Helga Steinbach (mit Brille) berät eine Kundin in der Boutique in Nürnberg. Ihre 75 Jahre sieht ihr niemand an. Foto: Michael Matejka

Nach einem arbeitsreichen Leben endlich in Rente gehen – das trifft auf immer weniger Menschen zu. Häufiger denn je sehen sich Ältere gezwungen, ihre Ruhestandsbezüge aufzubessern, weil sie sonst nicht über die Runden kommen.
Die Nürnbergerin Helga Steinbach hat ein Problem, mit dem nicht so viele ältere Menschen konfrontiert werden: Sie muss immer wieder ihren Ausweis vorzeigen, damit man ihr das Alter von 75 Jahren abnimmt. Obwohl sie – legt man das gesetzliche Rentenalter von 65 zu Grunde – seit zehn Jahren ein Leben als Ruheständlerin führen könnte, kann sich die Nürnbergerin ein Dasein ohne Arbeit und den damit verbundenen Kontakt zu anderen Menschen gar nicht mehr denken. Zudem ist auch für sie seit der Einführung des Euro ein Zusatzverdienst immer wichtiger geworden. Er ermöglicht ihr weiter Besuche von kulturellen Veranstaltungen oder eine Reise. Das wäre mit ihrer Rente allein kaum zu schaffen.
Denn Helga Steinbach war in ihrem Leben nicht immer auf Rosen gebettet gewesen. Als Kind entwurzelt und von Zerstörung umgeben, ließ sie vielleicht deshalb der Wunsch nach schönen Dingen nie los. Gerne hätte sie Modedesign studiert. Doch wie viele andere sah sie sich in jungen Jahren gezwungen, erst einmal für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Das Maltalent war ihr in die Wiege gelegt worden, und so experimentierte sie als Ausgleich zu ihrer Tätigkeit als Sachbearbeiterin mit der Seidenmalerei. Nebenbei entwarf sie noch an die 2000 venezianische Masken und kreierte diversen Modeschmuck, darunter auch Seidenbroschen, die damals in Mode waren. Der Erfolg auf Hobby-Märkten ließ nicht auf sich warten.
Große Sprünge ausgeschlossen
Als Helga Steinbach im Frühjahr 1999 mit 62 Jahren in Rente ging, legte sie Pinsel und Farbe zur Seite. Der Ausgleich zum Büroalltag war überflüssig geworden, doch schnell stellte sie fest, dass die Rente alleine keine großen Sprünge erlaubt. Kurzentschlossen nahm sie zusätzlich zur Rente eine Anstellung in einem Einrichtungshaus an, wo sie ihre Kreativität in Verkauf und Beratung neu ausleben konnte. Obwohl sie nach fast sieben Jahren, im September 2006, in eine Modeboutique in der Nürnberger Nordstadt wechselte, ist ihr Rat in Sachen Inneneinrichtung nach wie vor gefragt: Etlichen ihrer Freunde half sie inzwischen, die Wohnräume so umzugestalten, dass sie sich nun in ihrem Zuhause wohler fühlen.
In der Modeboutique, wo sie bis heute anzutreffen ist, kann sie jetzt ihre Begabung in Sachen Stil- und Modeberatung umset-zen. Mit beiden Tätigkeiten ging gewissermaßen ihr Jugendtraum in Erfüllung.
Helga Steinbach weiß sehr wohl, dass sie damit nicht alleine ist. Immer mehr Senioren sehen sich gezwungen, mit zusätzlicher Arbeit den spürbaren Kaufkraftverlust der Renten auszugleichen. Den meisten von ihnen geht es dabei schon lange nicht mehr um »mehr Luxus« oder »Selbstverwirklichung«. Mit 400-Euro-Jobs wie z.B. in Call Centern, beim Austragen von Zeitungen, beim Auffüllen von Regalen im Einzelhandel oder sogar beim Einsammeln von Plastikflaschen versuchen sie schlicht und ergreifend zu überleben.
Melita Tilley
Treffen die Hochrechnungen einer neuen Studie (Deutschland im demographischen Wandel) zu, die Professoren der Universi-täten in Rostock und München federführend begleitet haben, dann müssten im Jahr 2030 drei Beschäftigte mit ihren Beiträgen zwei Rentner finanzieren. Zudem hat sich das Lebensalter der Männer wie Frauen um 15 bis 20 Jahre verlängert. Dies wird für neue Bewegung am Rentenmarkt sorgen.
Doch ältere Beschäftigte brauchen schon jetzt vielfach eine Verbesserung ihres Arbeitsumfelds, um ihre Leistungsfähigkeit bis zum neuen Renteneintrittsalter von 67 Jahren zu erhalten. In der Automobilindustrie beispielsweise, in der bald jeder dritte Mi-tarbeiter über 50 Jahre alt sein wird, hat man bereits reagiert. BMW und Audi haben gelenkschonende Holzfußböden und schwenkbare Monitore mit größerer Schrift installieren lassen, auch ergonomische Sitz- und Montagevorrichtungen.
Eine alternde Gesellschaft wiederum hat zur Konsequenz, dass mehr Arbeitsplätze in der Alten- und Krankenpflege entstehen werden. Die jedoch werden mehrheitlich von jungen Menschen besetzt werden, prophezeit die Studie.