Die Nacht durchtanzen: auch etwas für Oldies

Was der Nürnberger darunter versteht, zeigt er auf der Ü30-Party im Nürnberger Flughafen auf beeindruckende Weise: Tanzen bis zum Abwinken. Weit über zwei Stunden sind er und seine Frau schon auf der Bühne, die Uhrzeiger gehen langsam auf Mitternacht zu – und das Ehepaar verliert noch immer nicht an Kondition. Ausgelassen werfen sie ihre Arme und Beine in die Luft und scheinen die Menschentraube um sich herum nicht wahrzunehmen. Man dürfe einfach nicht nachlassen, sagt Reinhard Walter, müsse immer am Ball bleiben: »Tanzen hält fit, selbst wenn mir jetzt ein wenig die Knochen weh tun.«
Die zwei besuchen häufig die Airport-Partys im sogenannten Terminal 90, die Atmosphäre gefällt ihnen, die Musik auch. An diesem Samstag legen die Discjockeys überwiegend »House« und »Hiphop« auf. Wer denkt, der Sound sei nichts für Ältere, der irrt. Denn unter den Besuchern befinden sich viele ab 50 Jahren aufwärts.
In Zeiten des demografischen Wandels werden Ü 30- (kurz für »über 30 Jahre«),
Ü 40- oder Ü 49-Feiern immer beliebter: Im Nürnberger »Löwensaal« (Schmausenbuckstraße 166) finden regelmäßig solche statt oder im Erlanger E-Werk (Fuchsenwiese1).
Für die Feten in der Hugenottenstadt kaufen sich viele Besucher ihre Karten sogar im Vorverkauf – aus Angst, es könnte an der Abendkasse keine mehr geben. Tatsächlich bilden sich an den Samstagen mit den etablierten »80er-«, »FSK 30-« oder »FSK 49«-Partys an den Kassen lange Schlangen. Im Inneren des weitläufigen Gebäudes stehen die Gäste dicht gedrängt. Ab 23 Uhr ist meist kein Durchkommen mehr, Discokugeln tauchen die Tanzfläche in wechselnde Farbspiele, und Frauen und Männer in den besten Jahren singen zu Klassikern wie »It´s raining men«, »Hands up« oder »Pretty Woman« begeistert mit.
Auch der Veranstalter der Flughafen-Disco »Terminal 90«, Christian Alles, kann über mangelnden Zuspruch nicht klagen. Seit November 2011 organisiert er gemeinsam mit dem Airport die Disco-Abende für ein gediegeneres Publikum. Ältere stellten freilich auch andere Ansprüche an die Örtlichkeiten – oder wie es auf Neudeutsch heißt – an die Location. Die Räume dürften nicht stockduster sein, die Musik muss etwas leiser, die Toiletten sauber sein und der Garderobendienst gut funktionieren.
Der Termin spielt ebenso eine Rolle: Samstag ist ideal, weiß der Experte, denn am Freitagabend seien viele zu müde, aber am Sonntag könne man ausschlafen. Dass die Gäste mit dem Konzept offenbar zufrieden sind, zeigt der Ansturm: Aus allen Ecken der Region strömen sie an diesem Samstag in Richtung zweite Flughafen-Etage. Die Resonanz sei gut, betont der 47-jährige Organisator zufrieden.
Die Gründe für den Zuspruch sind so unterschiedlich wie die Gäste selbst. Viele möchten – wie beispielsweise das Ehepaar Walter – einfach mal wieder tanzen. Initiator Alles bestätigt das: »Auch wenn Ältere nicht mehr solche Hummeln im Po haben wie Jüngere, wollen sie doch abends mal weggehen.« Da sie dabei nicht nur von 20-Jährigen umgeben sein möchten, gibt es in der Flughafen-Disco eine Art Alterskontrolle. Zwar könne der ein oder andere seine Tochter oder seinen Sohn mitbringen, eine größere Gruppe von unter 25-Jährigen lasse der Türsteher allerdings nicht herein: »Wir wollen nicht in den Ruf kommen, dass wir nur eine Schein-Ü30-Disco sind – denn dann bleiben die Älteren weg.«Für viele sei der Disco-Besuch am Wochenende zudem die einzige Möglichkeit, andere Menschen zu treffen. Häufig habe man ab einem gewissen Alter hauptsächlich Kontakt mit Kollegen oder Bekannten aus dem Fitnessstudio: »Wenn man dann auf der Suche nach einem neuen Partner ist, tut man sich oft sehr schwer«, berichtet Alles.
Werner Kratzer (52) würde von sich wohl nicht direkt behaupten, auf Brautschau zu sein, doch er macht Andeutungen. Die Musik nämlich gefällt ihm nicht besonders. Trotzdem ist er da: »Hier kann man auch mal ungezwungen ins Gespräch kommen«, erzählt er und schmunzelt dabei vielsagend. Geschieden sei er und zurzeit solo. Im Alltag werde es mit fortschreitendem Alter schwieriger, jemanden kennen zu lernen; bei solchen Gelegenheiten sei das hingegen leichter. Vielleicht lehnt der Nürnberger deshalb in dieser Nacht betont lässig am Tresen, ganz in Sichtweite der Eingangstür.
Peter Bauer (68) und Dietmar Ibscher (65) sind indes nicht auf der Suche – ihre beiden Ehefrauen Hertha (68) und Gabriele (58) sitzen in bequemen Sesseln neben ihnen. Die zwei Paare aus Nürnberg und Feucht gehören nach den tanzwütigen und einsamen Gästen wohl zur dritten Kategorie: Sie wollen einfach Spaß haben. Peter Bauer fühlt sich fast ein wenig wie im Urlaub in Spanien – mit heißen Nächten in der berühmten Disco »Pacha Ibiza«. In dem südlichen Land geht jeder tanzen, berichtet der freundliche Herr, unabhängig davon, ob er 40, 50 oder 60 Jahre alt ist. »Bei uns ist es schwieriger, einen Ort zu finden, wo man im Alter hingehen kann.«
Jetzt aber haben er und seine Bekannten mit dem »Terminal 90« offenbar so einen Ort entdeckt. Sie sind zum ersten Mal in der Flughafen-Disco, erzählt Bauer, aber es gefällt ihnen gut, das Ambiente, der Blick auf die Rollbahn.
Gattin Hertha stimmt zu: »Ich mag die Musik.« Für den Abend haben sich die vier in Schale geworfen. Immerhin sei das doch etwas anderes, als essen zu gehen. In einem Restaurant bleibt man schließlich nicht bis in die Puppen. Peter Bauer nippt an seinem Weinglas und schmunzelt: »Mal sehen, ob wir es bis fünf Uhr aushalten.«
Sharon Chaffin
Fotos: Michael Matejka