Formvollendet in Aktion: der Gesellschaftsfinger. Foto: Wolfgang Gillitzer

Wenn man in früheren Zeiten wissen wollte, wer sattelfest in Sachen Tischmanieren war, dem servierte man ein Tässchen Tee. Denn hierbei ließen sich die Knigge-Kenntnisse besonders gut studieren. Würde er oder sie die Zuckerzange benutzen (hoffentlich!), und wie würde das Tässchen mit Earl Grey an den Mund geführt? Jetzt kommt es auf den kleinen Finger an. Formvollendet war es, wenn der Teetrinker ihn leicht abspreizte. Deshalb nannte man den Kleinen auch gern »Gesellschaftsfinger«.

Freilich übertrieb es mancher mit dem guten Benehmen. Im Glauben, dass die Spreizung prinzipiell als fein gilt, hielten einige Zeitgenossen auch Messer und Gabel oder Weingläser mit nach oben zeigenden kleinen Fingern. Mon Dieu! Was für ein Fauxpas!

Doch weswegen kam der Gesellschaftsfinger überhaupt in Mode? Wer im Internet nach Erklärungen sucht, stößt auf viele Möglichkeiten. Vielleicht liegt es am Format der feinen Porzellantassen, aus denen der Tee getrunken wird? Wenn die Finger nach den filigranen Henkeln der flachen Tässchen greifen, ist der kleinste von den Fünfen im Weg. Eine andere – wenig überzeugende – Erklärung lautet, am abgespreizten Finger könne man sehr gut beurteilen, wie gepflegt die Person ist. Andere führen Kaiserin Theophano an, die im 10. Jahrhundert als Gemahlin Otto II. das Heilige Römische Reich mitregierte. Damals sei es Mode gewesen, den Kleinen und den Mittelfinger zum Schneuzen zu benutzen. Oder war es doch eher das Nasepopeln, warum man den Finger von der Tasse weghielt? Oder zeigte man damit an, dass man gesund ist, weil sich manche Krankheiten wie die Syphilis auf die Feinmotorik auswirken? Seht her, ich kann meine Finger einwandfrei bewegen!

Die Nürnberger Benimm-Expertin Stefanie Frieser weiß es genau: Die Sitte des Abspreizens gehe auf den französischen Hof Ludwigs XIV. zurück, erklärt sie auf Nachfrage. Die feine Gesellschaft habe damals das Pudern dem Waschen mit Wasser und Seife vorgezogen und Perücken getragen, in die sich Flöhe und Läuse einnisteten. Den kleinen Finger, dessen Nagel man lang wachsen ließ, nutzte man zum Kratzen und hielt ihn deshalb fern. 

Bei Benimm-Regeln müsse man immer fragen, welchen Zweck sie erfüllen, so Frieser. Weil uns heute kein Ungeziefer mehr plagt, hat der Gesellschaftsfinger daher ausgedient.

Text: Georg Klietz
Foto: Wolfgang Gillitzer