Nicht nur für dunkle Abende: Unsere Magazin-Literaturrezensentin Claudine Stauber hat wieder ein paar Buchtipps für Sie zusammengetragen.

In Wiesbaden arbeitet diese als Volkswirtin, während ihr Verlobter, ein angehender Arzt, weit entfernt lebt. »Worauf warten wir noch?« schreibt er, nicht ahnend, warum seine Zukünftige den Hochzeitstermin wieder und wieder verschiebt. Die intelligente und lebenslustige junge Frau hat ein leidenschaftliches Verhältnis mit ihrem 20 Jahre älteren Chef, mit dem die Gespräche und der Sex so viel aufregender sind als mit ihrem nüchternen Verlobten. »Sie ist nicht dumm. Er wird seine Frau und seine vier Kinder nie verlassen. Alles, was sie will, ist, dass die Zeit so lange wie möglich stillsteht.«
Die Zeit steht nicht still. Die junge Frau muss sich schließlich zwischen illegaler Abtreibung und einem Leben als Arztfrau und Mutter entscheiden. Sie wählt letzteres, schiebt dem Gatten das Kind unter.
Die Ehe ihrer Eltern »mit diesem Schweigen in der Mitte«, sei ein Spiegelbild der Gesellschaft damals, schreibt Byford. Sie selbst spürt früh, dass etwas nicht stimmt: »Ich konnte mich nicht ändern, konnte nicht ungeschehen machen, dass ich größer war als alle anderen in meiner Familie, dass mein Haar dunkel war unter all den Blonden.«
Eigene Erinnerungen und ihre fatale Verliebtheit in eine junge Klientin verschränkt die Autorin in Kursivschrift mit den Passagen über die Mutter. Obwohl sprachlich gekonnt und mit emotionalem Tiefgang erzählt, wirkt diese Amour fou, die zum Glück nur im Kopf der Therapeutin stattfindet, manchmal ein wenig aufgesetzt. Wie die Mutter die Tochter geprägt hat, lässt sich freilich auch daran ablesen.
»Tanzende Spiegel«, Annette Byford, Ars-Vivendi-Verlag, Cadolzburg 2025, 22 Euro
»Reiß dich zusammen!«

Viel mehr als eine Schachtel mit »Vater-Unterlagen« gibt es nicht, als sich die in Berlin lebende Tochter aufmacht in ihr Heimatland. Es beginnt die ausgesprochen fesselnd zu lesende Schilderung einer Recherche, die den Lesenden weit mehr bietet als die private Vergangenheitsbewältigung eines mit biographischen Leerstellen hadernden Halbwaisenkindes. Del Buono flicht geschickt Gespräche mit Freunden ein, gräbt einen detaillierten Unfallbericht über den Zusammenprall des väterlichen VW Käfers mit dem roten Chevrolet aus und zitiert Unfallstatistiken, die das Ausmaß des gewaltigen Sterbens auf den Straßen illustrieren. 50 Millionen Menschen seien bei Autounfällen umgekommen, seit der erste Wagen die Fabrik verlassen hat, heißt es. Das werde hingenommen, als sei es gottgegeben.
Erst 28 Jahre alt war der »E.T.« genannte Unfallverursacher, dem sie sich mit detektivischem Elan auf die Fersen heftet. Er lebt nicht mehr, aber was Zeitzeugen und Archive über ihn berichten, beraubt ihn der diabolischen Aura, mit der ihn Zora del Buono ein Leben lang umgeben hat. Ein netter Mann, zu schnell und mit maroden Bremsen unterwegs, klein, mit Kugelbauch und einer Liebe zu Hunden und Wein. Was wäre gewesen, hätte sie ein paar Jahrzehnte früher mit ihm gesprochen und ihm verziehen? Wäre beiden eine Last von der Seele genommen worden? Wie diese vaterlose Tochter mit sich ins Reine kommt, ist unbedingt lesenswert.
»Seinetwegen«, Zora del Buono, C.H. Beck Verlag, München 2024, 23 Euro
Berlin stinkt wie ein Treibhaus

Die flämische Autorin Gaea Schoeters hat sich diesen irrwitzigen Plot ausgedacht, der zum einen die hektischen Reaktionen der Politik – die Bundestagswahl steht bevor – satirisch aufs Korn nimmt. Zum anderen geht es um globale Zusammenhänge und die Nebenwirkungen westlicher Arroganz. Ein verschärftes Einfuhrverbot für Jagdtrophäen hat dazu geführt, dass sich die Elefanten in Botswana extrem vermehrt und zur gefräßigen Plage ausgewachsen haben. Tebogos Präsent ist also nichts anderes als eine Retourkutsche.
Gaea Schoeters ist die Tochter eines flämischen Politikers, ihre höchst unterhaltsame Parabel beschreibt den Umgang der Parteien mit den invasiven Rüsseltieren entsprechend realistisch und süffisant. Schnell wird ein Elefantenministerium gebildet, die Rechten machen Stimmung gegen die schwergewichtigen Einwanderer, die per Quote auf die Bundesländer verteilt werden sollen. Nur Bayern und Baden Württemberg weigern sich, Tiere aufzunehmen. Man kennt das irgendwoher.
Keine Sorge, die Autorin kriegt mit Schwung die Kurve, bevor es moralinsauer wird. Die tropischen Samen im Elefantendung überwuchern derweil ganz Berlin und die zunächst sehr erfolgreiche Idee, Unmengen Elefantenkacke europaweit als Dünger zu verkaufen, hat ebenfalls unerwartete Nebenwirkungen. »Berlin riecht wie ein Treibhaus, auf das die Sonne knallt.« Jetzt soll die Drittstaatenlösung Deutschland helfen, sich die Elefanten vom Hals zu schaffen.
Pointenreich und bis zum Ende rasant erzählt ist dieser nur knapp 140 Seiten lange Roman. Ein kleiner Leckerbissen.
»Das Geschenk«, Gaea Schoeters, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025, 22 Euro
Nicht alle lieben »Lisa«

»Lisa« ist ein japanischer Pflegeroboter, der für den deutschen Markt erprobt werden soll. Doch in der Seniorenresidenz in einem noblen Hamburger Vorort, in dem der Apparat im Einsatz ist, wird Feuer gelegt. Acht Menschen sterben, eine Bewohnerin schwebt in Lebensgefahr. Ein Fall für den japanischen Gast-Inspektor Kenjiro Takeda und seine Kollegin Claudia Harms. Man ahnt es, die beiden waren ein Liebespaar, das allerdings mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen zu kämpfen hatte. Inzwischen hat die bindungsscheue Claudia Schluss gemacht und ihr japanischer Kollege bekämpft die Trauer darüber nach Feierabend mit seinem Jazz-Saxophon.
Können Androide auf Befehl morden? Wer steckt hinter einem zweiten Brandanschlag? Warum sind die Angehörigen so schwer zu fassen und was verbirgt der japanischen Firmenchef, der »Lisa« marktreif machen will? Autor Henrik Siebold ist in Japan aufgewachsen und hat für eine japanische Zeitung gearbeitet. Sein Ermittler aus dem Land der aufgehenden Sonne wirkt daher ausgesprochen authentisch. Klar, dass er trotz allen Liebeskummers gemeinsam mit Claudia die Fäden entwirrt, die zum Täter führen.
»Inspektor Takeda und die stille Schuld«, Henrik Siebold, Aufbau Verlag, Berlin 2021, 13 Euro
Alle Buchempfehlungen: Claudine Stauber




