»Meist sind es Frauen, die zu uns kommen«: Cornelia Schmidt (links) vom Suchthilfezentrum der Stadtmission bietet Abhängigen Beratung an. Foto: Mile Cindric

»Meist sind es Frauen, die zu uns kommen«: Cornelia Schmidt (links) vom Suchthilfezentrum der Stadtmission bietet Abhängigen Beratung an. Foto: Mile Cindric

Die Lehrerin war am Verzweifeln. Der elfjährige Peter (Name geändert) war so was von zerstreut. Ganz selten hatte der Bub seine Hausaufgaben gemacht; fast immer irgendwelche Hefte und Bücher vergessen. Sich zu konzentrieren, fiel ihm ungemein schwer. Mit seinen Gedanken schien er stets woanders. In mühsamen und eindringlichen Gesprächen kam die Lehrerin der Ursache für Peters Verhalten auf den Grund:
Peter wuchs bei seiner Großmutter in Nürnberg auf. Man dachte, da sei er am besten versorgt. Doch die 62-jährige Oma war Alkoholikerin. Peter musste sich um die Schwerabhängige kümmern, sie zu Bett bringen, wenn sie wieder betrunken war. Und das war sie fast jeden Tag. Einmal ließ sie die Schnapsflasche auf den Küchenboden fallen. Die Flasche zerbarst. Peter kam dazu, als seine Großmutter auf dem Boden kniete, um noch kleine Rinnsale des Schnapses aufzulecken. Als die Lehrerin diese furchtbaren Erlebnisse hörte, schaltete sie den Allgemeinen Sozialdienst der Stadt Nürnberg ein, der sich daraufhin um die Frau und das Kind kümmerte.
Ein dramatischer Fall. Aber keineswegs ein Einzelschicksal. Etwa zwei Drittel der schätzungsweise 400 000 alkoholkranken Alten sind alt gewordene Abhängige.
Erfreuliche Tatsache ist, dass der durchschnittliche Alkoholkonsum im höheren Lebensalter deutlich unter dem des mittleren Erwachsenenalters liegt. Zu dieser Einschätzung kommt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen im westfälischen Hamm. Ein Grund liegt darin, dass Senioren weniger Alkohol vertragen. Außerdem: immer mehr Ältere legen Wert auf ihre Gesundheit.
Das heißt freilich nicht, dass ältere und alte Menschen nicht gefährdet wären. In der bislang einzigen Studie in dieser Form über »Alkoholabhängigkeit bei Senioren« kommt die Suchtexpertin und Diplombiologin Heike Stahlhut aus Westfalen zu dem Schluss, dass die Alkoholabhängigkeit älterer Menschen hier zu Lande immer noch ein Tabu ist: »Das Problem wird verharmlost.« Häufig sehen die Angehörigen, aber auch das Personal in den Alten- und Pflegeheimen über das Trinkverhalten von Oma oder Opa hinweg, reden es sich schön: Sollen wir ihm die letzte Freude nehmen? Nur, wenn Vater oder Mutter auffällig wird, der Haushalt verschlampt, Stürze an der Tagesordnung sind, die Mutter auffallend langsam spricht – dann greifen meist die Kinder ein.
Typisch ist, dass die Ausfälle erst einmal auf altersbedingte Beschwerden zurückgeführt werden. Muss da gleich Alkohol im Spiel sein, wenn Großmutter oder Großvater nicht so fit und agil sind wie manche ihrer Altersgenossen?
Cornelia Schmidt vom Suchthilfezentrum der Nürnberger Stadtmission hat häufig die Erfahrung gemacht, dass Tochter oder Sohn die Initiative ergreift und eines Tages mit der Mutter zur Beratung kommt. »Allerdings«, weiß die 54-jährige Diplom-Sozialpädagogin, »ist der Anteil älterer suchtabhängiger Menschen, die Hilfe und Beratung annehmen wollen, eher gering.« Von den 921 Personen aus dem Großraum Nürnberg, die im vergangenen Jahr das Suchthilfezentrum in der Solgerstraße 21 aufsuchten, waren 41 Frauen und Männer über 60 Jahre alt.
»Meist sind es Frauen, die zu uns kommen«, sagt Cornelia Schmidt. Sie jedenfalls lassen sich auf Beratung und ambulante Rehabilitation eher ein, um ihrem Leben auch im Alter einen neuen Sinn zu geben. Sie haben erkannt, dass sie das aus eigener Kraft nicht schaffen. Aber die Hemmschwelle, sich auf Beratung und notfalls auf Therapie einzulassen, ist vor allem bei älteren Menschen hoch. Cornelia Schmidt: »Häufig werden wir mit einem Amt, einer Behörde gleichgesetzt. Und wer hat schon gern mit Ämtern zu tun?!«
Die wahren Ursachen
Die Nürnberger Suchthelferin Schmidt wünscht sich, dass Hausärzte stärker die Alkohol-Problematik bei manchen Diagnosen mit ins Kalkül ziehen. Nicht immer könne man bei Prellungen und Abschürfungen, bei Interesselosigkeit, Schwindel, Appetitverlust und nachlassender Konzentration auf altersbedingte Schwächen schließen. Nicht selten haben Stürze eben keine geriatrische Ursachen, sondern sind auf den übermäßigen Alkoholkonsum, eventuell noch verstärkt durch die Einnahme von Medikamenten, zurückzuführen.
Einfach ist es nicht, abhängigen Senioren auf die Schliche zu kommen. Sie trinken weniger exzessiv, haben keinen Vollrausch, sondern trinken eher über den Tag verteilt, zu Hause und allein. Dazu kommen noch Kreislaufmittel wie Melissengeist oder Hustensäfte, die oft bis zu 80 Prozent Alkohol enthalten.
Babette Kuhn (Name geändert) hat ihr Problem selbst erkannt. Die Nürnbergerin aus der Nordstadt unterzog sich einer selbstkritischen Prüfung und kam zu dem glasklaren Schluss: Irgendwas stimmt nicht mit dir, wenn du immer mehr trinkst. Sie ließ auch die Folgen ihrer Lebenssituation nicht mehr als Ausrede gelten: Jahrelanger Stress an der Kasse im Supermarkt, daheim der kranke Ehemann, den sie über vier Jahre hinweg bis zu seinem Tod pflegte. Ruhestand und Tod des Mannes brachten ihr keine Entlastung. Im Gegenteil. Sie fiel in ein tiefes, schwarzes Loch: »Ich sah keinen Sinn mehr in meinem Leben.«
Ein Glas Wein am Abend machte alles ein wenig leichter. Sie schlief auch rascher ein, musste nicht so lange grübeln. Am Morgen ein Gläschen Cognac – und der Tag in ihrer großen Wohnung sah viel freundlicher aus. Es blieb gleichwohl nicht bei einem Gläschen Wein am Abend. Und der alkoholgeschwängerte Start in den Morgen machte sie irgendwann stutzig. »Da hab´ ich begriffen: so kann es nicht weitergehen.« Sie wandte sich an das Suchthilfezentrum der Stadtmission.
Seit fast zwei Monaten geht Babette regelmäßig einmal in der Woche zur Beratung. »Das hilft mir sehr«, sagt sie.
»Die Abende«, klagt sie, »die Abende sind so lang, so unendlich lang. Da balanciere ich immer an der Grenze«. Da wird die Sehnsucht nach einer kleinen Weinschorle manchmal geradezu übermächtig. Sie ist innerlich unruhig, immer noch. Sie weiß, dass sie noch nicht überm Berg ist.
Natürlich hat auch die Tochter mitbekommen, dass mit der Mutter irgendwas nicht stimmt. »Aber ich habe selbst die Initiative ergriffen«, versichert die 69-Jährige. Darauf ist sie stolz.
Günter Dehn


Information
Gesunde Erwachsene mittleren Alters sollten höchstens bis zu 20 Gramm (bei Frauen) und 30 Gramm Alkohol (bei Männern) zu sich nehmen. Ein Glas Bier (0,25 l), ein Glas Wein (0,125 l) enthalten 10 Gramm reinen Alkohol. Einig sind sich alle Fachleute darüber, dass an zwei Tagen in der Woche kein Alkohol getrunken werden sollte. Auch deshalb, um eine Gewöhnung zu vermeiden.
Bei älteren Frauen und Männern Grenzwerte festzulegen, ist nicht einfach. Zu viele Faktoren spielen hinein: gesundheitliche Einschränkungen etwa oder die regelmäßige Einnahme von Medikamenten. Experten meinen, dass 65-Jährige und Ältere täglich nicht mehr als 0,25 l Bier oder 0,1 Liter Wein trinken sollten. Doch 26 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen über 60 Jahre trinken täglich mehr als 30 bzw. 20 Gramm Alkohol.
Eine Entziehungskur auch für ältere und alte Menschen wird von den Krankenkassen bezahlt. Nur Reha-Maßnahmen, für die die Rentenversicherung zuständig ist, werden von dieser nicht mehr übernommen – die Alten müssen nicht mehr in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Vielfach springt aber hier die Krankenkasse ein.
Weitere Infos unter www.dhs.de oder:
Die Studie von Heike Stahlhut über Alkoholabhängigkeit bei Senioren ist abrufbar unter www.suchthilfe-werne.de