzählt sie. Doch Frau Heide darf sie nicht passieren lassen. »Der Mann bekam ein puterrotes Gesicht, stampfte mit dem Fuß auf wie ein kleines Kind und ging einfach nicht weg. Hartnäckige Leute!«, erinnert sich die Nürnbergerin. Wenn gar nichts mehr geht und sich aufgeregte Besucher nicht beruhigen lassen, muss der Abend-Spielleiter ran und Tacheles reden.

Andere wiederum verlassen die Vorstellung in der Pause und reichen ihre Tickets keck an Fremde weiter. Einige von ihnen würden sich dann sogar unangenehm aufführen: »Die Frau hat lauthals mitgesungen.« Ein Gast wollte seinen kleinen zitternden Hund mit ins Theater einschmuggeln. Doch er hatte die Tasche mit dem Pinscher offengelassen, so dass Christine Heide ihn entdeckte. »Wer weiß«, sinniert sie, »wie oft das Hündchen schon zu vorherigen Aufführungen heimlich mit im Saal gewesen war?«

»Sachen gibt’s, die glaubt man kaum«, wirft Erika Klebl ein. Einmal brachte ein Pärchen sein Baby im Kinderwagen mit und fragte die Garderobiere, ob sie freundlicherweise auf das Kleine aufpassen könne. Die heute 87-Jährige – eine liebe Oma – tat den jungen Eltern den Gefallen. Glücklicherweise schlief das Baby während der Vorstellung selig. Heute wird im Schauspielhaus Kinderbetreuung angeboten, aber nur nach vorheriger Anmeldung.

Die Einlassfrauen lieben das Theater, doch sich zu den Gästen zu gesellen und das Stück mitzuverfolgen, das geht nicht. Dazu haben sie auch gar keine Zeit. Sobald die letzte Tür geschlossen ist, heißt es für sie, Infoblätter und die dicken Programme der Spielzeit aufzufüllen. Die Auslagen dürfen nicht leer sein. Was hinter den jetzt verschlossenen Türen im Theatersaal passiert, wissen sie ohnehin: Das Personal darf jede Generalprobe besuchen. Und von dieser Gelegenheit machen die Frauen Gebrauch.

Besonders viel zu tun gab es für die Damen im vergangenen Jahr bei der Aufführung der »Rocky Horror Show«, einem Ausnahmestück in vielerlei Hinsicht. Wie einst im Kino-Kultfilm eingeübt, warf das Publikum an den passenden Stellen Klopapier oder Konfetti, schwenkte Leuchtstäbe oder öffnete Regenschirme. Die eingefleischten Fans des ungewöhnlichen Musicals hatten dazu ihre eigenen Utensilien mitgebracht, andere hatten sie bei Christine Heide oder Erika Klebl am Einlass gekauft. Doch das Action-Material hatte zuvor erst einmal zusammengestellt werden müssen. »Wir waren schwer beschäftigt damit, die Taschen zu füllen, das lief wie am Fließband«, erzählt Klebl.

Doch nicht nur auf der Bühne war Schrilles geboten, die Besucher selbst glänzten oder schockten mit grellen Kostümen. Und am Ende gab es Begeisterungsstürme, wie sie die Logenschließerinnen selten erleben. Klebl: »Der Jubel hörte gar nicht mehr auf.« Natürlich erleben sie immer wieder auch Buhrufe und enttäuschte Zuschauer, am ehesten bei Premieren.

Für langjährige Abonnenten werden sie mitunter sogar zu vertrauten Personen. Die Besucher schütten ihnen schon mal ihr Herz aus, erzählen über ihre Scheidung, den Tod des Partners, enttäuschende Freundschaften. Elfriede Stolle sieht sich dann in der Rolle der Beichtmutter an der Garderobe. »Liebesgeschichten höre ich eigentlich seltener«, sagt sie, die im Hauptberuf Bäuerin ist, fast etwas bedauernd. Dann wieder beobachtet sie Stammgäste, die plötzlich solo erscheinen. »Nach einer Saison oder zweien kommen sie dann mit einer neuen Partnerin«, sagt die Knoblauchsländerin. Die gelernte Drogistin und spätere Hotelbesitzerin in Ostdeutschland hat selbst mehrmals ihren Lebensplan auf den Kopf
gestellt. Nun ist sie zufrieden mit Schweinen und Federvieh tagsüber und Schauspiel am Abend.

Im Theater bleibt sie freundlich, aber bestimmt und fordert Jugendliche auf, ihr Handy ausmachen oder ihr Gepäck abzugeben, wenn sie mit einem Rucksack voller klirrender Getränkeflaschen Zutritt begehren. Oder sie bremst Gäste, die  trotz Verspätung in der ersten Reihe Platz nehmen wollen. Doch zum Glück gibt es dankbare Kunden, die auch schon mal mit einem Geburtstagsstrauß aufwarten.

Das Vorderhaus-Personal, bestehend aus 60 Mitarbeitern, davon acht Männern, weiß, dass diese Arbeit an einem so erhebenden Ort sehr begehrt ist. Nachwuchsprobleme gebe es tatsächlich keine, berichtet Managerin Anne Struckmeyer. Im Gegenteil: Sie hat eine Warteliste für die Minijobs. »Wir haben einen wahnsinnigen Zuspruch, meist von älteren Bewerbern, und müssen keine Stellen für Service-Mitarbeiter ausschreiben. Das ist ein Selbstläufer.« Offen und kontaktfreudig sollen Bewerberinnen und Bewerber sein. Und, natürlich, sollte ihr Herz für Bühne und Kultur schlagen.

Angela Giese

Foto: Michael Matejka