Cartoon: Sebastian Hauck

Cartoon: Sebastian Hauck

Neulich habe ich meinen Enkel in Angst und Schrecken versetzt«, erzählt Selma und lacht vergnügt. »Ich habe zu ihm gesagt: ›Wenn ich sterbe, erbst du alle meine Bücher.‹« Verständnisvolles Kichern in der Damenrunde. Jede versteht den Witz und weiß: Nichts beunruhigt die Nachkommenschaft mehr als der Gedanke, sich eines Tages mit dem elterlichen und großelterlichen »alten Kram« befassen zu müssen.
Es sei denn, es sind ein paar hübsche Antiquitäten darunter oder ausnahmsweise einige wertvolle Gegenstände, die man zu Geld machen kann. Ansonsten ist Ebay die erste Adresse, gefolgt von der Entrümpelungsfirma. »Ihr könnt es ihnen nicht verdenken«, sagt eine der Freundinnen und nimmt den Nachwuchs in Schutz. »Sie haben ihre eigenen Wohnungen, sind voll eingerichtet und haben keinen Platz für Erbstücke irgendwelcher Art.» – »Schon gar nicht für Bücher«, schallt es ihr entgegen. »Die lesen doch nicht mehr!«
Naja, so pauschal kann man das vielleicht nicht sagen, es gibt schließlich Ausnahmen. »Also wir früher, wir hätten uns gefreut, wenn wir etwas geerbt hätten«, kommt der unvermeidliche Alte-Leute-Satz. »Da gab es bloß nichts zu erben.« Was übrigens stimmt. Alles, was viele unserer Eltern einmal an wertvollen Dingen besessen hatten, war im Krieg verloren gegangen, verbrannt, gestohlen, vernichtet. Das Mobiliar, zwischen dem wir aufwuchsen, war neu gekauft und von meist minderer Qualität.
Wer tot ist, kriegt nichts mehr mit
Dass das Nierentischchen fünfzig Jahre später einmal eine begehrte Rarität sein würde, konnten wir nicht ahnen. Es wurde ausrangiert wie alles andere auch. Was blieb, waren nur ein paar Erinnerungsstücke, von denen wir uns nicht trennen wollten. Bei uns, der Nachkriegsgeneration, häufte sich nach und nach mehr Wohlstand an. Dinge, die wir lieben. Deshalb ist der wahrscheinlich unvermeidliche, herzlose Umgang mit unseren Siebensachen eine Tatsache, mit der wir hadern.
»Eigentlich kann es euch doch egal sein, was mit euren Sachen passiert. Ihr seid tot und kriegt sowieso nichts mehr mit«, meint Gisela, Mitte siebzig und kurz vor dem Umzug in ein Haus für Betreutes Wohnen, pragmatisch. »Bei mir ist das viel schlimmer. Ich muss mich jetzt schon von fast allem trennen, was mir lieb und teuer ist. In meinen künftigen zwei Zimmerchen bringe ich bloß das Nötigste unter. Na, immerhin habe ich wenigstens nicht mehr viel abzustauben«, setzt sie ironisch hinzu.
Käfig fürs Chamäleon
Die silberhaarige Annegret greift in das Gespräch ein: »Meine Enkelin hat sich neulich erkundigt, ob ich mich nicht von meinem alten Kleiderschrank trennen könnte. Ich habe mich bereit erklärt, und sie holte ihn eines Tages mit ihrem Freund ab. Neulich habe ich sie gefragt, wo er jetzt steht. ›Hach‹, meinte sie beschwingt, ›in unserem sogenannten Terrarium-Zimmer. Wir haben einen Käfig für unser Chamäleon daraus gebaut, eine prima Unterkunft.‹ Ich musste schon etwas schlucken.«
»Immerhin, ein kreativer Einfall. Hoffentlich fühlt sich das arme Tier in deutscher Wertarbeit wohl«, spottet Gisela. Eine Weile sitzt die Runde schweigend da, vermutlich in Gedanken an das künftige Schicksal ihrer Besitztümer und das trübsinnige Dasein des bemitleidenswerten Chamäleons. Dann hebt Selma nachdenklich die Kaffetasse. »Also, irgendwie kann ich die Jungen verstehen. Jede Generation hat ihren Geschmack. Den Gelsenkirchener Barock von meinen Eltern, das hätte ich auch nicht haben wollen. Ich war heilfroh, als alles weg war.«
Brigitte Lemberger