Kochen, lesen, viel reden – vor allem über politische Entwicklungen – das verbindet das Paar Usch und Butus bis heute. Foto: Kat Pfeiffer

Es war die Zeit der Studentenbewegung und der Wohngemeinschaften in den 1970-er Jahren in Nürnberg. Usch Dieckmann, damals Anfang 30, Buchhändlerin, attraktiv und in Nürnberg bekannt wie ein bunter Hund, hatte mit ihrer »Bücherkiste« einen echten Treffpunkt ins Leben gerufen. Fast alle, die politisch interessiert waren, kamen hier zusammen. Auch Roland Faltermaier-Dieckmann, zu dieser Zeit knapp 18 Jahre alt, und damit 15 Jahre jünger als die Buchhändlerin. Die beiden fanden Gefallen aneinander. »Einen romantischen Moment gab es nicht, aber ich kann mich an sein Grinsen erinnern«, sagt die heute 83-jährige Usch. »Das gefällt mir immer noch. Zumindest meistens.« Für Roland Faltermeier-Dieckmann, genannt Butus, war die Frau »interessant, aber unerreichbar«. Auf Gleichaltrige sei er damals mehr gestanden, sagt der heute 68-Jährige. Außerdem sei die Usch ja auch in festen Beziehungen gewesen. 

Lange hatte jeder sein eigenes Reich

Dennoch fanden sie zueinander. »Richtig verliebt haben wir uns erst, als wir schon zusammengewohnt haben in einer WG. 1974 war das. Da waren wir 22 und 37 Jahre alt«, erzählt die Buchhändlerin. »Der Butus war aus seiner alten WG geschmissen worden und hatte gesagt, er könne doch jetzt nicht wieder nach Hause ziehen. Und bei uns war ein Zimmer frei.« Doch lange wohnten sie nicht zusammen; Usch wurde die WG zu eng, sie zog um ans Prinzregentenufer, in eine andere Wohngemeinschaft. Butus zog erst viele Jahre später hinterher. Zusammengeblieben sind sie trotzdem. 

An das Treffen, bei dem er Usch seinen Eltern vorgestellt hat, kann sich der 68-Jährige noch gut erinnern: »Mein Vater meinte, die sei doch wohl eher was für ihn; er war nur fünf Jahre älter als die Usch.« Die junge Frau wurde zunächst aber dennoch akzeptiert – bis sie im Alter von fast 40 Jahren mit dem gemeinsamen Sohn Jan schwanger wurde. Usch Dieckmann erinnert sich: »Da dachten deine Eltern, ich will dich dadurch fest an mich binden, und sie wollten mich nicht mehr sehen.« Dabei war genau das Gegenteil der Fall: Immer wieder hadert sie mit ihrem Alter, damit, dass sie einem jungen Mann die Möglichkeit nimmt, sich auszuprobieren. »Als unser Sohn auf die Welt kam, gab es eine Zeit, in der ich glaubte, nur noch Liebe für das Baby zu haben.« Sie habe gedacht, dass sie ihm doch nicht verbieten könne, seine eigenen sexuellen Erfahrungen zu machen. »Was du von mir nicht kriegst, musst du dir woanders holen«, hatte Usch damals leichtsinnig gesagt. Und genau so kam es: Butus lernte eine junge Frau kennen, die von ihm schwanger wurde und eine Tochter bekam. »Getrennt haben wir uns deshalb nicht, gelitten habe ich schon«, sagt Usch Dieckmann rückblickend. Heute leben sie Patchwork, sind Großeltern von acht Enkelkindern, davon fünf gemeinsamen.

Der Freundeskreis hatte kein Problem

Bedingungslose Ehrlichkeit ist die Basis ihrer Beziehung. Ein jeweils eigener Freundeskreis mit Gleichaltrigen, die allerdings nie ein Problem mit dem Altersunterschied des Paares hatten, und sicher auch die Arbeit halfen, die Beziehung glücklich zu halten. 

Mit 70 Jahren und nach einigen Umzügen der »Bücherkiste« schloss Dieckmann 2007 dann ihren Laden. »Das war hart, ich war plötzlich nur noch die Usch, ohne Bücherkiste.« Es war eine echte Identitätskrise, die sie erfasste. »Und ich hab natürlich erwartet, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn ich von der Arbeit heimkomme«, sagt Butus lachend. »Quatsch, natürlich nicht«, stellt er richtig. Er selbst arbeitete bis 2017 als Sozialarbeiter und ist heute noch in der Schuldnerberatung tätig. 

Gesundheit machte einen Strich durch die Rechnung

Verreisen, am liebsten nach Lanzarote, oder Wandern und einfach mal in die Kneipe gehen – dafür hätten die beiden jetzt in der Rente eigentlich viel Zeit. Aber da macht die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung: Usch Dieckmann lebt mit Sauerstoffgeräten, kann nicht mehr weit laufen. »Jetzt schlägt das Alter zu«, sagt ihr Mann bedauernd. Und Usch ergänzt: »Manchmal suche ich nach Wörtern, da wird er ungeduldig. Wie heißen die Dinger, die du so gern isst?«, fragt sie. »Artischocken«, antwortet er und lacht. 

Kochen, Lesen, viel reden (»politisch stehen wir uns sehr nah und haben immer ein Thema«) verbindet das Paar, das 1983 heiratete, als Sohn Jan in die Schule kam. Sie sind sich einig: Wenn man sich nach über 45 Jahren immer noch nicht auf den Wecker geht, ist das doch etwas Besonderes. »Und so ist es«, sagt Roland Faltermaier-Dieckmann. »Der Butus hat seinen Zivildienst im Altersheim abgeleistet, ich werde also immer gut versorgt sein«, meint Usch Dieckmann lächelnd, und ihr Mann drückt liebevoll ihren Arm. 

Text: Katja Jäkel
Foto: Kat Pfeiffer