Mit Farbe & Gips schaffen Bewohnerinnen des Altenheims wahre Kunstwerke. Foto: Matejka

Mit Farbe & Gips schaffen Bewohnerinnen des Altenheims wahre Kunstwerke. Foto: Matejka

Hilde hat keine Kinder und ist demzufolge nie Großmutter geworden. Doch mit 78 Jahren sitzt ihr im Seniorenheim einmal im Monat für eine Stunde ihre »Enkelin« Heike zur Seite. In Zusammenarbeit mit anderen Bewohnern formen sie ein Bildobjekt oder gestalten ein Kunstwerk mit Farben und Gips. Es ist rührend anzusehen, wie sich Heike und Hilde bei ihrer kreativen Arbeit ergänzen. Die Seniorin malte zum letzten Mal als Kind, jetzt lebt sie förmlich auf, streicht ihrer »Enkelin« mehrmals über den Kopf und fragt mit stolzer Stimme: »Sind wir beide nicht ein tolles Team?«
Die 1963 in Nürnberg geborene und mehrfach ausgezeichnete Wachskünstlerin Inge Gutbrod, Initiatorin des Projekts, die seit langem in Fürth lebt, hat die Idee ins Leben gerufen. »Der Titel BeKüSen ist schon ein bisschen sperrig«, räumt sie ein, »es ist aber auch ein nettes Wortspiel.« Bei Besuchen ihrer Mutter, die seit längerer Zeit im Heim lebt, kam sie auf den Gedanken, dass es sinnvoll sei, »die Senioren aus ihrem Alltag zu reißen, indem man sie motiviert und ihre Sinne anregt. Damit schenkt man ihnen Vertrauen, Aufmerksamkeit und Freude.« Ursprünglich waren drei Experten an dem Vorhaben beteiligt, neben Gutbrod die ebenfalls renommierten bildenden Künstler Barbara Engelhard und Oliver Boberg, der 2009 den Kulturpreis der Stadt Fürth erhielt. 2014 jedoch ist Boberg nicht mehr dabei.
Wie geht es weiter? Gutbrod und Engelhard wechseln sich alle vier Wochen in der Leitung der Gruppe mit zehn älteren Frauen und Männern ab. Man trifft sich einmal wöchentlich – jeweils Mittwochnachmittag – für zirka eine Stunde. Einmal im Monat wartet noch eine Besonderheit auf die Heimbewohner. Zehn Kinder der Fürther Soldnerschule gehen ihnen bei der Bearbeitung unterschiedlicher Materialien zur Hand. Zuvor machen die Mädchen und Jungen einen Rundgang durch das Haus, um Einblicke in den Heimalltag zu bekommen und zu erfahren, welche Hilfsmittel die Bewohner benötigen. Gutbrod: »Die Vernetzung der Generationen liegt mir besonders am Herzen.« Das Besondere sei, dass die im Stadtteil aktiven Vereine, Schulen und Kirchengemeinden mit einbezogen werden.
Gutbrod schuf mit den Bewohnern eine farbige Frühlingslandschaft aus Knetwachs, dann formten sie Pflanzen, Tiere und Menschen als Teil einer größeren Gemeinschaftsarbeit. Barbara Engelhard fertigte mit den alten Menschen Reliefbilder auf bespannten Keilrahmen, während Boberg seinen Workshop unter dem Motto »Orte-Fotografien-Erinnerungen« gestaltete. Die Senioren schufen aus Moos, Gräsern und Flechten eine Landschaft und bemalten sie mit Acrylfarben. Diese Tätigkeit rege nicht nur den Geist der Älteren an, sagt Gutbrod, sondern verbessere auch die Motorik und die Sensorik ihrer Hände. »Anfangs ging es zögerlich, doch dann arbeiteten sie mit einer Emsigkeit, die mich erstaunen ließ. Die Bewohner redeten nicht viel und hatten schon bald ihre ersten Erfolgserlebnisse«, erzählt sie.
Die Kursteilnehmer sind glücklich darüber, wie schnell und einfach sie ein Kunstwerk gestalten konnten. Eine 75-jährige Teilnehmerin wundert sich drüber, dass sie auf ihre alten Tage noch »entdeckt« wurde. Und ein 80-Jähriger meint: »Was wir hier zustande bringen, hätte ich nicht für möglich gehalten.«
Auch den Künstlern macht die Beschäftigung mit Heimbewohnern Spaß. Besonders freut sie, dass sie viele spontane Reaktionen wecken konnten. »Ein Lächeln, ein glücklicher Händedruck oder ein Glänzen in den Augen sind der Dank, und das macht uns ein Stück weit stolz«, schildert die Fürther Wachskünstlerin Gutbrod.  Auch Anke Fürst, Leiterin der Sozialen Betreuung im Altenpflegeheim an der Stiftungsstraße, war überrascht, mit welcher Begeisterung und Leidenschaft die Älteren mit Pinsel und Farbe umgehen.
Finanziert werden Materialien und Künstlerhonorare über Spenden. Das Projekt ist bei der Fürther Bürgerstiftung sofort auf offene Ohren gestoßen, sagt deren Vorstandsmitglied Katja Streng. Die Bürgerstiftung unterstützte die Initiative mit 3000 Euro und wird sie längerfristig bezuschussen. Der 2013 erstmals von den Fürther
Rotariern ausgelobte Seniorenpreis über 5000 Euro ging an das Projekt »BeKüSen«.
Der Workshop wird 2014 im Sophienheim in der Fürther Südstadt fortgesetzt. Träger ist hier die Diakonie Fürth.
Horst Mayer
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Spenden für das Projekt können an die Bürgerstiftung Fürth überwiesen werden, Flessabank Fürth,
Konto 410 400, BLZ 793 301 11.
Verwendungszweck: »Projekt BeKüSen«