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Flaschensammeln hin oder her: Eine Rentenerhöhung von 1,67 Prozent reicht den meisten nicht aus. Cartoon: Sebastian Haug

Die Einladung klang ziemlich bizarr. „Es gibt Rentenerhöhungseintopf“, sagte meine Freundin Selma am Telefon und wollte sich nicht genauer äußern. Beim gemeinsamen Mittagessen enthüllte sich dann das Geheimnis: Es handelte sich um ein Gericht, bestehend aus Tomaten, Auberginen, Zucchini und Paprika. „Eine Scheibe Bündle ist auch noch drin“, verriet die Köchin. Es schmeckte gut – aber warum diese komische Bezeichnung?
„Ganz einfach“, so Selma. „Ich habe nachgerechnet. Der Preis für das Gemüse und das Stückchen Fleisch entspricht exakt dem Betrag meiner Rentenerhöhung.“ – „Himmel, wo kaufst du denn ein?“, frage ich erstaunt nach. „Also bei mir im Supermarkt …“ – „Da geh ich nicht hin“, erklärt sie snobistisch. „Ich kaufe auf dem Markt und nehme nur regionale Produkte. Aber bleib mal beim Thema. Ich rede gerade von der Rente. 1,67 Prozent mehr – das ist doch ein Witz. Die Inflationsrate hat das längst schon aufgefressen.“ Sie überlegt einen Moment, dann meint sie spöttisch: „Wahrscheinlich denken die da oben, dass wir alten Mümmelfritzen ohnehin nicht mehr so viel brauchen.“
Mit dem Begriff „Mümmelfritzen“ wirft sie erbost um sich, seit Oliver Welke in einer „heute-show“ die Alten so titulierte, das Sektglas mit einem „Prostata“ erhob und sich ungemein witzig über die deutsche „Gerontokratie“ ausließ.
Ich übernehme den rationalen Teil der Unterhaltung und werfe ein, dass wir die großen Zusammenhänge sehen müssen: „Rechne mal nach: 20,5 Millionen Rentner gibt es in Deutschland. Wenn die alle 1,67 Prozent mehr Rente bekommen – die im Osten ein bisschen mehr – dann ist das eine gewaltige Mehrausgabe für den Staatshaushalt.“ Ich verdränge den Gedanken an die Anschaffungskosten für funkelnagelneue Kampfdrohnen oder Näherliegendes wie Managergehälter, Banker-Boni, Diätenerhöhung, doppelte Bezüge unseres Wirtschaftsministers und Parteivorsitzenden – die Liste in meinem Kopf wird immer länger.
Schließlich fällt mir zu allem Überfluss noch der Ärger über meine Krankenkasse ein. Kaum steht fest, dass wir glücklichen deutschen Rentnerinnen und Rentner wieder mit einer Erhöhung unserer Bezüge rechnen dürfen, fährt meine Kasse ihre Krallen aus. Vorsorglich zwei Wochen, bevor es tatsächlich ein paar Euro mehr gibt, liegt bei den freiwillig Versicherten der neue Beitragsbescheid im Briefkasten. Vermutlich so frühzeitig, damit niemand auf dumme Gedanken kommt und ernsthaft glaubt, das ganze Mehreinkommen gehöre einzig und allein ihm.
Irgendwas verpasst
„Die machen eben nicht so einen Wind um deine paar Kröten!“, lästert Selma. „Wechsle mal die Perspektive. Dann sieht es so aus, dass wir selber Schuld sind an unserer Einkommenssituation. Hätten wir etwas Richtiges gelernt, bräuchten wir jetzt nicht rumzujammern.“ Vierzig Jahre war sie Angestellte in einer Mittelstandsfirma, den Sprung in die Führungsebene hat sie verpasst. Jetzt kramt sie den ausgedruckten Online-Text einer Zeitung hervor, hinter der angeblich immer ein kluger Kopf steckt. Es geht um „die typisch deutsche Doppelmoral gegenüber Reichen“.
„Hier steht es“, sagt sie. „Jeder möchte reich sein, aber alle missgönnen den Reichen ihr Geld … Wer als Bürger unzufrieden mit dem materiellen Zustand seines Lebens ist, der sollte etwas dagegen tun. Mehr Einsatz, um rascher befördert zu werden, eine neue Sprache nach der Arbeit lernen oder sich anderweitig fortbilden … Genau wie die Reichen es getan haben. Denn fast alle haben für ihr hohes Einkommen hart gearbeitet. Und selbst die Erben, die das Unternehmen ihres Vaters lenken, schuften bis zum Umfallen. Wer im Studium, übertrieben gesagt, lieber bis mittags geschlafen hat, später im Berufsleben um 17 Uhr nach Hause geht, kann sich logischerweise nicht all seine Wünsche erfüllen. Außer er gewinnt im Lotto.“
So ist das also. Wir beenden das Thema mit der Einsicht, dass wir den falschen Beruf gewählt, stets überpünktlich Feierabend gemacht und zu viel auf der faulen Haut gelegen haben. Mögen wir also jüngeren Generationen als warnendes Beispiel dienen und die Neiddebatte demutsvoll beenden. Und außerdem: So ein Gemüseeintopf ist durchaus etwas Gutes und sein Geld wert – da gibt es gar nichts zu meckern.