Robert Kizer (Schnittmeister) mit Waltraud Hölzleinl (Mitarbeiterin und Model) bei einer Anprobe.

Wenn Enrico Tomassini unterwegs ist, hat er immer ein paar Damenhosen dabei. Denn kommt er mit Freunden und Bekannten zusammen, wird er vom weiblichen Teil der Gesellschaft gerne um Rat gefragt: Welche Farben bringt die nächste Modesaison? Kann ich das tragen? Vor allem aber: Hat meine Hose den richtigen Schnitt für mich? Dass sein Wissen schwer gefragt ist, liegt nicht nur daran, dass Tomassini als gebürtiger Italiener mit viel Geschmack und einem großen Modeverständnis ausgestattet ist. Mehr noch liegt es daran, dass er Chef der Weber & Ott AG ist und damit auch der Tochterfirma Toni Dress Damenmoden GmbH in Forchheim. Und die nimmt für sich in Anspruch, dass sie weiß, wie die perfekte Hose sein muss: eine, die die Vorzüge betont und kleine Mängel kaschiert, die bequem ist und dabei auch noch schick.
Darauf hat sich der Markt zwar schon lange eingestellt, oft aber mit konservativen Schnitten, gern in gedeckten Farben, besonders in klassischem Dunkelblau oder Beige. »Die Zeit ist reif zu erkennen, was diese Generation nicht mehr möchte: Als Seniorin angesprochen zu werden«, weiß der Damenmode-Chef. »Die Gesellschaft hat Frauen bislang suggeriert, dass sie mit den Jahren nicht attraktiver werden. Das ist Quatsch. Die neuen 50- und 60-Jährigen sind die 68-er Generation, die mit ihren Eltern gebrochen hat, die Revoluzzer waren. Das sind heute moderne, interessante Frauen, die voll im Leben stehen und jung geblieben sind. Und so möchten sie von der Mode-Industrie auch angesprochen werden. Wir müssen mehr darüber erfahren, was diese Frauen wollen.«
Über solche Fragen macht man sich bei Toni Dress schon seit mehr als 50 Jahren Gedanken. Das Forchheimer Unternehmen ist Passformspezialist für Damenhosen. Mehrere hundert Schnitte liegen im Tresor der Firma, die sich alle damit beschäftigen, wie die verschiedensten Stoffe bei unterschiedlichen Figurtypen gut sitzen. Und letztere verändern sich im Laufe der Zeit. »In den vergangenen zehn Jahren sind die Frauen kräftiger geworden. Am Bauch haben sie im Durchschnitt um drei Zentimeter zugelegt, an der Taille um vier – das ist fast eine Kleidergröße«, sagt der Firmenchef. Denn die neue Generation 50 plus hat oft mehr Sport getrieben als die Generationen vor ihr – auch dadurch bleibt die Figur kräftiger. Die Größen 40 und 42 sind bei Toni die meistverkauften.
Drei Millionen Meter Stoff verarbeitet das Unternehmen pro Jahr – zu insgesamt 1,9 Millionen Hosen und einer großen Zahl an Oberteilen. Von jedem Ballen Jeansstoff wird ein Meter heruntergeschnitten und gewaschen, um zu sehen, wie er sich verhält. Wie eine Hose fallen muss, damit sie runder werdende Hüften verschlankt, wie der Schnitt sein muss, damit nichts zwickt – das weiß man zwar, und dieses Wissen ist das Kapital des Unternehmens.
Doch das allein reicht nicht. Um jenen Frauen, bei denen im Kühlschrank heute statt Doppelherz ein spritziger Weißwein steht, gerecht zu werden, unterzog sich die Firma vor ein paar Monaten selbst einer aufwendigen Vitalkur. »Wir standen für Passform und Bequemlichkeit, weniger für Mode und Begehrlichkeit«, sagt Tomassini rückblickend. Das aber will Toni Dress auch für die Frau ab 50 sein: modisch und begehrenswert. Als »selbstbestimmt, selbstbewusst, sportlich-elegant« definiert das Unternehmen seine Kundinnen. »Eine Frau, die mit den Veränderungen ihres Körpers umgehen kann und sehr gepflegt ist, ist eine extrem attraktive Frau. Unsere Aufgabe ist es, für diese Frau Mode zu produzieren«, sagt Tomassini.
Diese soll sich mit der Mode für jüngere Frauen messen können und gleichzeitig auf die speziellen Bedürfnisse reiferer Frauen zugeschnitten sein. »Neben der Mode bleibt das Hauptthema die Bequemlichkeit«, sagt Tomassini. Sie hat viele Facetten: So tragen die meisten Frauen ab 50 flache Absätze. »Aber ohne Highheels funktionieren bestimmte Hosenformen gar nicht, sondern fallen in die Kategorie ›quadratisch, praktisch, gut‹«, sagt Tomassini.
Ein weiterer Aspekt ist das Thema Bauch. Die Industrie reagierte in den vergangenen Jahren oft mit einem hohen Bund – konträr zur jugendlichen Mode mit meist tiefsitzendem Abschluss. Wenn der Bauch über den Bund hänge, mache das nicht unbedingt schöner, weiß der Modeexperte. Wenn man den Bund nur ein paar Zentimeter höher schneidere als derzeit in der Mode üblich, kaschiere das den Bauch und sei dennoch modisch, verrät er.
Ein eher deutsches Phänomen ist die oft und gern gewählte Dreiviertel-Hose, die das Bein optisch verkürzt, vor allem, wenn sie weit geschnitten ist. Tomassini empfiehlt eine 7/8-Hose, die kurz über dem Knöchel endet. »Die macht ein schlankes Bein – auch bei kräftigeren Frauen.« Die neuen schmalen Schnitte könne zudem fast jede Frau tragen.
Eine immer größere Rolle spielt das Thema Farbe. Die Französin hat es sich längst zu Eigen gemacht. Nun hat auch in Deutschland die Lust daran zugenommen »Das ist wichtig, manchmal aber auch ein wenig heikel«, sagt Tomassini. Denn viele Frauen schauten dabei weniger auf sich, sondern ließen sich vom Modediktat verleiten. »Hier gab es jahrelang kein Angebot. Jetzt gibt es eines, und da greifen die Leute zu.«
Oft und gern griffen die Frauen zu einem dunklen Lila, zu Rehtönen, zu einem satten Maisgelb, aber auch zu Tanne. »Grün kann eine sehr schöne Farbe sein, mit der man aber auch daneben liegen kann, wenn man den falschen Ton wählt. Beliebt ist und bleibt ein kräftiges Rot.« Der Mut zu Rot, hat Tomassini beobachtet, nimmt im Alter keineswegs ab.
Achteten in jüngeren Jahren die Kundinnen mehr auf den Preis, ist es inzwischen vor allem Qualität, die zählt, hat Tomassini beobachtet. Diese Frauen würden sich gerne etwas gönnen und seien auch bereit, mal mehr Geld auszugeben, wenn ein Produkt überzeugt. Bei einer Hose müssten sie mitunter lange suchen, bis es soweit ist. »Zwei Drittel aller Frauen bringt das Thema Hosenkauf zum Fluchen«, weiß Tomassini. Hat Frau allerdings »ihre Hose« einmal gefunden, ist die Treue zur Marke groß.
Doch der Handel tue sich mit dem Thema »Alter« noch schwer. Dass Industrie und Handel nicht selten an den Kundinnen der Altersgruppe 50 plus vorbei agierten, hat für Tomassini vor allem einen gewichtigen Grund: »Die Entscheider in den Unternehmen sind häufig Männer. Denen fehlt das Verständnis, weil sie nicht so starke körperliche Veränderungen mitmachen wie Frauen.« Die Herren der Schöpfung könnten zumindest ihrer Hosenmarke mitunter ein ganzes Leben lang treu bleiben.
»Vom Handel bekommen wir auch die Rückmeldung, dass Damen im fortgeschrittenen Alter nicht mehr gerne Ausschnitt tragen.« Diese Erfahrung teilt er nicht – im Gegenteil. »Das Dekolletee wird oft so gut gepflegt, dass es auch gern gezeigt wird.«
Tomassini bezeichnet sich selbst als »Hosenmann«. Er beschäftigt sich mit dem Produkt, seit er in Mailand seine Karriere in der Modebranche startete. Neben all dem Wissen, das er sich im Laufe der Jahre angeeignet hat, hat er auch eines gelernt. Will man Frauen verstehen, muss man ihnen gut zuhören.
Text: Anja Kummero, Foto: Mile Cindric