
Wer sagt, dass die Kuh kein Schmalz frisst?« Wer diesen Satz im Wirtshaus aufschnappt, sitzt wahrscheinlich in der Nähe einer Schafkopfrunde. Dort freut sich gerade ein Spieler über einen unerwarteten Stich. Das Traditions-Kartenspiel bringt Spaß, regt die grauen Zellen an und ist eine zuverlässige Quelle für originelle Sprüche. Dittmar Adelhard aus Roßtal im Landkreis Fürth kennt jede Menge davon. Kein Wunder, er ist Schafkopf-Dozent.
Der 55-Jährige ist in einer spielfreudigen Familie aufgewachsen. Karten- und Brettspiele prägten den gemeinsamen Zeitvertreib. Adelhard nennt das eine gute Schule fürs Leben: »Man lernt gewinnen und verlieren.« Mit Schafkopf kam er als Schüler in Berührung. Ab und zu spielen war dem heutigen IT-Mitarbeiter einer Nürnberger Bank aber auf Dauer zu wenig. Als analytischer Geist wollte er mehr über dieses Spiel wissen.
Die Geschichte des Schafkopfs ist nicht genau erforscht. Was daran liegen dürfte, dass es, anders als der gutbürgerliche Skat, ein Vergnügen der einfacheren Leute war. Die Unsicherheit beginnt schon beim Namen. Eine häufig genannte Erklärung besagt, dass das Spiel nach der dem Kopf eines Schafs ähnelnden Figur benannt wurde. Diese entstand, wenn die gewonnenen Spiele mit Strichen notiert wurden. Wer einen kompletten Kopf beieinander hatte, hatte gewonnen. Auf Burg Egloffstein in der Fränkischen Schweiz sind in einer Glasvitrine Spielkarten samt Schiefertäfelchen zu sehen, welche diese These stützen.
Als Geschicklichkeitsspiel anerkannt
Schon die frühen Vorläufer des Spiels im Mittelalter, sagt Dittmar Adelhard, wurden seitens der Obrigkeit von der Liste der Glücksspiele gestrichen und als Geschicklichkeitsspiel anerkannt. Also als eines, bei dem nicht nur der Zufall entscheidet, sondern bei der man mehr im Kopf haben muss, als man es bei einem Schaf vermutet. So sehen das auch Gelehrte unserer Zeit. Vom Augsburger Pädagogik-Professor Klaus Zierer ist der Satz überliefert: »Der Bildungsgehalt des Schafkopfs ist nicht hoch genug einzuschätzen.«
Wahrscheinlich ist Schafkopf aus Sachsen oder Thüringen nach Franken gekommen. Als verbürgt darf gelten, dass das erste Rufspiel gemäß heutiger Regeln 1849 in Gräfenberg stattgefunden hat. Der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Günter Dippold zitiert den Landeshistoriker Bernhard Löffler aus Regensburg: »Die speziell bayerische Version ist zuerst in den 1840er Jahren in – ich kann es uns nicht ersparen – Franken zu greifen und wandert dann nach Süden«.
Seine große Zeit erlebte das Schafkopf-Spiel im ausgehenden 19. Jahrhundert. Günter Dippold nennt ein Beispiel: »Wenn Ende 1879 in Staffelstein ein Kartler ein Herzsolo ohne Ober, ohne Unter, ohne Herz, also ohne auch nur einen Trumpf, gewann, dann berichteten über dieses Husarenstück sogar Zeitungen in Regensburg und Ingolstadt.«
Die legendäre Kartelschule in Weinzierlein
Und es gibt diese legendäre Kartelschule in Weinzierlein. Auf sie wird verwiesen, wenn am Karteltisch über spezielle Regel-Fragen diskutiert wird. Niemand weiß sicher, so Dittmar Adelhard, ob diese Akademie im Landkreis Fürth jemals existiert hat. Sehr wohl habe es auf halber Strecke der Handelsroute zwischen Nürnberg und Ansbach ein Wirtshaus gegeben. Bestimmt wurde dort gespielt. Dass dort gelehrt worden wäre, ist nicht belegt.
Jedenfalls: Schafkopf ist keine oberbayerische Erfindung. Was am dortigen enormen Selbstvertrauen nichts ändert. Dittmar Adelhard wandte sich an die in München ansässige Bayerische Schafkopfschule, welche in größtmöglicher Ernsthaftigkeit ein 15 Seiten umfassendes Regelwerk formuliert hat. Er sei seit dem Jahr 2008 bei der Schafkopf-Plattform sauspiel.de registriert und seit 2011 Dozent für dieses Spiel. Ob er Mitglied werden könne, fragt er. Er möge doch, so die Antwort, zum Probespiel ins Münchner Hofbräuhaus kommen. Danach werde eine Kommission entscheiden, ob man einen Franken aufnehmen wolle. »Was macht da ein stolzer Franke?«, fragt Adelhard schmunzelnd. Richtig, er lehnte dankend ab, dachte sich seinen Teil und stieg beim Portal schafkopfundmehr.com ein.
Jede Menge hässliche Kommentare
Eine Affinität zum digitalen Spiel hat Adelhard als IT-Experte selbstredend. Nachdem er den Vater seiner früheren Freundin Anfang der 90er-Jahre auf der Plattform »NetSchafkopf« angemeldet hatte, beschwerte sich dieser, dass die virtuellen Kartler elend schlecht spielten. Adelhard nahm Kontakt zum Entwickler auf und suchte mit ihm nach Möglichkeiten zur Verbesserung der Spielintelligenz. Er war Beta-Tester für neue Funktionen und nutze die damals einzigartige Chat-Funktion mit anderen Spielern intensiv.
Und weil er wusste, dass die Algorithmen von sauspiel.de von einer Frau geschrieben wurden, meldete er sich dort 2008 mit einem weiblichen Account an. Adelhard erlebte es so, dass er zunächst die besseren Karten bekommen hatte. Nachweisen könnte er das nicht. Ganz sicher bekam er jede Menge hässliche Kommentare. »Dass es so viele verächtliche, frauenfeindliche Botschaften geben würde, hatte ich nicht erwartet.«
Beim Live-Schafkopf herrsche stets eine bessere Atmosphäre. Geschimpft werde schon. Aber dass jemand ausrastet oder beleidigend gegenüber anderen Spielern werde, komme nur selten vor. Bei der regelmäßigen Runde mit den Roßtaler Alt-Herren-Fußballern sei das gar kein Thema. »Da kriegt schon mal einer einen roten Kopf. Aber das war’s dann auch.«
Tarife werden am Karteltisch vereinbart

Dittmar Adelhard plädiert nicht zuletzt deshalb für niedrige Tarife. Dann stehe der Spaß im Vordergrund. Dieser Spaß beginnt bei fünf Cent fürs Rufspiel, zehn Cent für Schneider (Spieler erreichen weniger als 31, Nichtspieler weniger als 30 Augen), 15 Cent für Schwarz (ein oder zwei Spieler machen sämtliche Stiche). Für »Laufende«, also die höchsten Trümpfe in einer Reihe, gibt es jeweils fünf Cent obendrauf. Ein Contra verdoppelt den Wert des Spiels. Die Tarife werden aber direkt am Karteltisch vereinbart. Sie können um ein Vielfaches höher sein.
Dittmar Adelhard lehrt als Schafkopf-Dozent an den Volkshochschulen in Stadt und Landkreis Fürth, in Roßtal, Oberasbach, Schwabach und Herzogenaurach. Die Altersspanne seiner Teilnehmenden liegt zwischen 7 und 97 Jahren. Das Angebot reicht vom Anfänger- bis zum Vertiefungskurs, in dem es tatsächlich um Feinheiten des Spiels geht. Etwa darum, was aus dem Gesicht oder den Gesten eines Mitspielers herauszulesen ist.
Seine wichtigste Auftraggeberin ist die VHS Erlangen. Adelhard wunderte sich zuerst über den hohen Frauenanteil von 75 Prozent. Er habe dann aber erfahren, dass das in der Erwachsenenbildung ganz normal sei. Und wie schlagen sich die Frauen? Wirklich gut, sagt Adelhard. Allerdings ignorierten sie manchmal die ungeschriebenen Gesetze des Spiels.
Ruf-Sau wird vom Gerufenen nicht ausgespielt
Zu diesen gehöre, dass die Ruf-Sau vom Gerufenen nicht ausgespielt wird. Denn diese werde mit einer mathematisch berechneten 55-prozentigen Wahscheinlichkeit von einem gegnerischen Spieler gestochen. »Es hat also keinen Sinn, sie gleich auf den Tisch zu legen«, sagt Dittmar Adelhard.
Die Zukunft des Schafkopfs sieht er optimistisch. Es gebe ein wachsendes Interesse junger Menschen, was auch durch zahlreiche Angebote an den Schulen verstärkt werde. Da sei freilich Luft nach oben.
Und was ist die besondere Faszination dieses Spiels? »Jed’s Spui is anders!« heißt es dazu auf der Homepage der Bayerischen Schafkopfschule. Und so ist es auch. Die KI-App Meta AI antwortet auf die entsprechende Frage, dass es für jeden Spieler 10,5 Millionen verschiedene Blätter geben kann. Das erscheint übertrieben. Aber leidenschaftliche Schafkopfer wie Dittmar Adelhard wissen, dass es bei diesem Spiel nie langweilig wird: »Du fängst um Sieben an. Und schon ist es Mitternacht.«
Text: Klaus Schrage
Fotos: Mile Cindric; Gertrud Gerardi / NN-Archiv




