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Es lebe der Buchladen

Mal wird ihnen das Totenglöckchen geläutet, mal trotzen sie dem Ansturm der großen Handelsketten und den »Amazon(en)« aus der elektronischen Welt: kleine inhabergeführte Buchhandlungen. 700 soll es laut Berechnung des Deutschen Börsenvereins noch geben. Ganz vorne in diesem ungleichen Kampf stehen häufig Frauen im reifen Alter – erfolgreich und oft schon lange.
Kleiner Laden mit sorgfältig ausgewähltem Buchsortiment und kleinen Extras wie hochwertige Säfte, Wein und Marmelade: Rosemarie Reif-Ruppert und ihre Gostenhofer Buchhandlung gehören seit Jahrzehnten zum Stadtteil. Foto: Mile Cindric
Kleiner Laden mit sorgfältig ausgewähltem Buchsortiment und kleinen Extras wie hochwertige Säfte, Wein und Marmelade: Rosemarie Reif-Ruppert und ihre Gostenhofer Buchhandlung gehören seit Jahrzehnten zum Stadtteil. Foto: Mile Cindric

Mal wird ihnen das Totenglöckchen geläutet, mal trotzen sie dem Ansturm der großen Handelsketten und den »Amazon(en)« aus der elektronischen Welt: kleine inhabergeführte Buchhandlungen. 700 soll es laut Berechnung des Deutschen Börsenvereins noch geben. Ganz vorne in diesem ungleichen Kampf stehen häufig Frauen im reifen Alter – erfolgreich und oft schon lange.

von Rainer Büschel

»Unsere Kunden halten das Buch, das sie bei uns bestellt haben, meistens einen Tag nach der Bestellung in der Hand«, sagt die 62-jährige Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung kampfeslustig, »und das schon seit Jahrzehnten.« Länger jedenfalls als Amazon. Das »Ein-Tages-Lieferversprechen« ist keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der Online-Welt. Und die kleinen Buchhändler können auch in vielen anderen Fragen etwas entgegensetzen.

So hat die gelernte Industriekauffrau und Sozialpädagogin in ihren drei kleinen Räumen in der Eberhardshofstraße eine Wohnzimmer-Atmosphäre geschaffen, in der man sich wohlfühlt und sofort schmökern möchte. Unaufdringlich, aber gut sichtbar aufgestellte Neuerscheinungen und Bestseller für weltoffene, (links-)liberale Bürgerinnen und Bürger empfangen die Kunden. Im zweiten Raum, den man durch einen sorgsam abgebeizten Türstock betritt, stehen gut sortierte Literatur und Hörbücher in übersichtlichen Regalen. Im dritten Raum findet sich eine Kombination aus Büchern und kulinarisch hochwertigen Säften, Weinen und anderen Produkten. Denn gutes Essen und Bücher gehen nicht nur im Kochbuch zusammen, die Sinne des Genießers werden hier in jeder Hinsicht angesprochen.

Es sind aber auch die liebevollen Extras, die diese Buchhandlung ausmachen: das »literarische Wohnzimmer« etwa. Das kommt nämlich auf Bestellung in die vier Wände der Käufer: »Eine Mitarbeiterin besucht unsere Kunden mit einem Korb voller Bücher zu Hause und stellt diese privatissime vor«, erklärt Reif-Ruppert ihren kundennahen Service, der im Schnitt drei Mal pro Woche angefordert wird.

Unscheinbare Lage

Rosemarie Reif-Ruppert weiß, dass es wichtig ist, ihre Kunden individuell zu bedienen, sich Zeit für sie zu nehmen und sie gut zu beraten. Deshalb ist auch die kleine, unscheinbare Seitenstraße, in der sich ihr Laden befindet, kein Nachteil. Denn die Aufbruchsstimmung der (ökologischen) Stadteilsanierung in Gostenhof Mitte der 80-er Jahre, als die damals arbeitslose Sozialpädagogin gemeinsam mit einem Mitstreiter ihren Buchladen – damals noch in der Volprechtstraße – eröffnete, sei geblieben.

Eine solche Aufbruchsstimmung spürt man auch, wenn die beiden Schwestern Ingrid Sauer (73) und Ilse Arnold (77) die Geschichte ihrer Buchhandlung »Frenkel & Co.« in der Fürther Straße erzählen. Sie übernahmen die 1935 gegründete Buchhandlung Schimatschek, in der die ältere der Schwestern eine Buchhändlerlehre absolvierte, im Jahr 1970, um sie in Eigenregie weiterzuführen. Ihre Männer hätten es zu dieser Zeit wohl lieber gesehen, dass sie zu Hause geblieben wären. Dennoch unterstützten sie sie nach einiger Überzeugungsarbeit sowohl finanziell als auch ideell. Was sicher notwendig war, da beide Frauen – im Sinne der damals üblichen Rollenteilung – neben ihrem Beruf auch noch den Haushalt zu führen und die Kinder zu versorgen hatten. Zwar war es am Anfang ein mühsamer Weg, aus der Schuldenzone herauszukommen, man konnte sich aber auf ein treues Stammpublikum verlassen: »Wir haben Kunden, deren Eltern schon bei uns Bücher gekauft haben«, sagt die jüngere Schwester.

So findet man in der Buchhandlung Frenkel Co. gut sortiert Belletristik, Krimis, Kinder- und Gartenbücher, Reiseliteratur und vieles mehr. »Wir haben uns nie spezialisiert und verzichten weitgehend auf den Verkauf von Produkten rund ums Buch«, erklärt Ilse Arnold die Philosophie des kleinen, leicht in die Jahre gekommenen Ladens. »Aber wir haben von dem Wandel der angrenzenden Stadtteile profitiert.« Gerade in den letzten Jahren kommen verstärkt Studierende zu ihnen, bedingt durch die Eröffnung der Evangelischen Fachhochschule. Aber auch der Zuzug Bildungsbeflissener im Bereich des an die Fürther Straße grenzenden Stadtteils Rosenau bringt gerade in jüngster Zeit neue Kundschaft. Und nicht zu vergessen und nicht zu übersehen: Dieses Publikum kauft gerne Kinderbücher und solche für den Vorschulbereich.

Ohne Kinder(-bücher) ginge es auch in der Buchhandlung der 63-jährigen Ursula Hain in der Rollnerstraße nicht, die seit 1988 existiert. Im Verkaufsraum mit dem Charme der späten 80-er Jahre finden die Eltern ausgewählte Kinder- und Jugendliteratur, dicht gedrängt in Holzregalen. Aber Ursula Hain hat etwas zu bieten, das es in Nürnberg möglicherweise kein zweites Mal gibt: In einem fast gleich großen zweiten Raum stehen noch dichter gedrängt alle möglichen Tiere, Puppen und Spielzeug, die Kinderherzen höher schlagen lassen. »Ohne diese Artikel«, bekennt die studierte Bibliothekarin, »wäre es schwieriger, das Geschäft zu halten.« Auf die Idee, Spielzeug und »geistige Nahrung« gemeinsam zu verkaufen, brachte sie ein ehemaliger Mitarbeiter, der Holzspielzeug in großer Menge in das Geschäft mitbrachte. Der Mitarbeiter hat den Laden verlassen, Holzspielzeuge gibt es nun weniger, aber ein Paradies für Kinder ist die Buchhandlung immer noch.

Kinder und Jugendliche spielen auch noch auf einer anderen Ebene eine große Rolle für Ursula Hain: »Schauen Sie sich um«, erklärt sie, »mein Buchladen ist von Schulen umstellt.« Scharrer-, Labenwolf- und Hans-Sachs-Gymnasium, Fachoberschule sowie Uhland- und Hegelschule sind alle nicht weit entfernt. Und Hain bedient diesen Lesernachwuchs sehr gern, mit Büchertischen, Gutscheinen und, ja, auch mit guten Neuerscheinungen. Ansonsten richtet sich ihr Angebot an ein Bildungsbürgertum in den angrenzenden Stadtteilen, »das ein bisschen links tickt«, fügt sie verschmitzt hinzu.

Dieses Publikum dürfte sich auch in der »Literarischen Buchhandlung« der 60-jährigen Ilse Wierny in der Südlichen Stadtmauerstraße in Erlangen finden. Aber sie richtet sich mit ihrem Angebot eindeutig an kunstsinnige Konsumenten. Seit Herbst 1980 bietet sie in ihren geschmackvoll und stilsicher eingerichteten Räumen sogenannte gehobene Literatur an. »Ich betrachte mich trotzdem als Vollbuchhandlung«, sagt sie zur Philosophie ihres Geschäfts, »weil ich jedes gewünschte Buch besorgen kann.« In ihrem Laden werde man aber kaum Bestseller finden.

Wenn man mit Ilse Wierny spricht, bemerkt man ihr Faible für große Literatur, Kunst, Filme und Theater, abseits des Mainstreams. Das ist aber nicht nur für Kenner sehr interessant. Denn die Kunden werden hier – neben einer fachkundigen Beratung – mit Sichtweisen konfrontiert, die nicht alltäglich sind, ungewöhnlich und herausfordernd. Egal, ob es sich um den Soziologen Adorno oder große Regisseure handelt – Bücherliebhaber kommen auf ihre Kosten. Die Auswahl ist das eine, Bücher, die aufwändig gedruckt sind oder ein ungewöhnliches Format haben, das andere. »Ich will mit meiner Auswahl niemanden ausschließen und schon gar nicht auf Menschen herabsehen«, meint sie, »aber bei mir im Laden stehen die ästhetischen, kulturellen Elemente des Buches im Vordergrund.«

Minimum: 50 Arbeitsstunden pro Woche

Befragt man Ilse Wierny nach Arbeitszeiten und Verdienst, rechnet sie vor, dass es unter einer Arbeitszeit von 50 Stunden pro Woche nicht abgeht – bei nicht gerade üppigem Verdienst. Gleiches lässt sich auch von den Nürnberger Buchhändlerinnen sagen. Zwar greifen fast alle auf oft langjährige Mitarbeiterinnen zurück, die Hauptlast bleibt aber an den Inhaberinnen hängen. Alle haben die 60 überschritten, arbeiten seit 30, 40 Jahren, im eigenen Laden. Warum tun sie sich das noch an? Die Antworten reichen von »Weil es keinen interessanteren Beruf gibt« (Reif-Ruppert) über »Das ist mein Leben« (Wierny) bis hin zu »Wir leben mit Büchern« (Ilse Arnold).

Dabei schwingt ein gewisser Stolz auf die Lebensleistung mit, und sie sind sichtlich froh, es bis heute immer wieder geschafft zu haben. Denn die Entscheidung, sich selbstständig zu machen, war niemandem leicht gefallen. Oft war eine Phase der Arbeitslosigkeit die Initialzündung für diesen Schritt. Auch wenn die Frauenbewegung in den Gründungsjahren eine Rolle gespielt hat, für die fünf Buchhändlerinnen war sie eher weniger von Bedeutung. Im Vordergrund stand der unbedingte Wille, einen Buchladen in Eigenregie betreiben zu wollen.

Arbeiten bis zum Umfallen

Aber wie soll es weitergehen, und gibt es eine Nachfolge – immerhin ist das offizielle Rentenalter nah beziehungsweise schon überschritten? »Ich arbeite bis zum Umfallen«, antwortet Ursula Hain etwas trotzig. Denn nach etlichen Umsatzeinbrüchen durch die großen Buchhäuser und Versandhändler zur Jahrtausendwende haben sich zumindest die Läden der fünf Frauen stabilisiert. Eine treue Stammkundschaft, Veränderungen im Stadtteil, der Wunsch nach guter Beratung und einer Atmosphäre, in der man als Kunde angenommen ist, sowie ein Publikum, das gerne gemeinsam mit seiner Buchhandlung älter wird, scheinen dann doch die Existenz zu sichern. Auch wenn niemand davon reich wird. Wie lange das noch so geht, das hängt von der Kraft und der Gesundheit ab. Und auch davon, ob die nächste Generation nur noch E-Books liest

Eine Antwort

  1. wie bei so vielen dingen im leben, gehört auch zu diesem job eine große menge idealismus. wir glauben, daß das gedruckte wort (buch) weiter bestehen wird. wie schön waren unsere buch-fantasie-reisen. kinder sollten durch vorlesen rechtzeitig an bücher herangeführt werden. aber……. auch muss das buch bezahlbar sein, also am besten taschenbuch-ausgabe, denn regale voll ledereinbände, dies ist überholt. eine omi von uns macht heute noch den FS aus (nur brutalität) und nimmt sich ein gutes buch. zum glück gibt es inzwischen auch bücher-tauschbörsen, für leute mit wenig geld (diese würden sowieso kein buch kaufen)

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