Franziska Stengel möchte nach dem Tod ihres Mannes gerne noch einmal auf Reisen gehen. Foto: Matejka

Franziska Stengel möchte nach dem Tod ihres Mannes gerne noch einmal auf Reisen gehen. Foto: Matejka

Sie hielt über ein Vierteljahrhundert, diese Dreier-Beziehung der besonderen Art: zwei Menschen und ihr Fahrzeug. Aufeinander angewiesen, erlebten sie viel Schönes und entdeckten Neues, trotzten jedem Wetter. Franziska Stengel: »Wir haben viel gesehen, blieben aber nie länger als zwei Tage an einem Ort.«

Jetzt steht das Reisemobil, immer noch geliebt und geachtet, gleichwohl verwaist seit einem Jahr, im Carport der 66-Jährigen im Wendelsteiner Ortsteil Kleinschwarzenlohe. Im vergangenen Jahr starb Frau Stengels Ehemann Georg, gerade mal 68 Jahre alt. Er, der gelernte Ingenieur, hatte das Wohnmobil nach ihren Bedürfnissen umgebaut, es in ein kleines, aber feines fahrbares Appartement verwandelt. Kann es nach seinem Tod für Franziska Stengels großes Hobby noch eine Zukunft geben?

Franziska Stengel ist eine agile, zuweilen auch umtriebige Seniorin. Sie selbst sieht sich als Familienmensch an, der gleichwohl Freiraum für sich beansprucht, ihn aber auch anderen zugesteht. Sohn und Tochter wohnen mit ihren Familien in der näheren Umgebung. Und es ist für sie keine Frage, für die Enkel da zu sein, wenn sie gebraucht wird.

Einmal ist sie mit Sophia, der Neunjährigen, für drei Tage mit dem Wohnmobil in den Bayerischen Wald gefahren. »Das war sehr schön«, erinnert sie sich. Eine Enkeltochter ist zwar kein Ersatz für einen Ehemann, aber Sophia sagte der Oma, wo es langgeht, und »sie hat wirklich gekonnt das Navi programmiert«.

Es überkommt sie schon leise Wehmut, wenn sie an die schönen Reisen mit ihrem Mann zurückdenkt. Sie hat ihn zwar zu Beginn ihres gemeinsamen Unterwegsseins erst von der Attraktivität ihrer heimlichen Liebe überzeugen müssen. »Aber dann ist mein Mann sehr gerne mit mir im Wohnmobil losgefahren.«

Die italienische Riviera war immer wieder ihr geliebtes Reiseziel. »In den ersten Jahren konnte man mit dem Wagen wenige Meter bis an den Strand fahren und parken.« Sie bekommt heute noch glänzende Augen, wenn sie an die Abende denkt, die sie dort mit ihrem Georg so lange saß, bis die Sonne im Meer verschwunden war. Indes, Franziska Stengel ist nicht der Mensch, der sich in Erinnerungen verliert. Sie schaut nach vorne, plant, überlegt, setzt sich für soziale Projekte wie Oxfam ein.

Ihren Kindheitstraum, mit einem Wohnmobil zu reisen, möchte sie auch im Alter noch leben dürfen. »Doch allein«, bekennt sie, »will ich halt nicht losfahren.« Sie könnte sich eine Gruppe, ähnlich einer Wandergruppe, vorstellen. Man müsse deshalb ja nicht unbedingt im Konvoi fahren, sich aber am Zielort treffen und gemeinsam die Sehenswürdigkeiten in einer fremden Stadt entdecken. Es könne auch jemand bei ihr mitfahren; doch in der fahrbaren Ferienwohnung nächtigen, das ginge nicht.

Allein als Seniorin mit dem Reisemobil hinauszufahren, das wagt sie nicht mehr. Aber sie ist zuversichtlich. Irgendwann wird sie zu ihrem Reisemobil wieder eine intensivere Zweier-Beziehung aufbauen. Die Batterie ist schon geladen.

Günter Dehn; Foto: Michael Matejka